Anklage wegen Kriegsverbrechen Ratko Mladic endlich in Uno-Gefängnis

Ratko Mladic ist an das Uno-Tribunal ausgeliefert worden: Am Abend wurde der mutmaßliche serbische Kriegsverbrecher in das Gefängnis in Den Haag eingeliefert. Ein Berufungsantrag seiner Verteidiger war zuvor gescheitert. Mladics Ehefrau wurde ein letzter Besuch gestattet.

Belgrader Flughafen: Mladic in die Niederlande ausgeliefert
AP

Belgrader Flughafen: Mladic in die Niederlande ausgeliefert


Belgrad - Die Auslieferung des mutmaßlichen serbischen Kriegsverbrechers Ratko Mladic an das Uno-Tribunal in Den Haag ist abgeschlossen: Der 69-Jährige traf am Abend in einer Sondermaschine der serbischen Regierung auf dem Flughafen von Rotterdam ein. Von dort wurde er unter strengsten Sicherheitsvorkehrungen in das Gefängnis in Scheveningen überstellt, wie am Abend offiziell bestätigt wurde. Mladic ist wegen Völkermords während des Bosnienkrieges 1992 bis 1995 angeklagt.

Mitarbeiter des Kriegsverbrechertribunals hätten Mladic die Anklage überreicht und ihm das anstehende Prozedere erklärt, sagte Nerma Jelacic, Sprecherin des Tribunals. Mladic sei außerdem eine Liste mit den Namen von Anwälten übergeben worden, die ihm bei den ersten Schritten des Verfahrens unterstützen könnten. Ein Arzt werde Mladic untersuchen und er werde jede medizinische Hilfe erhalten, so Jelacic. Anschließend wurde der Häftling für die Nacht in einer Einzelzelle untergebracht, wie es bei Neuankömmlingen üblich ist.

Mladic muss jetzt innerhalb von 48 Stunden erstmals vor dem Richter des Uno-Tribunals erscheinen. Dann wird ihm die Anklage verlesen, anschließend muss er sich schuldig oder nicht schuldig bekennen. Viele der bisherigen Angeklagten verweigerten es, sich bereits bei ihrem ersten Auftritt schuldig oder nicht schuldig zu bekennen und zögerten das bis zu einem Monat hinaus. Auch Mladic hatte in der Vergangenheit verkündet, er erkenne die Autorität des Gerichtshofs nicht an.

Verwirrspiel in Belgrad bei Ausreise von Mladic

Vor seinem Abflug aus Belgrad hatte die Polizei aus Sicherheitsgründen ein Verwirrspiel organisiert. Insgesamt drei Kolonnen mit Polizei-Jeeps hatten im Abstand von einer Stunde das Gericht in Belgrad verlassen, in dem Mladic seit seiner Verhaftung in einer Zelle saß. Die Autobahn von der Innenstadt in Richtung Flughafen wurde von der Polizei blockiert. Weil sich der Transport von Mladic zum Flughafen "Nikola Tesla" verzögert hatte, konnte die Justizministerin erst eine halbe Stunde später als geplant den Vollzug mitteilen. "Serbien hat alle internationalen Verpflichtungen erfüllt", sagte Ministerin Malovic.

Der Ex-General, dem die schwersten Kriegsverbrechen seit 1945 in Europa vorgeworfen werden, hatte sich in den letzten Stunden vor seiner Abreise in seiner Gerichtszelle mit seinen engsten Verwandten getroffen. Seine Frau Bosiljka hatte ihm einen großen Koffer mit Kleidung und persönlichen Gegenständen mitgebracht. Auch sein Sohn Darko sowie die Enkelkinder waren bei ihm. Der Ex-General sei bei der Verabschiedung in Tränen ausgebrochen, berichtete sein Anwalt.

Zuvor hatte Mladic frühmorgens unter strengen Sicherheitsvorkehrungen das Grab seiner Tochter Anna auf dem Topcider-Friedhof besuchen dürfen. Die damals 24-jährige Medizinstudentin hatte sich im März 1994 mit der Pistole ihres Vaters umgebracht. Nach Medienberichten soll sie aus Gram über die Gräueltaten ihres Vaters gehandelt haben. Mladic selbst hatte immer von Mord gesprochen.

Mladic war nach 16 Jahren auf der Flucht kürzlich festgenommen worden. Er kommandierte die Armee der bosnischen Serben, als diese die Stadt Sarajevo 43 Monate lang belagerte. Rund 10.000 Menschen kamen damals ums Leben. Außerdem sollen bosnisch-serbische Soldaten mit seinem Wissen ein Massaker an 8000 muslimischen Männern und Jungen im ostbosnischen Srebrenica im Juli 1995 verübt haben.

amz/lgr/dpa/AFP/dapd/AP



© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.