Bagdad - Es ist der blutigste Tag im Irak seit dem Mai 2010: Mindestens 91 Menschen sind an diesem Montag bei schweren Attentaten in Schiiten-Vierteln ums Leben gekommen. 172 Menschen seien zudem verletzt worden, teilten die Behörden mit; Polizisten und Ärzte sprachen gar von mehr als 220 Verletzten. Bereits am Vortag hatten Sprengstoffexplosionen mindestens 17 Menschen das Leben gekostet und nahezu hundert verletzt.
Die offenbar koordinierten Bombenanschläge erfolgten damit kurz nach dem Beginn des muslimischen Fastenmonats Ramadan. Obwohl sich bislang noch niemand zu den Angriffen bekannt hat, machen irakische Sicherheitskreise al-Qaida dafür verantwortlich. Das sunnitische Terrornetzwerk wolle damit einen Glaubenskrieg auslösen. "Al-Qaida versucht, den Irak an den Rand eines Krieges zwischen Schiiten und Sunniten zu treiben", zitiert die Nachrichtenagentur Reuters eine Quelle aus dem Umfeld des Sicherheitsapparats.
Das Ziel sei demnach klar: "Sie wollen, dass die Lage so schlimm wird wie in Syrien." Dort tobt inzwischen ein Bürgerkrieg, der sich seit den ersten Demonstrationen von Sunniten, die in Syrien die Mehrheit der Bevölkerung stellen, gegen die von Alawiten beherrschte Regierung von Präsident Baschar al-Assad entwickelt hat.
Blutigster Tag im Irak seit Mai 2010
Im Irak sind die Sunniten hingegen in der Minderheit, der weit überwiegende Anteil der Bevölkerung sind Schiiten. Jahrhundertelang herrschten dennoch die Sunniten im Land, erst mit dem Sturz Saddam Husseins durch den US-geführten Krieg 2003 verloren sie ihre Dominanz. Durch den Abzug der US-Kampftruppen im Dezember 2011 ist der ohnehin permanente politische Streit zwischen den Gruppen zu einem offenen Machtkampf in der Regierung ausgeartet. Zuvor hatte die Gewalt im Irak abgenommen - vor allem im Vergleich zum Höhepunkt der Kämpfe zwischen den verschiedenen Volksgruppen in den Jahren 2006 und 2007.
Für al-Qaida als Drahtzieher hinter den Attentaten spricht auch, dass die Gruppe erst vor kurzem angekündigt hatte, ihren Kampf intensivieren zu wollen. Ziel sei es, "Richter und Staatsanwälte" zu töten und inhaftierte Aktivisten zu befreien, erklärte der Chef des Qaida-Ablegers Islamischer Staat im Irak (ISI), Abu Bakr al-Bagdadi, in einer Audiobotschaft. Dies sei Teil "eines neuen Projekts namens 'Die Mauern einreißen'", erklärte al-Bagdadi.
Die Anschläge vom Montag waren die schlimmsten seit dem 10. Mai 2010, als bei landesweiter Gewalt 110 Menschen getötet worden waren. Damals starben die meisten Menschen jedoch an einem Ort, als Autobomben auf dem Parkplatz einer Textilfabrik in Bagdad explodierten. An diesem Montag hingegen waren es insgesamt 22 Attentate in 14 Städten.
Polizisten und Soldaten unter den Opfern
Allein in Tadschi 20 Kilometer nördlich von Bagdad detonierten am Montag sechs Sprengsätze in der Nähe eines Wohnkomplexes. Eine siebte Explosion traf die Polizisten, die an den Ort des Angriffs eilten. Mindestens 42 Menschen starben dort, 40 weitere wurden verletzt. Ein Bewohner sagte der Nachrichtenagentur AFP, er habe ein unbekanntes Auto gesehen und die Polizei verständigt. Diese sei von einer Autobombe ausgegangen. Als die Bewohner im Umkreis in Sicherheit gebracht werden sollten und ihre Häuser verließen, sei die Bombe explodiert.
Zahlreiche Soldaten und Polizisten befanden sich laut Angaben der Behörden unter den Todesopfern der landesweiten Anschläge. Allein beim Angriff auf eine Militärbasis in Dhuluijah 90 Kilometer nördlich von Bagdad wurden 15 Soldaten getötet und zwei weitere verletzt, wie aus Armee und Innenministerium verlautete. In der Provinz Dijala nordöstlich von Bagdad attackierten die Angreifer Kontrollpunkte von Armee und Polizei. Bei den Bombenexplosionen starben elf Menschen, darunter Mitglieder der Sicherheitskräfte.
Weitere Anschläge gab es in den nördlich von Bagdad gelegenen Städten Saadijah, Chan Beni Saad, Kirkuk, Tus Churmatu, Dibis und Dudschail. In der irakischen Hauptstadt wurden zwei Menschen nach Angaben von Sicherheitsbeamten und Medizinern durch die Explosion von Autobomben in den Vierteln Husseinijah und Jarmuk getötet. In der Schiiten-Hochburg Sadr City im Zentrum der Hauptstadt starben zwölf Menschen bei der Explosion einer Autobombe, 22 weitere wurden verletzt.
fdi/Reuters/AFP/AP
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