Getötete deutsche Fotografin Afghanistan - ihre Liebe, ihr Verderben

Sie wollte sehen, wie sich "die Dinge zum Guten wenden": Anja Niedringhaus war eine wagemutige Fotografin, sie machte berührende Bilder von den Kriegen dieser Welt. Nun ist sie in Afghanistan getötet worden. Hasnain Kazim erinnert sich.


Anja Niedringhaus hat Afghanistan geliebt. Die Fotoreporterin hat das Land seit vielen Jahren mit ihrer Kamera erkundet, auch entlegenste Regionen besucht. Seit 2002 arbeitete sie für die amerikanische Nachrichtenagentur Associated Press, die sie in alle Welt schickte, nach Irak, Pakistan und eben Afghanistan. Dort ist sie nun gestorben, erschossen von einem Polizisten.

Anja verstand sich nicht als Kriegsfotografin. "Ich mache alles", sagte sie oft und lachte dann schallend. "Wenn die mich zu einer Sportveranstaltung nach Hamburg schicken, fotografier ich das auch." Wichtig war ihr nur, den Lesern und Betrachtern ihrer Bilder zu zeigen, "was in Wirklichkeit passiert, und nicht, was Politiker uns glauben machen wollen, was passiert".

Hamburg. Das war unser Gesprächsthema, wenn wir uns in der drückenden Hitze von Islamabad trafen. Die Hansestadt war ihr ein Zuhause. Ihre Wohnung hatte sie zwar in Genf, außerdem eine Bleibe bei Kassel, aber in Hamburg war sie gern. Sie mochte die Stadt und sprach wunderbar norddeutsch. "Aber'n Schietwetter ham wir da", sagte sie dann.

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Beruf Kriegsreporterin: Anja Niedringhaus und ihre Bilder
Viel lieber jedoch war sie unterwegs in der Welt, am liebsten dort, wo die einfachen Menschen waren. Und am liebsten zusammen mit ihrer schreibenden Kollegin Kathy Gannon, mit der sie jetzt auch im ostafghanischen Khost reiste, um die Wahlvorbereitungen zu beobachten. Eigentlich ein Routinetrip für das Duo, doch dieses Mal lief alles schief. Kathy Gannon überlebte den Angriff schwerverletzt.

Kathy und Anja waren ein Team, sie schienen sich ohne Worte zu verstehen. Wenn Anja in der pakistanischen Hauptstadt Islamabad war, wohnte sie bei Kathy und deren pakistanischem Mann. Oft tauchten sie zusammen auf Partys und Empfängen auf und sorgten mit ihren Witzen, die sie sich zuspielten, für gute Stimmung. Selbst wenn die Lage verzweifelt schien.

Auf eigene Faust an die Front

Gemeinsam wagten sich Kathy und Anja auch an die verrückten Geschichten. So ließen sie sich als erste westliche Reporter von der pakistanischen Armee an die Front in den Bergen im Westen Pakistans, an der Grenze zu Afghanistan, mitnehmen. Es entstand eine eindrucksvolle Reportage vom Krieg der Pakistaner gegen die Extremisten. Und von den harschen Bedingungen in dieser kargen Landschaft.

Sie war in Afghanistan mit Truppen aus allen möglichen Nationen unterwegs, mit den Amerikanern im Irak, suchte aber auch den Kontakt mit den Einheimischen. Sie wollte ihr Vertrauen, begegnete ihnen mit Respekt. Und man sah das Staunen und die Freude vieler, die Menschen aus dem Westen bis dahin vielleicht misstrauisch gesonnen waren.

Anja wusste um das Berufsrisiko. 1993, damals erst 28 Jahre alt, sagte sie in einem Interview mit der Zeitschrift "ColorFoto": "Ich will nicht umgebracht werden, wenn ich tot bin, ist das schade. Ich hänge an meinem Leben." Vier Jahre später wurde sie in Belgrad bei einer Demonstration gegen die serbische Regierung angefahren. Das Auto war gezielt in die Menschenmenge gerast. Anja wurde mehrere Meter mitgeschleift und brach sich ein Bein. Ob sie je darüber nachdachte, den Beruf zu wechseln? "Nö", sagte sie kürzlich. "Ist doch schön zu sehen, wie Dinge sich zum Guten wandeln."

"Im Krieg gibt es keine Sieger"

Sie versuchte, das Positive zu sehen, selbst in Afghanistan, wo sich die Sicherheitslage in den vergangenen Jahren sehr verschlechtert hat. "Im Krieg gibt es keine Sieger, das ist es, was für mich wichtig ist zu zeigen", sagte sie einmal. "Ich fotografiere selten Soldaten, weil mich das nicht interessiert. Mich interessiert: Was passiert danach, wenn sie geschossen haben, was ist das Ergebnis für die Menschen?"

Man redete sich ein: Wenn jemandem nichts passiert, dann Anja und Kathy. Die beiden kennen die Region seit Jahren, und sie haben so viel Begeisterung für die Menschen in diesem Teil der Welt, dass ihnen niemand Leid zufügen würde.

Anja wünschte sich, irgendwann, in ein paar Jahren, wenn die Lage sich beruhigt hat, durch Afghanistan zu reisen und ein Land ohne Krieg zu erleben.

Dieser Wunsch wurde ihr heute für immer verwehrt.

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insgesamt 43 Beiträge
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Seite 1
Furiosus 04.04.2014
1.
"Die Dinge sich zum guten wenden..." schade um die Frau. Ich bin mir sicher, sie war eine gute. Und hat ihre Naivität mit dem Leben bezahlt. In diesen Ländern gibt es nichts, was sich zum Guten wenden könnte.
spon-facebook-10000523851 04.04.2014
2. Traurig,
aber sie war sich der Moeglichkeit sicher bewusst.
pacificwanderer 04.04.2014
3. Hut ab
und stilles Gedenken an eine Frau die uns die Welt, wie sie sie sah, naeher brachte.
flanker01 04.04.2014
4. Nobody
is bulletproof, RIP.
Keine Macht 04.04.2014
5. Naiv?
Zitat von Furiosus"Die Dinge sich zum guten wenden..." schade um die Frau. Ich bin mir sicher, sie war eine gute. Und hat ihre Naivität mit dem Leben bezahlt. In diesen Ländern gibt es nichts, was sich zum Guten wenden könnte.
Solche Personen sind nicht Naiv, sondern sie sind sehr mutig und haben auch starke Willenskraft, um die Welt zu zeigen wie grausam der Krieg ist.Man soll vor solchen Leuten verbeugen anstatt als Naiv zu bezeichnen. Wenn in diesen Länder nicht gibt, ist alleine schuld von den Kriege , die durch Engländer dann Russen dann Amis und Co wegen Geopolitischen Interesse geführt wurden. Solche Personen bleiben immer im Herzen und Erinnerung.
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