Terror in Ankara An der Schwelle zum Bürgerkrieg

Der dritte Anschlag in Ankara innerhalb von fünf Monaten destabilisiert die Türkei weiter. Das Land, das für Kanzlerin Angela Merkel die Flüchtlingskrise lösen soll, droht im Chaos zu versinken.

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Die Bilder vom Tatort wirken gespenstisch vertraut: ein verwüsteter Straßenzug, ausgebrannte Autos, Helfer, die Verletzte auf Tragen in Krankenwagen schleppen.

Bereits vergangenen Oktober töteten Selbstmordattentäter in Ankara 107 Menschen, 28 Menschen kamen bei einem Terrorangriff auf Militärmitarbeiter im Februar ums Leben. Nun explodierte am Sonntagabend im Zentrum der türkischen Hauptstadt nur wenige hundert Meter von Jusitz- und Innenministerium entfernt eine Autobombe. Mindestens 37 Menschen starben, mehr als hundert wurden verletzt. Es ist der dritte schwere Anschlag in Ankara innerhalb von fünf Monaten.

Neben dem Entsetzen und der Trauer um die Opfer bleiben Fragen: Wer trägt die Schuld an dem Terrorakt? Warum konnten die türkischen Behörden den Anschlag nicht verhindern, wieder nicht? Wohin führt das noch?

Hinter dem Attentat auf die Teilnehmer einer Friedensdemonstration im Oktober wird der "Islamische Staat" vermutet. Für den Angriff auf das Militär übernahmen die "Freiheitsfalken Kurdistans", eine kurdische Splittergruppe, die Verantwortung. Den Anschlag am Sonntagabend soll laut Medienberichten eine Anhängerin der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK begangen haben. Die Frau soll 1992 geboren worden sein und aus Kars im Osten der Türkei stammen. Die türkische Luftwaffe bombardierte bereits wenige Stunden nach der Explosion Stellungen der PKK im Nordirak.

Noch hat sich niemand zu dem Attentat bekannt, doch sollten sich die Gerüchte über eine Beteiligung der PKK bestätigen, würde dies eine gefährliche Zuspitzung im Konflikt zwischen der Türkei und den Kurden, der größten Minderheit des Landes, bedeuten.

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Ankara: Zerstörte Busse, ausgebrannte Wagen
Seit dem Zusammenbruch des Waffenstillstands zwischen dem türkischen Staat und der PKK vergangenen Juli führen beide Parteien offen Krieg. PKK-Kämpfer verübten in den vergangenen Monaten wiederholt Attentate. Das türkische Militär flog im Gegenzug Angriffe gegen die PKK, die Regierung in Ankara verhängte in zahlreichen mehrheitlich kurdischen Städten Ausgangssperren, ließ Panzer aufrollen. Bei den Gefechten starben nach Angaben Menschenrechtsorganisationen mehrere Hundert Zivilisten.

Bislang blieb der Konflikt jedoch weitgehend auf den Südosten des Landes beschränkt. Die PKK attackierte fast ausschließlich Sicherheitskräfte. Der Anschlag vom Sonntag hingegen traf vor allem Zivilisten. Sollte die PKK tatsächlich dafür verantwortlich sein, käme dies einer doppelten Eskalation gleich: Die Gewalt hätte dann endgültig das Zentrum der Türkei erreicht. Das Land stünde an der Schwelle zum Bürgerkrieg.

Und selbst wenn sich die Beschuldigungen gegen die PKK als falsch erweisen, dürfte die Unruhe in der Türkei anhalten. Die Gesellschaft ist gespalten zwischen Unterstützer und Gegner des Präsidenten Recep Tayyip Erdogan, ein Ende des Konflikts mit den Kurden ist nicht in Sicht, der Bürgerkrieg in Syrien kann jederzeit weiter auf die Türkei übergreifen.

Bundeskanzlerin Angela Merkel betrachtet Ankara als wichtigen Partner in der Flüchtlingskrise. Erdogan soll für Europa den Türsteher geben und Flüchtlinge aus Syrien, Irak und anderen Staaten im Land halten. Die Türkei jedoch ist gerade auf dem Weg dazu, selbst ein Land zu werden, aus dem Menschen fliehen.

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