Anschläge in Indien Rebellen zünden Wahllokale an

Gewalt überschattet den ersten Tag der Parlamentswahl in Indien: Im Osten des Landes steckten maoistische Rebellen Wahllokale in Brand, bei einem Anschlag auf Grenztruppen kamen mehrere Menschen ums Leben. Hunderttausende Polizisten sind im Einsatz, um die Wahl abzusichern.


Neu Delhi - Indien, die größte Demokratie der Welt, hat am Donnerstag die Wahl eines neuen Parlaments gestartet: Mehr als 700 Millionen Inder sind zur Stimmabgabe aufgerufen - die Wahl wird sich über mehrere Wochen hinziehen. Nur wenige Stunden nach Öffnung der Wahllokale wurden bei Angriffen von Rebellen mindestens 18 Menschen getötet.

Die Wahllokale öffneten am Donnerstagmorgen im kommunistisch regierten Bundesstaat Kerala im Süden des Subkontinents sowie in Teilen Kaschmirs und Regionen im äußersten Nordosten Indiens an der Grenze zu Bangladesch, Burma und China. Die Maoisten haben ebenso wie muslimische Extremisten im indischen Teil Kaschmirs zum Boykott der Wahl aufgerufen.

Wie die Nachrichtenagentur PTI meldete, kamen bei einem Rebellenangriff auf einen Bus der paramilitärischen Grenztruppen im Bundesstaat Jharkhand mindestens sieben Sicherheitskräfte und zwei Zivilisten ums Leben. Jharkhand gilt als Hochburg der maoistischen Rebellen.

Im benachbarten Bundesstaat Bihar wurden zwei Polizisten erschossen. Zwischenfälle gab es nach indischen Medienberichten auch in den Bundesstaaten Chhattisgarh und Orissa, wo Maoisten mehrere Wahllokale angriffen und in Brand steckten - dort gab es laut PTI sechs Tote bei der Explosion einer Landmine und beim Angriff auf eine Wahlstation.

S. Y. Qureshi von der staatlichen Wahlkommission sagte, mehr als 200.000 Sicherheitskräfte seien zur Absicherung der Wahl eingesetzt. "Wir befürchten hier und da ein paar Probleme, aber wir sind vorbereitet." Bei der Abstimmung vor fünf Jahren waren 45 Menschen ums Leben gekommen. 1999 hatte es mehr als 100 Tote gegeben.

Spannungen mit dem Erzfeind Pakistan

Aus organisatorischen und aus Sicherheitsgründen findet die Abstimmung bis zum 13. Mai an fünf Wahltagen statt. Am 16. Mai wird das Ergebnis erwartet. Am ersten Wahltag sind 143 Millionen Bürger in 17 der insgesamt 35 indischen Bundesstaaten und Unionsterritorien zur Stimmabgabe aufgerufen. Dort gelten 23.000 Dörfer vor allem im indischen Teil Kaschmirs sowie in Bundesstaaten mit starker Präsenz maoistischer Rebellen als "sensibel". Der nächste Wahltag ist am Donnerstag kommender Woche.

Der Ausgang der Abstimmung ist Experten zufolge offen. In den vergangenen Jahren ist der Einfluss der beiden großen Parteien - die mit Partnern regierende linksgerichtete Kongress-Partei und die hinduistisch-nationalistische BJP - gesunken. Zusammen könnten sie in diesem Jahr weniger als die Hälfte der Stimmen auf sich vereinigen.

Eine "Dritte Front" genannte Gruppe von kleinen regionalen Parteien kämpft um eine gute Ausgangsposition für Verhandlungen über eine Koalition. Diese könnte damit schwach und instabil werden, befürchten Experten. Die meisten Politiker richten ihr Bemühen ohnehin auf regionale Probleme - obwohl es mehrere Themen von nationalem Interesse gibt. Indien hat in der Wirtschaftskrise Millionen Jobs verloren. Andere Herausforderungen sind ein steigendes Haushaltsdefizit und die politischen Spannungen mit dem Erzfeind Pakistan.

Besonders die Wirtschaft fürchtet einen unklaren Ausgang und langwierige Verhandlungen in Hinterzimmern. Viele Investoren fordern schnelle Reformen zum Beispiel auf dem Arbeitsmarkt, um das Wirtschaftswachstum am Leben zu halten und gegenüber China wettbewerbsfähig zu bleiben.

amz/ffr/dpa/AP/AFP



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Compact007 15.04.2009
1. Indian
in Indien passiert viel, hat viel Potential, eine sehr große Wirtschaftsmacht zu werden. Die jungen Leute sind nicht meist nicht mehr so verbohrt wie die ältere Generation, was das Kastensystem angeht. Sicherlich, eine Hochzeit eines Paares aus grundverschiedenen Kasten wird immer noch nicht gerne gesehen, aber zumindest macht man Geschäfte untereinander und arbeitet zusammen. Die Gefahr sehe ich in der Korruption und daß die Religionen nun angefangen haben, sich untereinander zu bekriegen. War früher undenkbar, da haben die Hindus, Moslems, Christen etc friedlich zusammengelebt.Das wird der Knackpunkt sein, den Indien bewältigen muß. Und natürlich muß dringend mit langfristigem Umweltschutz angefangen werden, sonst kann man den ganzen Quark mit asiatischer Großmacht vergessen (China wird auch noch an seinem Dreck ersticken)
rkinfo 15.04.2009
2.
Zitat von Compact007in Indien passiert viel, hat viel Potential, eine sehr große Wirtschaftsmacht zu werden. Die jungen Leute sind nicht meist nicht mehr so verbohrt wie die ältere Generation, was das Kastensystem angeht. Sicherlich, eine Hochzeit eines Paares aus grundverschiedenen Kasten wird immer noch nicht gerne gesehen, aber zumindest macht man Geschäfte untereinander und arbeitet zusammen. Die Gefahr sehe ich in der Korruption und daß die Religionen nun angefangen haben, sich untereinander zu bekriegen. War früher undenkbar, da haben die Hindus, Moslems, Christen etc friedlich zusammengelebt.Das wird der Knackpunkt sein, den Indien bewältigen muß. Und natürlich muß dringend mit langfristigem Umweltschutz angefangen werden, sonst kann man den ganzen Quark mit asiatischer Großmacht vergessen (China wird auch noch an seinem Dreck ersticken)
Nicht vergessen - Indien zählt zu den Ländern mit den meisten hungernden Kinder der Erde (ok, angeblich liegt dies am Biosprit in NRW, vielleicht aber auch anders). Umweltschutz, aber auch gezielt geförderter Biosprit wird in einem Land der Kasten und der Korruption noch auf Jahrzehnte problematisch sein. Aber Indien wird bald in Wassermangelsituationen geraten, was schwere erste innenpolitische Destabilisierungen bringen wird. Und der nächste Ölpreisschock wird Indien ebenfalls brutal treffen. ABER, früher war die Lage schlimmer für das Land.
mavoe 15.04.2009
3. Kastensystem
80% der Inder sind Hindus. Diese Weltsicht kann man irgendwie vergleichen mit der unserer "alten Griechen". 30% der indischen Bevölkerung sind "Nebensache", Armut ohne Ende, und Subsistenzwirtschaft halten die vielleicht noch am Leben, oder auch nicht, oder Bettlertum. Sikhs oder Muslime oder Parsen sind da, nach meinem Eindruck, "besser" dran. Ich bitte Sie, um Shivas willen jetzt hier keine Grundsatzdiskussion über Indien zu eröffnen. Was Gandhi versucht hat kann kein Mensch auf der Welt nochmal versuchen, aussichtslos! Indien muss man kulturmäßig versuchen zu verstehen, aber nicht politisch. Ich war mal 1 Jahr in Indien...
Michael Giertz, 15.04.2009
4.
Zitat von sysopIndien wählt von Mitte April bis Mitte Mai eine neue Regierung - wohin steuert die südasiatische Wirtschaftsmacht?
80% der Inder gehören zu den Armen, die mit ungefähr 2 Dollar am Tag auskommen müssen, d.h. dort vereint sich das volkswirtschaftliche Vermögen zum großen Teil auf wenige zehntausend Köpfe in der Oberschicht, gefolgt von einer nicht gerade breiten Mittelschicht. Es ist, selbst wenn der Wille in der Regierung da wäre, die Armut zu bekämpfen, schlichtweg unmöglich, den Armen dieselbe Lebensqualität zu gewähren, wie etwa der unteren Mittelschicht: dazu fehlt es an allem: Infratstruktur, Nahrung, Wohnraum. Im Prinzip ist Indien einfach zu stark bevölkert. Hinzu kommt auch das Kastenwesen, welches dazu auffordert, regelrecht verpflichtet, dass die Leute denjenigen Berufen nachgehen, die der Kaste entsprechen. Die Armut ist eben auch Ergebnis des Kastenwesens, nicht nur des mangelnden Willens der Oberen, etwas daran zu ändern. Kurzum: Indien, aber genau wie China, wird noch eine Weile boomen, und zwar bis zur nächsten Krise, etwa wenn Öl knapp wird. Doch beide Länder haben das Problem der Überbevölkerung und der schlichten Unmöglichkeit, dass der Wohlstand niemals alle Bevölkerungsschichten erreichen kann, einfach weil die Wirtschaftsstärke beider Länder allein auf dem unerschöpflichen Reservoir billiger Arbeitskräfte basiert.
Softship 15.04.2009
5.
Zitat von Michael Giertz80% der Inder gehören zu den Armen, die mit ungefähr 2 Dollar am Tag auskommen müssen, d.h. dort vereint sich das volkswirtschaftliche Vermögen zum großen Teil auf wenige zehntausend Köpfe in der Oberschicht, gefolgt von einer nicht gerade breiten Mittelschicht. Es ist, selbst wenn der Wille in der Regierung da wäre, die Armut zu bekämpfen, schlichtweg unmöglich, den Armen dieselbe Lebensqualität zu gewähren, wie etwa der unteren Mittelschicht: dazu fehlt es an allem: Infratstruktur, Nahrung, Wohnraum. Im Prinzip ist Indien einfach zu stark bevölkert. Hinzu kommt auch das Kastenwesen, welches dazu auffordert, regelrecht verpflichtet, dass die Leute denjenigen Berufen nachgehen, die der Kaste entsprechen. Die Armut ist eben auch Ergebnis des Kastenwesens, nicht nur des mangelnden Willens der Oberen, etwas daran zu ändern. Kurzum: Indien, aber genau wie China, wird noch eine Weile boomen, und zwar bis zur nächsten Krise, etwa wenn Öl knapp wird. Doch beide Länder haben das Problem der Überbevölkerung und der schlichten Unmöglichkeit, dass der Wohlstand niemals alle Bevölkerungsschichten erreichen kann, einfach weil die Wirtschaftsstärke beider Länder allein auf dem unerschöpflichen Reservoir billiger Arbeitskräfte basiert.
Es ist etwas oberflächlich, Rupieneinkommen in Dollar umzurechnen um die Armut die Leute darzustellen. Ja, das Durschnittsjahreseinkommen in Indien ist rund INR 35000, also $2 / Tag. Aber damit kann man in Indien wohnen, sich einkleiden und täglich 3 Mahlzeiten essen, in Europa eben nicht. In Indien ist "Armut" als unter 1/5 von dem angesiedelt. Der Wechselkurs wird künstlich etwas schräg gehalten, damit der Export von Gütern und Arbeitskräften funktioniert. In Indien versteht man teils was anderes unter Lebensqualität als wir es tun. Bitte nehmen Sie nicht an, dass Inder unbedingt so leben wollen wie wir. Besonders in Sachen Wohnraum kriegen die meisten Inder das Schütteln wenn Sei sehen, wie wir wohnen. So stark Überbevölkert ist Indien auch nicht: Im Vergleich Indien 349 Einwohner pro km², England 377 Einwohner pro km². Die Kasten haben auch Vorteile. Für uns ist das etwas fremd, aber es führt dazu, dass die Menschen nicht vereinsamen wie wir es in unserer ach so modernen Gesellschaft tun.
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