Von Stefan Simons, Paris
Bis zum Sonntagmorgen war die Welt für Dominique Strauss-Kahn noch in Ordnung. Der Generaldirektor des Internationalen Währungsfonds (IWF) war ein international geschätzter Finanzexperte und eine wichtige Figur in der Sozialistischen Partei (PS). Der Wirtschaftsprofessor, in seiner Heimat nur bekannt als DSK, hatte allenfalls die Qual der Wahl: Antreten als Spitzenkandidat seiner Partei für die Präsidentenwahlen im nächsten Jahr oder Verbleib im bequemen, wohl dotierten IWF-Job in Washington.
Jetzt dürfte die politische Zukunft des geachteten Parteisoldaten, nur einen Monat vor der Bekanntgabe seiner Kandidatur, zu Ende sein. Er wurde in New York wegen sexueller Übergriffe und versuchter Vergewaltigung festgenommen, nur Minuten bevor er an Bord einer Air-France-Maschine nach Berlin fliegen sollte, wo ein Treffen mit Kanzlerin Angela Merkel geplant war.
Es droht mehr als das Ende einer Dienstreise, das Ende einer Karriere.
Bisher hatte sich Strauss-Kahn mit Äußerungen zu einer möglichen Bewerbung für die Präsidentenwahl zurückgehalten, denn der Währungsfonds verlangt von seinen Spitzenleuten strikte politische Zurückhaltung. Dennoch galt als sicher, dass der 63-Jährige sich längst für eine Kandidatur in seiner Heimat entschlossen hatte: In allen Erhebungen lag DSK gegenüber Präsident Nicolas Sarkozy an erster Stelle; der "Journal de Dimanche" sah in seiner jüngsten Meinungsumfrage den Sozialisten als Sieger über den amtierenden Staatschef. Angesichts der Wirtschafts- und Finanzkrise galt der ehemalige Professor für Ökonomie, fließend in Englisch und Deutsch, für 2012 als Hoffnungsträger der Opposition.
Das politische Schwergewicht der Sozialistischen Partei
DSK begann seine PS-Laufbahn 1986 als Abgeordneter, bevor er die Finanzkommission des Parlaments anführte und schließlich unter Präsident Francois Mitterrand als Minister für Industrie und Außenhandel reüssierte. Bürgermeister von Sarcelles zwischen 1995-1997, wechselte er unter der Regierung von Lionel Jospin ins Ressort für Wirtschafts-, Finanz- und Industriepolitik. Vermeintliche Affären zwangen ihn 1999, das Amt zu verlassen, freigesprochen kehrte er 2001 ins Parlament zurück.
Schon bei den letzten Präsidentenwahlen zählte DSK zur Riege der aussichtsreichsten PS-Kandidaten. Bei den innerparteilichen Vorwahlen unterlag der altgediente "Elefant" jedoch gegen die charismatische Ségolène Royal, die sich erfolgreich als feministische Figur einer neuen politischen Generation darstellen konnte. Nicolas Sarkozy, wohl wissend um die Qualitäten des Gegners, unterstützte nach seinem Einzug in den Élysée die Berufung seines Landsmanns an die Spitze des Währungsfonds; seit November 2007 war das politische Schwergewicht in der Tagespolitik als Konkurrent entsorgt.
Sozialist DSK: Schürzenjäger mit mondänem Lebensstil
Allerdings wurde der IWF-Chef gleich zum Amtsantritt in einen angeblichen Sexskandal verwickelt. DSK musste einräumen, mit einer seiner weiblichen Untergebenen Beziehungen unterhalten zu haben. Nach einer öffentlichen Entschuldigung gegenüber seiner Frau, der Journalistin Anne Sinclair und dem Eingeständnis von "Fehlern in der Einschätzung", beließen ihn die Aufsichtsgremien der internationalen Behörde jedoch in seinen Funktionen. Für DSK, dem auch in seiner Heimat der Ruf eines Charmeurs und Schürzenjägers nachgeht, war es eine ernste Warnung.
In Frankreich blieb der Ruf des Sozialisten von diesem Vorfall unberührt. Selbst die jüngsten Anwürfe gegen den PS-Promi-Mann des sozialdemokratischen Flügels konnten seine Popularität in der Bevölkerung nicht mindern: Mal wurde ihm mondäner Lebenswandel vorgehalten - dank des Vermögens seiner Frau besitzt das Ehepaar eine Villa in Marrakesch, eine feudales Apartment am Pariser Place des Vosges und ein kostspieliges Anwesen in den USA; dann outete sich DSK als Liebhaber von Luxus-Autos, als er bei einem Besuch in Frankreich an Bord eines Porsches gesichtet wurde.
Auch wenn die teure Limousine einem Freund gehörte - Genossen an der Parteibasis, die schon den Aufstieg von Strauss-Kahn an die Spitze der kapitalistischen Finanzorganisation als ideologischen Fehltritt empfinden, sahen in der Spritztour einen symbolträchtigen Affront. In Anspielung auf Staatschef Sarkozy, der mit seiner Vorliebe für Luxusuhren als "Präsident Bling-Bling" verhöhnt worden war, apostrophierten die Medien den Sozialisten nun als "Genossen Wruum-Wruum". DSK war nicht belustigt, auf Berichte des "France Soir", er verfüge über 10.000-Dollar-Anzüge, reagierte er mit einer Klage.
Schon der Vorwurf reicht, die Karriere zu beschädigen
Die jüngsten Vorwürfe wegen sexueller Übergriffe und versuchter Vergewaltigung erschüttern allerdings nachhaltig die politische und professionelle Zukunft von Dominique Strauss-Kahn - selbst wenn sich die Anschuldigungen als gegenstandslos herausstellen sollten. Seine Parteifreunde hielten sich zunächst mit Stellungnahmen zurück, die vorsichtig abwägenden Reaktionen waren eher geprägt von verschämtem Zaudern und dem Hinweis auf die Angaben des amerikanischen Anwalts von DSK. Danach habe Strauss-Kahn auf "nicht-schuldig" plädiert.
"Auch wenn die Franzosen, was das Privatleben ihrer Politiker angeht, durchweg toleranter sind als die Amerikaner", so Demoskop Stéphane Rozès, "bei Übergriffen sexueller Art, die kriminellen Charakter haben, liegt es anders. Es wird für ihn schwierig werden, seine Verantwortung im IWF auszuüben."
Der "Journal de Dimanche" reagierte auf das politische Beben noch in der Nacht: Statt des Aufmachers über den potentiellen Wahlsieger der Sozialisten, erschien das Blatt am Sonntag mit einer nachgeschobenen Titelseite: "DSK in New York festgenommen."
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