Berlin - Bis Ende 2014 will die Nato ihre Soldaten aus Afghanistan abziehen. Was danach in dem vom jahrelangen Krieg zermürbten Land geschieht, weiß niemand genau. Eine Verlierergruppe steht jedoch schon fest: die afghanischen Frauen. Schon heute leiden sie unter den Taliban, die vielerorts wieder das Sagen haben. Menschenrechte gelten für sie nicht, Berichte über brutale Misshandlungen schockieren die Weltöffentlichkeit.
Aus Furcht vor einer landesweiten Rückkehr der Taliban verlassen nun offenbar immer mehr junge Frauen das Land. "Sie sehen keine Zukunft mehr für sich in Afghanistan", sagte Selay Ghaffar der britischen Zeitung "The Observer". Sie leitet die Kabuler Hilfsorganisation Humanitarian Assistance for the Women and Children of Afghanistan. Nach ihren Beobachtungen findet ein regelrechter "Brain Drain" statt. Vor allem gut ausgebildete Frauen suchen Stipendien oder Arbeit im Ausland.
Guhramaana Kakar, Beraterin von Präsident Hamid Karzai in Frauenrechtsfragen, beklagte, dass Frauen von politischen Prozessen ferngehalten würden. Beim Nato-Gipfel in Chicago seien Frauenrechte ignoriert worden. "Frauen werden regelmäßig am Arbeitsplatz schikaniert", sagte Kakar dem "Observer". Sie würden ausgebeutet und von Männern attackiert, weil sie zur Schule oder zur Arbeit gingen.
Die Zahl der zivilen Opfer des Bürgerkriegs ist in den vergangenen Jahren stetig gestiegen. 2011 waren es mehr als 3000 Tote. Beobachter gehen davon aus, dass Frauen und Kinder überproportional betroffen sind. Immer mehr Mädchen und Frauen blieben aus Angst im Haus, beklagte Kakar. Bei den Verhandlungen zwischen der afghanischen Regierung und den Taliban würden Frauenrechte ignoriert.
86 Prozent haben Angst vor Rückkehr der Taliban
Auch wenn der Nato-Einsatz in Afghanistan als missglückt gilt - zumindest die Frauen in dem Land haben davon profitiert. Dies belegt eine Befragung von 1000 Frauen, durchgeführt von der Hilfsorganisation ActionAid. 72 Prozent der Befragten erklärten, dass ihr Leben sich seit der Nato-Intervention im Jahr 2001 verbessert habe.
Nach dem Truppenabzug 2014 rechnen 37 Prozent mit einer Verschlechterung ihrer Situation. 86 Prozent haben Angst vor einer Rückkehr der Taliban. Jede Fünfte verwies dabei auf drohende Einschränkungen bei der Schulausbildung ihrer Töchter.
"Frauen leiden am meisten unter der mangelnden Sicherheit", sagte Kakar dem "Observer". Selbst zu Hause würden sie Opfer von Gewalt und Missbrauch, was Gerichte und die Regierung stillschweigend hinnähmen. "Alle Afghanen, Männer und Frauen, wollen ein Land ohne ausländische Truppen. Aber die internationale Gemeinschaft sollte die Frauen auf die Agenda setzen und ihre Sicherheit und Freiheit sichern."
Auf die schlimme Lage der Frauen hatte erst kürzlich Human Rights Watch hingewiesen. Die Menschenrechtsorganisation hatte 58 Interviews mit inhaftierten afghanischen Frauen geführt - ihre Lage sei aussichtslos. Die Ehefrauen waren von ihren Männern geschlagen oder vergewaltigt worden und vor ihnen weggelaufen.
Statt jedoch bei der Polizei oder staatlichen Einrichtungen Hilfe zu erhalten, landen die Opfer regelmäßig wegen sogenannter "moralischer Verbrechen" im Gefängnis und müssen dort oft langjährige Haftstrafen absitzen. Zehn Jahre nachdem die westlichen Armeen die Taliban vertrieben haben, sei das immer noch die Realität in Afghanistan, klagte Human Rights Watch und forderte von der Bundesregierung mehr Einsatz für die Rechte der Frauen in dem Land.
hda
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