Anschläge in Kabul Karzais Friedensgipfel versinkt im Terror-Chaos

Er wollte die Taliban mit seiner Stammeskonferenz friedlich stimmen - doch schon zu Beginn geriet die "Friedens-Dschirga" von Präsident Hamid Karzai zur Farce. Die Radikalislamisten zündeten Raketen und schickten Selbstmordattentäter. Strengste Polizeikontrollen konnten den Terror nicht verhindern.


Kabul - Es war der denkbar schlechteste Auftakt für die afghanische "Friedens-Dschirga". Schon zu Beginn der Rede von Präsident Hamid Karzai im Versammlungszelt in Kabul waren Explosionen zu hören. Karzai rief die 1600 Delegierten zur Ruhe auf und setzte seine Rede unbeirrt fort.

"Setzen Sie sich wieder hin, es wird nichts passieren", sagte der Präsident vor den Versammelten, von denen einige aus Angst vor einem Angriff aufgesprungen waren. "Ich habe mich daran gewöhnt", sagte Karzai, der mindestens drei Attentatsversuche überlebt hat. "Jeder ist daran gewöhnt." Doch spätestens jetzt war klar: Die Taliban wollen die Friedenskonferenz sabotieren und sie zu einer Farce machen.

Karzai hatte in seiner Eröffnungsrede an die Taliban appelliert, die Waffen niederzulegen. "Ich rufe dich wieder dazu auf, mein Bruder, mein lieber Talib, kehre zurück. Dies ist dein Land." Gespräche mit dem Terrornetz al-Qaida schloss Karzai aus. Den Forderungen der Taliban, vor Verhandlungen müssten die ausländischen Truppen Afghanistan verlassen, erteilte der Präsident eine klare Absage. Dann verließ er die Dschirga in einem gepanzerten Konvoi.

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Kabul: Taliban sabotieren die Dschirga
Die Realität spielte sich außerhalb des Tagungsortes ab: Der Bildungsminister und Vorsitzende der Dschirga-Kommission, Faruk Wardak, berichtete den Delegierten, drei Selbstmordattentäter in traditionellen Gewändern hätten sich in einem Haus in der Nähe verschanzt gehabt. Sie hätten eine Panzerfaust abgeschossen. Zwei der Angreifer seien getötet, der dritte festgenommen worden. "Die Lage ist hundertprozentig unter Kontrolle der afghanischen Sicherheitskräfte", behauptete er. In anderen Berichten war davon die Rede, es habe Raketenangriffe gegeben, auch war Maschinengewehrfeuer zu hören.

Die Taliban bekannten sich denn auch zu dem Anschlag. Sie hätten vier Selbstmordattentäter auf einem nahegelegenen Hochhaus postiert, sagte ein Sprecher der Nachrichtenagentur AFP. Sie seien mit Raketen, Handfeuerwaffen und Sprengsätzen am Körper ausgerüstet.

Trotz strengster Sicherheitsvorkehrungen - 12.000 Polizisten sind zusätzlich im Einsatz und werden von der internationalen Schutztruppe Isaf unterstützt- können die Taliban also offenbar nicht gestoppt werden. Die Radikal-Islamisten boykottieren die Konferenz. Sie hatten in einer Botschaft allen Teilnehmern mit dem Tod gedroht. Sie kritisieren, das Treffen diene lediglich dazu, unrealistische Pläne abzusegnen. Die Teilnehmer der Konferenz stünden im Sold der Invasoren und dienten ihren eigenen Interessen, hieß es in einer Erklärung.

Ausländische Teilnehmer versuchten sich von den Störmanövern der Taliban nicht beeindrucken zu lassen. Es werde den Radikal-Islamisten mit ihren Angriffen nicht gelingen, die Dschirga zum Entgleisen zu bringen, sagte der Uno-Sondergesandte Staffan de Mistura. Sein Stellvertreter, der Deutsche Martin Kobler, meinte, die Friedenskonferenz sei "ein Vehikel, der Regierung Legitimität zu geben, um Kontakte zu den Aufständischen aufzunehmen".

Die Ratsversammlung ist für drei Tage angesetzt. Die Delegierten wollen in Kabul den Grundstein für eine Aussöhnung mit den Taliban legen. Karzai hat die Aussöhnung mit den Taliban zur wichtigsten Aufgabe seiner zweiten Amtszeit erklärt und die Versammlung einberufen.

Zur Dschirga hat die Regierung den Entwurf eines "Friedens- und Reintegrationsprogramms" (APRP) erarbeitet, das mit der internationalen Gemeinschaft abgestimmt wurde. Einfachen Kämpfern soll dem 36-seitigen Papier zufolge Straffreiheit zugesichert werden, wenn sie die Waffen niederlegen und die Verfassung anerkennen. Anführern des radikal-islamischen Aufstands könnte unter anderem der Gang ins Exil angeboten werden, wenn sie sich von al-Qaida lossagen.

als/AP/dpa/Reuters/AFP

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ewspapst 08.05.2010
1. Krieg
Zitat von sysopDie Taliban gewinnen in Afghanistan zunehmend an Stärke. Die nationale wie auch die internationale Politik scheint machtlos in ihrem Kampf gegen sie zu sein; Gesprächs- oder andere Angebote werden ignoriert. Ist das Ziel der internationalen Kräfte, beim Aufbau einer funktionsfähigen Zivilgesellschaft zu helfen, überhaupt noch zu erreichen?
Die Taliban hatten vor dem Einmarsch der westlichen Truppen den grössten Teil des Landes in ihrer Herrschaft, das bedeutet, dass sie auch eine grössere Anzahl der Bevölkerung hinter sich hatten aber zu mindestens nicht gegen sich. Nach Aussage des Herrn Karzai von heute, haben die Taliban immer noch den grössten Teil des Landes unter ihrer Herrschaft und die vielen zivilen Opfer durch westliche Militäreinsätze treiben ihnen weitere Anhänger zu. Die Taliban sind extrem gläubige Moslem und wollen nach ihrem Glauben das Leben dort gestalten. Wie wollen sie diese extrem gläubigen Menschen von ihrer Glaubensvorstellung abbringen, denn das müssen sie wohl, um eine gesellschaftliche Veränderung zu erzielen, und mit welchen Mitteln wollen sie diese Menschen verändern. Auch wenn man davon ausgehen sollte, dass die Taliban ja „Pakistani“ seien, so muss man doch einen grossen Teil der Taliban auch den Afghanen zurechnen. Ich behaupte, man wird diese Menschen in ihrem Denken und Handeln nicht durch westliche Mächte verändern können, aber vielleicht haben wir ja hier solche Experten, die das können. Wenn hier keine geistige Veränderung zu erreichen sein wird, bleibt der Ausgangszustand bestehen. Vielleicht werden sich die Lebensverhältnisse marginal ändern, aber mit welchem Aufwand und mit welchen entsetzlichen menschlichen Opfern. Wenn meine Bewertung zutrifft, hätte man dieses Ergebnis nicht schon von Anfang an sehen können, diese Frage muss man sich doch dann immer wieder stellen?
fintenklecks 08.05.2010
2. Nein
Zitat von sysopDie Taliban gewinnen in Afghanistan zunehmend an Stärke. Die nationale wie auch die internationale Politik scheint machtlos in ihrem Kampf gegen sie zu sein; Gesprächs- oder andere Angebote werden ignoriert. Ist das Ziel der internationalen Kräfte, beim Aufbau einer funktionsfähigen Zivilgesellschaft zu helfen, überhaupt noch zu erreichen?
Nein, er kann nicht gelingen, weil die Praktiken, die dort zum Ansatz kommen, kontraproduktiv sind. Ich kann auch ein Kind nicht zivilisieren, indem ich es ständig verhaue, nachdem Motto "Und willst Du nicht mein Bruder sein, so schlag ich Dir den Schädel ein!" Es ist nur noch rudimentär und die Hetze gegen die Taliban ist pervers und nicht zivilisiert. Kein Wunder, dass die mit Verbrechern nicht reden (wollen). Ich könnte auch nicht mit jemanden verhandeln, der mich ständig schlägt. Das Vertrauen wäre gänzlich ruiniert. Man straft solche Menschen mit Verachtung. Man kann Hilfe anbieten, mehr ist nicht erlaubt. Mit Gewalt seinen Willen durchzusetzen, ist reaktionär und nicht zivilisiert. Das kann gar nicht funktionieren. Das System, dass die Afghanen möchten, bestimmen sie selbst. Und dann kann man auch dort beim Aufbau eines Systems helfen, für das sich die Afghanen selbst entscheiden, sofern sie es möchten. Wir fänden es ja auch nicht lustig, wenn man uns hilft, die Lebensweise des Koran bei uns mit Gewalt einzuführen, im Land Unruhen erzeugt, und sagt der Islam ist friedlich, deswegen bitte.
Willie, 08.05.2010
3.
Zitat von sysopDie Taliban gewinnen in Afghanistan zunehmend an Stärke. Die nationale wie auch die internationale Politik scheint machtlos in ihrem Kampf gegen sie zu sein; Gesprächs- oder andere Angebote werden ignoriert. Ist das Ziel der internationalen Kräfte, beim Aufbau einer funktionsfähigen Zivilgesellschaft zu helfen, überhaupt noch zu erreichen?
Koennen schon. Natuerlich. Es muss nur halt der dafuer erforderliche Aufwand und vor allen Dingen die erforderliche Geduld aufgebracht werden. Fuer viele in Gesellschaften der westlichen Welt ist das nicht drin. Weil zu "ich" bezogen -was ist fuer mich drin- und zu kurzfristig denkend -"nur das heute zaehlt". In den Hauptstaedten des Westens wird es entschieden, sonst nirgendwo.
Stefanie Bach, 08.05.2010
4. Dialog statt Gewalt
Zitat von sysopDie Taliban gewinnen in Afghanistan zunehmend an Stärke. Die nationale wie auch die internationale Politik scheint machtlos in ihrem Kampf gegen sie zu sein; Gesprächs- oder andere Angebote werden ignoriert. Ist das Ziel der internationalen Kräfte, beim Aufbau einer funktionsfähigen Zivilgesellschaft zu helfen, überhaupt noch zu erreichen?
Helfen kann man, wenn man sein Gegenüber einbindet, mit ihm kooperiert und es respektiert. Schmeißt man den Leuten Bomben auf das Haupt, dann fördert das nur weitere Gewalt. Die Gleichzeitigkeit von Gewalt und Dialog kann natürlich nicht funktionieren, sie hat auch noch nie funktioniert. Deshalb brauchen wir für Afghanistan eine intelligente Politik. Bei Krieg denkt man an Zerstörung, bei Sprache assoziiert man zunächst Verständigung mit anderen (http://www.plantor.de/2009/kann-man-ohne-sprache-denken/).
Willie, 08.05.2010
5.
Zitat von Stefanie BachHelfen kann man, wenn man sein Gegenüber einbindet, mit ihm kooperiert und es respektiert. Schmeißt man den Leuten Bomben auf das Haupt, dann fördert das nur weitere Gewalt. Die Gleichzeitigkeit von Gewalt und Dialog kann natürlich nicht funktionieren, sie hat auch noch nie funktioniert. Deshalb brauchen wir für Afghanistan eine intelligente Politik. Bei Krieg denkt man an Zerstörung, bei Sprache assoziiert man zunächst Verständigung mit anderen (http://www.plantor.de/2009/kann-man-ohne-sprache-denken/).
Welches "es" meinen sie da genau? Das wird zwar gernen und haeufig von interessierten Seiten so behauptet, aber eben auch nur von Jenen, die davon keine rechte Ahnung haben. Meisten gibt es ja uebrhaupt nur da Bomben aufs Haupt, wo bereits laengst die Gewalt existiert und ausgeuebt wird. Und genaugenommen ist es ja so, dass wer eine Bombe aufs Haupt bekommt, ueberhaupt keine Gewalt mehr zum foerdern hat. Dem steht die Physik entgegen. Was ja auch wieder nicht stimmt. Die Geschichte widerlegt es vielfach. Man braucht sich in dieser nur ein wenig auszukennen. Der 11. Nov. 1918 und der 8.Mai 1945 sind zwei diesbezueglich relevante Dataen, die eigentliche jedem Deutschen gelaeufig sein sollten und als ein Beispiel vor Augen stehen sollten, wenn er in der Schule was gelernt haben sollte. Politik ist aber weder ein "denken an..." und "assoziieren mit...". Das ist also schon mal nicht so sehr intelligent. Im uebrigen wird ein Krieg immer von mindestens zwei (2) Parteien gefuehrt. Es gilt also auch hier, dass falsche Praemissen stets zu falschen Schlussfolgerungen fuehren. Zwangslaeufig.
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