Das kriminelle Leben von Anis Amri Endstation Mailand

Anis Amri wurde in Mailand erschossen. Er hinterlässt Spuren eines tristen kriminellen Lebens und viele offene Fragen - auch an italienische Behörden.

REUTERS

Drei Uhr nachts, auf dem Platz des 1. Mai in Sesto San Giovanni, einer öden Vorstadt im Norden der Dreieinhalb-Millionen-Metropole Mailand. Eine Polizeistreife auf Kontrolle sieht einen Mann mit Rucksack auf dem ansonsten menschenleeren Platz. Offenbar war der gerade vom Bahnhof gekommen. Die zwei Beamten im Auto fahren zu ihm, stoppen, bitten um die Ausweispapiere. Routine. Wie es scheint.

Der Mann stellt den Rucksack auf den Boden, kramt darin und während die Polizisten darauf warten, dass er seinen Ausweis präsentiert, zückt der eine Pistole und feuert. Einen erwischt er an der Schulter. Dann trifft es ihn, tödlich. Der uniformierte Schütze heißt Luca Scatà. 29 Jahre alt, Beamter auf Probe. Der Angreifer heißt Anis Amri, der Islamist, der in Berlin zwölf Menschen getötet und fast 50 verletzt hat.

"Allahu Akbar" habe er gerufen, während er schoss, berichten italienische Medien. Andere wollen wissen, er habe "Scheißbullen" gebrüllt. Klar indes scheint die Identität des Opfers zu sein. An der bestehe "nicht der geringste Zweifel", sagt später Italiens Innenminister Marco Minniti. Italien könne "stolz sein", sagt er noch dazu, man habe gezeigt, dass die "Kontrolle des Territoriums" funktioniere, dass ein gesuchter Flüchtiger umgehend "identifiziert und neutralisiert" werde. (Alle Entwicklungen hier im Newsblog)

Im Video: Tödliche Schüsse in Mailand

"Ich schneide dir den Kopf ab"

Nur, wenn man die Geschichte etwas genauer betrachtet, wäre vielleicht ein wenig mehr italienische Selbstkritik angebracht. Denn Amri war fast fünf Jahre in Italien, überwiegend in Gefängnissen. Und als er 2015 das Land - Richtung Deutschland - verließ, wussten die Behörden über seine Gefährlichkeit Bescheid. Die Gefängnispolizei hatte dem Anti-Terror-Zentrum einen umfangreichen Bericht über Amris "Radikalisierung und Bereitschaft zu islamistischem Terror" geschickt. Danach habe er einem christlichen Mithäftling etwa angedroht: "Ich schneide dir den Kopf ab."

Ob Anis Amri schon in seiner tunesischen Heimat als Jugendlicher ohne Perspektiven zum islamistischen Fanatiker wurde, ist nicht klar. Klar ist, er kam nicht, wie viele seiner Landsleute, als "Kind des arabischen Frühlings" übers Mittelmeer nach Europa. Er kam als Verbrecher auf der Flucht.

Ein Jahr soll er in seiner Heimat schon eingesessen haben, weil er einen Lkw geklaut hatte. Und als er Tunesien hinter sich ließ, drohten ihm dort wegen eines bewaffneten Raubüberfalls weitere fünf Jahre Knast, erzählte sein Vater jetzt dem tunesischen Radiosender Mosaique.

Auf Gefängnistour in Sizilien

Von Nordafrika nach Europa gab es damals, Anfang 2011, eigentlich nur den Weg über die Insel Lampedusa. Aber auch der war monatelang versperrt, weil Italien sich überfordert sah, die schnell wachsende Zahl der Migranten aufzunehmen.

Die Infrastruktur des kleinen Eilands weit vor der italienischen Küste brach zusammen. Italiens damaliger Regierungschef Silvio Berlusconi eilte herbei und "löste das Problem" auf die ihm eigene Art: Die 13.000 sich auf Lampedusa drängenden Flüchtlinge dürften nach Italien, versprach er, mit Ausnahme jener, die in Tunesien aus dem Knast oder vor der Polizei geflohen waren. Die tunesischen Behörden würden das zügig klären. Und sie würden alle weiteren Flüchtlingstrecks übers Mittelmeer unterbinden.

Überblick: Der Weg des Anis Amri durch Europa

Nichts von beidem wurde wahr - und so gelangte auch der Jungkriminelle Amri problemlos nach Italien. Und das, obwohl er offenbar sogar auf Lampedusa Spuren hinterlassen hatte: Gemeinsam mit Freunden soll er in der Flüchtlingsunterkunft Feuer gelegt haben. Aus Protest, dass man sie nicht schneller aufs Festland brachte.

Er kam nach Sizilien und auch dort ging sein Leben mit Lug und Trug weiter: Er sei 17 Jahre alt, sagte er. Tatsächlich war er längst 18 - also nicht minder-, sondern volljährig. Bei seiner "Karriere" ist der kleine Unterschied allerdings wichtig: Als Amri, nur ein paar Monate später, am 24. Oktober 2011 verhaftet wurde - wegen Brandstiftung, Körperverletzung, Bedrohung und Diebstahl - wurde er in einer Jugendstrafanstalt festgesetzt und nicht in dem harten Knast für Erwachsene.

Vier Jahre saß er in verschiedenen sizilianischen Haftanstalten ein. Und spätestens dort profilierte er sich als "Führer der jungen Islamisten", wie ein Bericht der Sicherheitsbehörden seinerzeit vermerkte.

Amris Abgang in Italien: Freigelassen und vergessen

Als er 2015 entlassen wurde, legte ihm die Polizei gleich einen Ausweisungsbescheid vor. Aber die tunesischen Behörden, die die Herkunft des Abzuschiebenden hätten bestätigen müssen, damit es zum Vollzug der Ausweisung kommen kann, hatten offenbar wenig Interesse, ihren hochkriminellen Staatsbürger zurückzunehmen. Sie verschleppten das Verfahren so lange - so jedenfalls stellen es die italienischen Behörden dar - bis die vom italienischen Recht vorgeschriebene Frist für ein solches Verfahren überschritten war. Die Ausweisung war damit gescheitert. Nun wollten auch die Italiener den gefährlichen jungen Mann offenkundig nicht unbedingt im Land behalten.

Amri wurde freigelassen und reiste, vermutlich im September 2015, ungehindert nach Deutschland. Italien habe freilich, so sagen die dortigen Behörden, alle Informationen über den gefährlichen, kriminellen und islamistisch radikalisierten Tunesier in die Europäische Polizeidatenbank und in das Schengen-Informationssystem eingespeist. Die deutschen Behörden hätten also alles über dessen Untaten in Italien erfahren können.

Italiens Behörden interessierten sich offenbar erst im Juni 2016 wieder für Amri. Das legt ein Bericht der Polizei von Catania nahe, den die römische Zeitung "La Repubblica" zitiert. Demnach wollte das römische Innenministerium damals genaueres über Amris Jahre in den sizilianischen Gefängnissen wissen. Aber da war der längst unerreichbar für die Italiener. In deren Hoheitsbereich kehrte er erst jetzt, nach seiner grauenhaften Tat in Berlin zurück. Mit der Eisenbahn reiste er über Chambéry in Frankreich nach Turin, dann nach Mailand. Dort kam er gegen ein Uhr an und fuhr zwei Stunden später weiter nach Sesto San Giovanni. Seiner Endstation.

Viele offene Fragen

Doch der Fall ist damit längst nicht zu Ende. Vieles ist ungeklärt. Auch in Italien. Warum zog es Amri nach Mailand? Nach Italien? Wo die Behörden mehr über ihn wissen, als irgendwo sonst? Warum riskierte er das? Zu wem hatte er Kontakt aufgenommen und wie? Ein Handy fand man nicht bei ihm (inzwischen haben Ermittler in Berlin sein Mobiltelefon sichergestellt). Auch keine Adresse.

Aber niemand fährt zufällig nächtens nach Sesto San Giovanni. Früher war das eine Arbeiterstadt. Heute ist es eine krisengeplagte Problemzone. Mit vielen Drogen und Islamisten. Dort, wie im gesamten Mailänder Raum, gebe es radikalislamische Netzwerker zu Hauf, heisst es.

Video: Terror in Berlin - Chronik der Ereignisse

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
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lakec 23.12.2016
1. Flüchtlingshass
Die verschiedenen Kommentare der vermeintlichen Realisten ähneln sich doch sehr. Es geht in der Kritik an der Unberührtheit des Autors von dem tragischen, mörderischen Anschlag immer ganz schnell zum Thema Flüchtlingspolitik. Die Trauer oder das Mitgefühl für die Toten und Verletzten kommt doch sehr kurz. Wird hier der Anschlag instrumentalisiert? Angenommen, es wären nun nur die Hälfte oder sogar nur ein Zehntel der aktuellen Flüchtlinge in unserem Land, würde das das Risiko von derartigen Anschlägen senken? Ich denke kaum. Wer hierher kommen möchte, um anderen Menschen im Namen der Religion Leid anzutun, der würde auch so kommen. Die meisten der Attentäter radikalisieren sich ja nicht erst hier. Sondern haben diesen fatalen persönlichen Schaden schon vorher. Die Realität ist, dass man Grenzen nicht zu 100% dicht machen kann. Das ging nicht mal zu Zeiten des kalten Krieges. Vielleicht gelingt es im Jahre 2016 Nordkorea noch... Eines ist mir dabei klar, in so einem Land, mit komplett geschlossenen bzw. kontrollierten Grenzen will ich nicht leben. Das hatten wir schon mal... Wir werden immer relativ offene Grenzen haben und wir sollen Menschen, die von Terror größten Ausmaßes bedroht sind, helfen. Wenn nicht wir in der im Vergleich wirklich sehr reichen Bundesrepublik, wer dann? Wenn jemand glaubt, Die im Ausland bedrohten Menschen sollen sich selber helfen - wir haben damit nichts zu tun - wir sollen die Grenzen dicht machen, ist per Definition ein Nazi. Ob er oder sie das selbst nun gerne so sehen mag, oder nicht. Da kann man dann auch nix schön reden und mit 'Realitätssinn' argumentieren. Genau der geht diesen Menschen leider maximal ab. Nur sehr schade und enttäuschend, dass es heute so viele sind, die derartige Meinungen vertreten. So oder so, es war ein hirnloses, tragisches und brutales Massaker. Meine Gedanken sind bei den Toten, Verletzten und deren Angehörigen. Und eigentlich wollte ich dieses Jahr nicht auf einen Weihnachtsmarkt. Im Andenken an die Opfer werde ich das aber nun doch tun. Mit Mitgefühl, im Widerstand gegen die brutalen Idioten und ganz ohne jeglichen Zynismus.
tpro 23.12.2016
2.
"... Er hinterlässt Spuren eines tristen kriminellen Lebens und viele offene Fragen..." ...und Tote und Verletzte. Unsere Politik und die zuständigen Behören müssen sich fragen lassen, wie es sein kann, das jemand unerkannt durch Europa und Deutschland reist. Und warum jemand, der weiß das er abgeschoben werden soll, sich noch frei bewegen darf.
samothrake.von.nike 23.12.2016
3. Die Frage nach dem Warum
1. Ich habe viele Diskussionen passiv mitverfolgt, in denen Menschen alle möglichen (Verschwörungs-)Theorien aufstellen, warum der Auswes bzw. das Duldungspapier des Terroristen gefunden wurde. Ich finde es eigentlich recht simpel. Wenn es ein fanatischer Islamist war, dann hat er fest daran geglaubt, das Richtige und Gute zu tun. Also etwas, worauf man stolz sein kann. Das soll die Welt wissen und mit ihm in Verbindung bringen, allen voran seine "Glaubensbrüder". 2. Er verbrachte Jahre in Italien und in dortigen Gefägnissen. GEnügend Zeit, andere Gleichgesinnte kennen zu lernen, die ihm Unterschlupf geben wollten. In einem anderen Artikel hier war zu lesen "er stand auf dem Platz herum". Warum sollte jemand nachts auf einem Platz herumstehen und nicht nach einer Bleibe oder einem Unterschlupf für die Nacht suchen? Klingt danach, als hätte er darauf gewartet, abgeholt zu werden. Warum Italien? Weil er sich da auskennt. Vielleicht wollte er runter nach Tunesien. Oder: man darf auch nicht vergessen, dass morgen Weihnachten ist.Und was ist in Italien? Der wichtigste Ort der Christenheit: der Vatikan. Wer weiß, was der sonst noch alles anstellen wollte? Ein Glück, dass er vor Weihnachten geschnappt wurde.
camilli79 23.12.2016
4. mit Hass nichts zu tun
Jetzt ist anscheinend die Stunde der Angst angebrochen, in der die Befürworter eines grenzenlosen unkontrollierten Europas Bauchschmerzen bekommen. Da wird vorausschauend jeder konservative Bürger, der Kontrolle staatlicher Grenzen und Kontrolle Einreisender fordert als Person bezeichnet, die Hass gegen Flüchtlinge schürt. Wie schade ! Mehr fällt links-grünen Geistern nicht ein, als diejenigen Bürger zu diffamieren, die endlich Taten sehen wollen, um Recht und Ordnung in Deutschland ins Gleichgewicht zu bringen, auch wenn sich "Recht und Ordnung" antik anhört und deutsche Grün-Linke dem Land eine ewige Bringschuld aus Kriegsschuld verschtreiben haben. Ratlosigkeit und Tatenlosigkeit der Regierung Merkel bleiben dennoch sichtbar.
heinrich-wilhelm 23.12.2016
5. Italienische Behörden??
Das mag ja sein,aber mindest ebensoviele Fragen sind an die Deutschen zu stellen. Wieso kann ein von allen Gesuchter unbehelligt von Berlin an die franz.grenze kommen,wieso reagiert niemand adäquat auf die Warnungen des tunes. Geheimdienstes,oder die der Amerikaner. Wieso lässt man ihn laufen aus der Abschiebehaft,nur weil kein gültiger Pass vorläge,etc.etc. und wie bitteschön ist dieser Typ nach Deutschland ohne gültige Paoiere gekommen,Angie. Alles unbeantwortete Fragen. Wen wundert es,dass die öffentliche Meinung kippt und ernsthafte Zweifel an der Funktionsfähigkeit unseres Staates aufkommen.
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