Terror in der Türkei Verheerender Anschlag in Ankara - Dutzende Tote

Der Anschlag in Ankara hat noch viel mehr Menschen das Leben gekostet als bisher bekannt. Die türkische Regierung spricht von 86 Toten und fast 200 Verletzten. Die Hintergründe sind unklar, trotzdem beginnen die Schuldzuweisungen.

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Sie wollten gegen den Konflikt zwischen der verbotenen Kurdischen Arbeiterpartei PKK und dem türkischen Staat demonstrieren. Die Menschen hatten sich in der Nähe des Hauptbahnhofs in Ankara versammelt, mit Plakaten und Transparenten, einige von ihnen tanzten. Doch kurz vor zehn Uhr Ortszeit ist die Demonstration in der türkischen Hauptstadt von zwei Explosionen erschüttert worden. Laut dem türkischen Gesundheitsministerium sind dabei 86 Menschen ums Leben gekommen, 186 Menschen wurden verletzt. Die pro-kurdische Partei HDP sprach am Samstagabend sogar von 97 Toten.

Türkische Sicherheitskräfte gehen davon aus, dass es sich um Selbstmordanschläge gehandelt hat, da offenbar kein Auto am Tatort zerstört worden ist. Am Anschlagsort sei zur Zeit der Detonationen keine Polizei gewesen. Premierminister Ahmet Davutoglu erklärte, er werde mit "allen Sicherheitsverantwortlichen" sprechen, um den Terror zu bekämpfen.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) veruteilte den Anschlag scharf und drückte ihr Mitgefühl aus. Sollte sich bestätigen, dass die Täter wie vermutet Terroristen waren, "dann handelt es sich um besonders feige Akte, die unmittelbar gegen Bürgerrechte, Demokratie und Frieden gerichtet sind", schrieb sie an Davutoglu. Auch Bundesaußenminister Frank Walter Steinmeier (SPD) bezeichnete das Attentat als Angriff auf die Demokratie in der Türkei.

Nach den Anschlägen kam es in Ankara zu neuen Demonstrationen, auf die Polizisten laut Augenzeugen zum Teil mit Tränengas und Warnschüssen reagierten. In Istanbul zogen mehrere hundert Demonstranten zum zentralen Taksim-Platz und machten Präsident Recep Tayyip Erdogan und seine Regierungspartei AKP für den Anschlag verantwortlich.

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Anschläge in Ankara: Tod bei der Friedensdemo

Bislang hat sich niemand zu dem Anschlag bekannt. Als Täter kommen verschiedene Gruppieren infrage. Zum Beispiel der "Islamische Staat" (IS), der die Türkei bedroht, weil das Land seit Juli Stellungen der Extremisten in Syrien mit Kampfjets angreift. In einem Video hatte der IS Erdogan als Verbündeten des Westens bezeichnet und ihm den Krieg erklärt.

Für Terror hat auch die PKK in den vergangenen Monaten gesorgt. Die Organisation hat Dutzende Soldaten und Polizisten getötet. Sie selbst bezeichnet ihre Anschläge jedoch als "Selbstverteidigung". Nach den Explosionen in Ankara teilte die PKK mit, ihre Angriffe vor der Parlamentswahl in der Türkei auszusetzen. Nach "Appellen aus der Türkei und dem Ausland" habe die Bewegung eine "Zeit der Inaktivität" beschlossen, hieß es in einer am Samstag veröffentlichten Erklärung der PKK-Dachorganisation Union der Gemeinschaften Kurdistans (KCK).

Auch die linksextremistische DHKP-C verübt immer wieder Terroranschläge. Ihr Ziel ist es, die Staatsordnung der Türkei durch einen "bewaffneten revolutionären Akt" zu zerschlagen. Wie bei der PKK richten sich ihre Angriffe überwiegend gegen Staatsbedienstete.

Die prokurdische Partei HDP teilte mit, sie sei das Ziel des Doppelanschlags gewesen. Die beiden Bomben seien am Samstag inmitten von HDP-Anhängern detoniert.

"Mörderisches Staatsverständnis"

Der Co-Vorsitzende der HDP, Selahattin Demirtas, macht die Regierung mitverantwortlich für die Tat. Am Mittag sprach er von einem "mafiösen, mörderischen und massenmordenden Staatsverständnis" und rief die Menschen auf, nach Ankara zu blicken. "Dort liegen die Leichname der Opfer noch am Boden. In dieser Atmosphäre setzt die Polizei Tränengas ein, die Krankenwagen werden nicht zum Tatort vorgelassen."

Demirtas warf den Verantwortlichen vor, die Zahl der Todesopfer "bewusst in die Höhe zu treiben". Damit befeuerte er die Verschwörungstheorie, der Staat selbst stecke hinter dem Terror. Die HDP geht allerdings auch selbst davon aus, dass die Zahl des Todesopfer noch nach oben korrigiert werden müsse, weil viele Verletzte sehr schwer verwundet worden seien.

Erdogan verurteilte den Anschlag und sprach von einer "abscheulichen Tat". Er machte wiederum die HDP mitverantwortlich, da sie "Terroranschläge unterstützt" und "doppelte Standards" habe. Die Nachrichtenagentur Anadolu berichtete, Erdogan sei nach dem Anschlag mit Ministerpräsident Davutoglu und anderen Kabinettsmitgliedern zu einem Krisentreffen zusammengekommen.

Anschlag mitten im Wahlkampf

Davutoglu setzte den Wahlkampf für drei Tage aus. Am 1. November wählt die Türkei ein neues Parlament und damit eine neue Regierung. Dabei hatten die Menschen erst Anfang Juni abgestimmt. Die regierende AKP hatte dabei erstmals seit 2002 ihre absolute Mehrheit verloren, wurde aber wieder stärkste Kraft. Es gelang ihr allerdings nicht, eine Koalition zu bilden. Kritiker sagen, sie habe von vorneherein jegliches Zusammengehen mit anderen Parteien scheitern lassen, um so Neuwahlen zu provozieren.

Im Juni war es der HDP als erster prokurdischen Partei gelungen, die Zehnprozenthürde zu nehmen und ins Parlament einzuziehen. Führende AKP-Politiker machen die HDP für den Verlust der Regierungsmehrheit verantwortlich. Oppositionelle sagen, die AKP setze nun alles daran, die HDP wieder aus dem Parlament zu drängen, um sich damit die Alleinherrschaft zu sichern.

Umfragen zeigen, dass die Wahl im November kein wesentlich anderes Ergebnis haben wird als im Juni. Damit dürfte eine Regierungsbildung wieder schwierig werden - trotz des Versuchs der Regierung, Politiker der HDP in die Nähe der PKK zu stellen und sie als "politischen Arm der Terroristen" zu bezeichnen.

Bürgerkriegsähnliche Zustände

Sollten Gewalt, Terror und Chaos in der Türkei zunehmen, könnten die Wahlen möglicherweise auch verschoben werden. Schon jetzt herrschen in manchen Teilen in der östlichen Türkei bürgerkriegsähnliche Zustände. Dort liefern sich Sicherheitskräfte und PKK Gefechte. So war die Stadt Cizre zum Beispiel im September tagelang von der Außenwelt abgeriegelt, es galt eine Ausgangssperre - bei Feuergefechten kamen auch mehrere Zivilisten ums Leben.

Das Ziel eines unabhängigen Kurdistan hat die PKK aufgegeben, sie fordert größere Autonomie für Kurden innerhalb der Türkei. Die türkische Luftwaffe fliegt zudem Angriffe gegen PKK-Stellungen im Nordirak. Mit dem Anschlag von Ankara hat der Terror nun die Hauptstadt erreicht.

Zusammengefasst: Am Samstag haben zwei Explosionen Ankaras Innenstadt erschüttert, dabei kamen Dutzende Menschen ums Leben. Die Explosionen ereigneten sich in der Nähe des Hauptbahnhofs, dort wollten Demonstranten gegen den Konflikt zwischen der Kurdischen Arbeiterpartei PKK und dem türkischen Staat protestieren. Präsident Erdogan gibt der prokurdischen Partei HDP Mitschuld an dem Anschlag. Die HDP wiederum beschuldigt die türkische Regierung. Als Täter kommt aber auch die Terrororganisation "Islamischer Staat" infrage.

Mit Material von dpa, Reuters und AFP

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