Anhörung vor Unterhaus Rupert Murdoch zeigt Schwäche im Kreuzverhör

Nichts fragen, nichts wissen: Der Auftritt von Rupert und James Murdoch vor den britischen Parlamentariern gab tiefe Einblicke in den Managementstil der Firma News Corp. Die Nachfolgedebatte ist längst im Gang, doch der Patriarch will nicht gehen - er sei "die beste Person, um dies aufzuräumen".

Von , London

REUTERS

Die Luft war schon raus, die Abgeordneten des Medienausschusses schleppten sich durch die letzten Fragen an Rupert und James Murdoch, da kam um 16.54 Uhr plötzlich Bewegung in den Anhörungssaal des Londoner Portcullis House. Ein Mann aus dem Publikum trat von hinten an Rupert Murdoch heran und klatschte ihm eine Torte aus Rasierschaum ins Gesicht. Murdochs Frau Wendi, die in der ersten Zuschauerreihe gleich hinter ihrem Mann saß, sprang auf und haute dem Angreifer eine runter. Der Mann wurde abgeführt, die Sitzung für eine Viertelstunde unterbrochen.

"Einen guten linken Haken hat Ihre Frau, Mister Murdoch", sagte der Labour-Abgeordnete Tom Watson nach der Unterbrechung. Es war das einzige Kompliment, das Murdoch an diesem Nachmittag zu hören bekam.

Über zwei Stunden lang befragten die elf Abgeordneten des Medienausschusses des britischen Unterhauses am Dienstag den Vorstandsvorsitzenden der News Corp. und seinen Sohn James, der für das Europa- und Asiengeschäft zuständig ist. Der Auftritt von Vater und Sohn war der bisherige Höhepunkt des Abhörskandals um die eingestellte britische Boulevardzeitung "News of the World".

Die Parlamentarier wollten wissen, warum News International und der amerikanische Mutterkonzern News Corp. in der seit 2006 schwelenden Hacking-Saga so lange untätig geblieben sind. In den vergangenen Jahren hatten sich die Abgeordneten von News-Corp.-Managern systematisch belogen und getäuscht gefühlt. Nun wollten sie erfahren, was der greise Patriarch selbst von den Vorgängen bei seinem britischen Flaggschiff wusste.

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Spitzelskandal: Attacke auf Murdoch
Wie sich herausstellte, reichlich wenig. Rupert Murdoch behauptete steif und fest, in all den Jahren nie über die illegalen Abhörpraktiken, die Bestechungsgelder an Polizisten oder die Millionenzahlungen an Abhöropfer informiert worden zu sein. Als Grund gab er an, seine Firma sei so groß, da könne er nicht über alles Bescheid wissen.

Der Auftritt wird diejenigen bestärken, die den Abgang des Firmengründers fordern. Längst wird darüber spekuliert, ob der 80-Jährige noch alles im Griff hat und nicht besser das Ruder an einen Jüngeren übergeben sollte. Seine Aussage dürfte das Vertrauen der Anleger kaum erhöht haben. Zu sehen und zu hören war ein alter Mann, der zögerlich antwortete, lange Pausen machte und mitunter desorientiert wirkte. Häufig antwortete er einsilbig, meist mit "Nein". Und obwohl sie keine Geständnisse erwartet hatten, waren die Abgeordneten doch verblüfft, was er alles nicht wusste.

Vater Rupert Murdoch hat von vielem "nie gehört"

Was er sich gedacht habe, als der Medienausschuss 2009 in einem Bericht seinem britischen Topmanagement, inklusive seinem Vertrauten Les Hinton, "kollektive Amnesie" vorwarf? "Nie gehört", sagte Murdoch.

Ob die Chefredakteure der "News of the World", mit denen er samstags häufig telefonierte, denn nie erwähnt hatten, dass sie Schadensersatz und Schmerzensgeld in Millionenhöhe zahlen mussten? "Nein."

Ob er nicht aufgehorcht habe, als seine Chefredakteurin Rebekah Brooks 2003 vor einem Ausschuss einräumte, die "News of the World" habe Polizisten bezahlt? Nein, er habe davon nichts gewusst.

Und so ging es den ganzen Nachmittag lang. Sein Managementstil sei wohl eher "hands off", bemerkte ein Abgeordneter süffisant. Darauf knurrte Murdoch, er sei sehr "hands on", er arbeite zehn bis zwölf Stunden am Tag. Aber die "News of the World" mache weniger als einen Prozent seines Umsatzes aus. "Vielleicht", sagte er, "habe ich die 'News of the World' ein wenig aus den Augen verloren".

Murdoch wurde auch gefragt, ob er in den vergangenen Wochen über seinen eigenen Rücktritt nachgedacht habe. Schließlich sei er doch der Kapitän des Schiffs. "Nein", sagte Murdoch. Warum nicht? "Weil Leute, denen ich vertraut habe, mich enttäuscht haben. Ich bin die beste Person, um das aufzuräumen."

Es blieb allerdings unklar, welche Manager in der zweiten Reihe er damit meinte. Seine beiden zurückgetretenen Vertrauten Les Hinton und Rebekah Brooks, die führenden Figuren von News International in den Skandaljahren, nahm er jedenfalls in Schutz. Beide hätten nichts gewusst, sein Vertrauen in beide sei ungebrochen.

Es war insgesamt ein wenig überzeugender Auftritt des alten Herrn. Die Show der Schwäche mag kalkuliert gewesen sein, um Sympathien beim britischen Publikum zu sammeln. Der tätliche Angriff dürfte zusätzlich helfen, Mitleid in der Öffentlichkeit zu wecken. Aber das Bild vom mit Rasierschaum bekleckerten Medienmogul könnte im Nachhinein noch zu einem Symbol seines Niedergangs werden.

Sohn James Murdoch spielt den Chef-Aufklärer

Sein 38-jähriger Sohn James hingegen brannte darauf, sich als Mann der Zukunft zu empfehlen. Er dominierte die Gesprächsführung und antwortete gern anstelle seines Vaters. Er zeigte, dass er die Details beherrschte und spielte den Chef-Aufklärer, der dem Skandal nun auf den Grund gehen wolle. Auch für ihn sei es "ein sehr frustrierender Prozess", sagte er.

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Murdoch, Coulson, Brooks und Co.: Die Gesichter hinter dem Skandal
Doch glaubwürdig wirkte auch er nicht. Wie sein Vater behauptete er, vor Ende 2010 nichts von den Abhörmethoden gewusst zu haben. Dabei war er unmittelbar für den britischen Markt zuständig. Obendrein hatte er 2008 die Schadensersatzzahlung von 700.000 Pfund an das Abhöropfer Gordon Taylor autorisiert. Er bestritt, dass es sich dabei um ein Schweigegeld gehandelt habe. Dass dieser Fall bei ihm keine Alarmglocken schrillen ließ, spricht nicht für seine Führungsqualitäten. Wieso hat er nicht mal nachgefragt, ob es da vielleicht noch weitere Fälle gebe? So drängt sich der Eindruck auf, dass beide Murdochs es schlicht nicht wissen wollten.

Dementsprechend hohl klingen nun ihre Entschuldigungen. Beide nutzten den live übertragenen Auftritt, um sich wortreich für die "schlechten Dinge" zu entschuldigen, die bei der inzwischen eingestellten "News of the World" in der ersten Hälfte der nuller Jahre vorgefallen waren. Murdoch Senior sprach vom "demütigsten Tag meines Lebens".

Top-Journalistin Rebekah Brooks hat von nichts gewusst

Auch Ex-Verlagsmanagerin Rebekah Brooks, die nach den Murdochs befragt wurde, zeigte sich reumütig - ohne jedoch Mitwissen zuzugeben. Brooks wurde gefragt, ob sie vom Abhören der Mailbox des entführten Mädchens Milly Dowler wusste. Sie war damals, im Jahr 2002, Chefredakteurin der "News of the World". Brooks erklärte, sie habe nichts gewusst.

Auch habe sie den Privatdetektiv Glenn Mulcaire, der für das Gros der Abhöraktionen verantwortlich sein soll, nicht gekannt. Sämtliche Zahlungen für Privatdetektive seien über den Tisch ihres geschäftsführenden Chefredakteurs gelaufen.

Der Druck auf das Unternehmen dürfte auch nach dem Auftritt der Murdochs nicht nachlassen. Die Zweifel an ihren Manager-Qualitäten konnten sie nicht ausräumen, die Spekulationen um ihre Zukunft werden daher weitergehen. Immerhin stieg der Aktienkurs der News Corp. nach der Anhörung an. Händler erklärten dies unter anderem damit, dass die Aktie nach dem drastischen Fall der vergangenen Wochen recht günstig sei.

Am Mittwoch bekommen die Murdochs zunächst eine Atempause: Die Medien werden sich wieder der anderen Schlüsselfigur des Abhörskandals zuwenden: Premierminister David Cameron muss im Parlament erneut Rede und Antwort zu seinem engen Verhältnis zum Murdoch-Management stehen. Unter anderem dürfte er gefragt werden, warum er Rupert Murdoch immer nur zur Hintertür der Downing Street hineingebeten habe. Murdoch selbst sah sich mit dieser Frage am Dienstagnachmittag einmal mehr überfragt: "Ich weiß es nicht."

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kjartan75 19.07.2011
1. Titellos glücklich!
Ach bitte, jetzt lasst doch mal das arme Opfer Rupert Murdoch in Ruhe. Namhafte Personen (Fleischhauer) und Zeitungen (Murdoch-Blatt Wall Street Journal) wollen das so. Ist doch alles nur linke Hetze. Wie kann der Top-Manager denn auch von einem Skandal wissen, der seit fast 10 Jahren eines seiner Blätter betrifft und seit diesem begleitet. Es ist doch ein bisschen viel verlangt, diesem alten Herrn vorzuwerfen, er könne das nicht wissen. Fleischhauer sieht das auch so und er als glaubwürdige neutrale Instanz muss das wissen, schließlich hat er die völlige Weisheit und das korrekte Moral- und Rechtsempfinden. Na gut, vielleicht nicht so ganz...Fleischhauer würde selbst den Herrn in Schutz nehmen, der von 1933-45 in Deutschland, wenn es seiner Sache dient, gegen alles "Linke" zu wettern. ;)
Eldani, 20.07.2011
2. ach wie schön, dass niemand weiss, ...
wie heisst es für den kleinen Mann/Frau so schön? "Unwissenheit schützt vor Strafe nicht" !
paulomarlene 20.07.2011
3. Schwachsinn
Da kann der gute alte Mann gar nichts dafuer;das nennt man in der Medizin Altersstarrsinn,das ist ein Absterben der Gehirnzellen.
sensible-error 20.07.2011
4. Sehr plastisch
Zitat von sysopNichts fragen, nichts wissen: Der Auftritt von Rupert und James Murdoch vor den britischen Parlamentariern gab*tiefe Einblicke in den*Managementstil der Firma News Corp.*Die Nachfolgedebatte ist längst im Gang, doch*der*Patriarch*will nicht gehen - er sei "die beste Person, um dies aufzuräumen". http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,775387,00.html
übrigens antizipiert von Bruno Ganz im Film " Der Untergang"
nickelodeon 20.07.2011
5. .
ich habe mir heute den Auftritt in der BBC angeschaut (leider habe ich nicht alles verstanden). Der Spiegel unterstellt, das Murdoch die wahrheit sagte, das er von nichts wußte, das glaube ich allerdings nicht. Ansonsten ist das ein alter Mann, ein armes bedauernswertes Würstchen und doch sehr gefährlich, sein Sohn hat die Ausstrahlung eines alten Bettvorlegers. Ein Schaulaufen zur Beruhigung des Volks, Propaganda für die empörte Wählerschaft
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