Hamburg - Die geheimen Irak-Protokolle dokumentieren, mit welchen haarsträubenden Methoden das US-Militär im Irak vorging - nun gerät auch die britische Armee immer stärker ins Zwielicht: Laut einem Bericht der Londoner Zeitung "Guardian" haben britische Militärs Leitfäden für brutale Verhörmethoden verfasst, die eklatant den Genfer Konventionen zum Schutz von Kriegsgefangenen widersprechen.
Diese Grundsätze untersagen es, von Gefangenen Informationen unter physischem oder moralischem Zwang zu erpressen. Doch die britische Armee empfiehlt laut "Guardian" in verschiedenen Dokumenten Drohungen und Erniedrigungen als Mittel, um Gefangenen Informationen zu entlocken. Soldaten wird zu Demütigungen geraten und dazu, bei den Befragten Verunsicherung, Orientierungslosigkeit, Anspannung und Angst auszulösen, berichtet das Blatt. Dazu gebe es ganz konkrete Anleitungen, wie dies erreicht werden kann.
Als Beispiel nennt die Zeitung eine Power-Point-Präsentation aus dem Jahr 2005. Darin würden Nacktverhöre empfohlen. "Zieh sie aus", zitiert die Zeitung aus dem Dokument. "Lass sie nackt, wenn sie Aufforderungen nicht befolgen."
Das Blatt nennt weitere Anleitungen aus dem Jahr 2008 und später. Darin wird zu Augenbinden, Ohrstöpseln und Plastik-Handfesseln geraten. Befrager sollten Gefangene zudem nicht länger als vier Stunden am Stück schlafen lassen, heißt es in den Dokumenten demnach weiter. Auch die Drohung mit Isolationshaft wird erwähnt.
Schiffscontainer als geeignete Orte
Die Brisanz der Methoden war den Verfassern der Dokumente offenbar bewusst. Denn sie raten dazu, für Verhöre abgelegen Orte wie Schiffscontainer zu suchen, die sich außer Hörweite befinden. Auch Medien sollten unbedingt ferngehalten werden.
Um die Gefangenen in den Verhören zur Räson zu bringen, wird in den Anleitungen laut "Guardian" auch zur Untersuchung der Genitalien geraten. Zynisches Detail: Neben genauen Anleitungen zu körperlichen Misshandlungen steht dann der Hinweis "Folter ist tabu".
Die Folteranleitungen stammen dem Bericht zufolge aus der Zeit nach 2003, nachdem ein irakischer Hotelpförtner in britischer Haft gestorben war. Seine Leiche wies 93 unterschiedliche Verletzungen auf. Der Fall wird derzeit in Großbritannien untersucht. Ein Sprecher des Verteidigungsministeriums sagte an diesem Dienstag, im Zusammenhang mit diesem Fall seien die Verhörmethoden der britischen Armee offengelegt worden. Weitere Kommentare wollte er nicht abgeben.
Erst kürzlich hatte der "Guardian" mehrere Fälle aufgedeckt, in denen irakische Zivilisten von britischen Soldaten zu Tode gequält worden sein sollen:
Die Vorwürfe stammen möglicherweise von Mandanten des britischen Menschenrechtsanwalts Phil Shiner. Er vertritt mehr als hundert Iraker, die gegen die britische Armee wegen Misshandlungen im Irak-Krieg klagen. Ab November werden diese Klagen vor Gericht verhandelt. Dann werden Shiner und seine Kollegen nachweisen wollen, dass es sich um systematische Misshandlungen handelt, schrieb die Zeitung. Shiner arbeitet auch mit der Internetplattform Wikileaks zusammen, die zuletzt geheime Irak-Protokolle öffentlich machte, die der SPIEGEL analysierte.
mmq/dpa
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