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Reaktion auf Terror in Ankara: Türkei droht mit Vergeltung - und fliegt schon Angriffe

Von , Istanbul

REUTERS/ Murat Cetinmuhurdar/ Presidential Palace

Die Türkei macht die PKK und kurdische Milizen in Syrien für die Toten von Ankara verantwortlich. Präsident Erdogan will "in der Türkei und im Ausland Vergeltung üben". Erste Luftangriffe gab es bereits.

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Für die türkische Regierung scheint der Fall schon klar: Hinter der Explosion einer Autobombe in Ankara mit mindestens 28 Toten soll ein Syrer stecken, der sich als Flüchtling in der Türkei gemeldet hatte. Ahmet Davutoglu bestätigte am Donnerstag entsprechende Medienberichte.

Die Verantwortung sieht der türkische Regierungschef bei der PKK und kurdischen Milizen aus Syrien. Insgesamt neun Verdächtige habe man in Zusammenhang mit dem Anschlag festgenommen. Davutoglu nahm aber auch die syrische Regierung unter Präsident Baschar al-Assad in die Pflicht, da diese die kurdischen Milizen unterstütze.

Wie sich der Fall bisher darstellt: Der 23-jährige kurdische Haupttäter soll laut türkischen Erkenntnissen der Kurdenmiliz YPG nahegestanden haben. Die YPG gilt als syrischer Ableger der PKK. Er habe das mit Sprengstoff beladene Auto gefahren, das er in der westtürkischen Stadt Izmir angemietet habe. Der bei der Explosion getötete Täter soll anhand seiner Fingerabdrücke, die bei seiner Einreise digital erfasst worden waren, identifiziert worden sein.

Quelle: BBC, *ungefähre Stelle
Die Autobombe war am Mittwoch gegen 18.30 Uhr mitten im Berufsverkehr explodiert, als ein Militärkonvoi in der Nähe stand. Der Anschlag ereignete sich nur wenige Hundert Meter vom Parlament und vom Militärhauptquartier entfernt.

Ein YPG-Vertreter erklärte jedoch gegenüber Journalisten, er weise die Anschuldigungen Ankaras, hinter dem Terroranschlag zu stecken, strikt zurück. "Wir haben keinerlei Verbindung zu dem Mann, der als Attentäter genannt wird", sagte er. Auch die syrische Kurdenpartei PYD bestreitet jede Verbindung zu dem Vorfall in der Türkei. "Zum Anschlag in Ankara haben wir keine Verbindung", sagte der PYD-Co-Chef Salih Muslim. "Es gab unsererseits noch nie einen Angriff auf die Türkei." Die Regierung solle "keine Vorwände für einen Angriff" auf die Kurden in Syrien "erfinden".

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Ankara: Anschlag auf Militärkonvoi
Vergeltungsschläge aus der Luft

Die türkische Reaktion auf den Terroranschlag ließ gleichwohl nicht lange auf sich warten. Das Militär teilte mit, Kampfjets hätten in der Nacht Stellungen der PKK im Nordirak attackiert. Demnach wurden Ziele in der Grenzregion Haftanin bombardiert, die als PKK-Hochburg gilt. "Etwa 60 bis 70" PKK-Kämpfer seien getötet worden.

Die PKK verübt immer wieder Anschläge auf türkische Sicherheitskräfte. Im Gegenzug geht die türkische Armee gegen die Terrororganisation im Südosten des Landes vor. Opposition, Menschenrechtler und westliche Staaten kritisieren aber, dass die Regierung mit teils wochenlangen Ausgangssperren und Beschuss von Wohngebieten die Zivilbevölkerung leiden lasse.

Nach Angaben von kurdischen Aktivisten starben in den vergangenen Wochen mehrere Hundert Zivilisten in den umkämpften Städten Diyarbakir, Cizre, Silopi und Nusaybin. Die Regierung wiederum macht keine Angaben über zivile Todesopfer und meldet ausschließlich getötete Terroristen sowie Verluste auf Seiten der Sicherheitskräfte.

Ankara sieht auch den politischen Ableger der Kurden in Syrien, PYD, sowie deren Miliz YPG als Terroristen, während beispielsweise die USA sie in ihrem Kampf gegen die Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) unterstützen. Zwar geht auch die Türkei gegen den IS vor, aber in der Frage zum Umgang mit der YPG ist sie auf Konfrontationskurs mit den USA.

Kein Ende des Kampfs gegen die Kurden in Sicht

Seit einer Woche fliegt die Türkei auch Luftangriffe auf YPG-Stellungen in Nordsyrien und greift sie mit Artilleriebeschuss über die türkisch-syrische Grenze hinweg an. Die USA hatten die Türkei und die kurdische Miliz am Dienstag aufgefordert, ihre Kämpfe zu beenden. Darauf reagierte Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan verärgert. Es stehe "überhaupt nicht zur Debatte", dass die türkischen Sicherheitskräfte ihren Kampf gegen die "kurdischen Terroristen in Syrien" beenden würden.

Im Gegenzug warf er der Uno und dem Westen vor, zu lange geschwiegen zu haben angesichts der Gewalt in Syrien. "Im Moment habe ich Schwierigkeiten, die USA zu verstehen. Warum nennen sie PYD und YPG nicht Terroristen? Warum sagen sie, sie würden die YPG weiter unterstützen?" Am Donnerstag bestellte die Türkei die Botschafter der fünf ständigen Mitglieder des Uno-Sicherheitsrats ein, ebenso die diplomatischen Vertreter Deutschlands und der EU.

Nach dem jüngsten Anschlag in Ankara betonte Erdogan, die Türkei werde ihr "legitimes Recht nutzen, sich immer und überall zu verteidigen". "Mit solchen Aktionen wächst unsere Entschlossenheit, für solche Angriffe auf unsere Einheit und auf unsere Zukunft, in der Türkei und im Ausland, Vergeltung zu üben". Der Terror strapaziere die Geduld der Türkei. "Wenn jemand auf die Türkei feuert, erhält er eine deutliche Antwort", so Erdogan. In diesem Zusammenhang erwähnte er aber weder PKK noch YPG.

Die kurdischen Milizen erobern derzeit Gebiete im Norden Syriens entlang der Grenze zur Türkei. Dabei nützt ihnen, dass Russland den IS, aber auch andere Gegner bombardiert. Die Türkei befürchtet, dass die Kurden die dort lebenden Araber und die traditionell mit den Türken verbundenen Turkmenen vertreiben. Türkische Regierungspolitiker sprechen von einer "ethnischen Säuberung der Region durch die kurdischen Terroristen".

Der Anschlag von Ankara, befürchten Kritiker, könnte nun als Vorwand herhalten, noch härter gegen kurdische Milizen vorzugehen. Der türkische Außenminister Mevlüt Cavusoglu hatte kürzlich bei einem Treffen mit seinem saudi-arabischen Amtskollegen gesagt, möglich sei auch der Einsatz von Bodentruppen. In den sozialen Medien machen bereits Verschwörungstheorien die Runde, wonach die türkische Regierung selbst hinter dem Anschlag stecke, um ein härteres Vorgehen in Syrien zu rechtfertigen.


Zusammengefasst: Der türkische Präsident Erdogan vermutet PKK und syrische Kurden hinter dem Attentat von Ankara - Luftschläge sollen schon jetzt für Vergeltung sorgen. Befürchtet wird nun, dass die Regierung den Vorfall als Anlass nimmt, ihre Attacken auf die Kurden im türkisch-syrischen Grenzgebiet noch zu intensivieren.

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Fläche: 783.562 km²

Bevölkerung: 77,696 Mio.

Hauptstadt: Ankara

Staatsoberhaupt:
Recep Tayyip Erdogan

Regierungschef: Binali Yildirim

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