Fahndung nach Anschlag in Paris Immer wieder Belgien

Nach den Anschlägen von Paris steht auch Belgien im Fokus der Ermittler. Das Land hat ein enormes Problem mit Islamisten - und bekommt es offensichtlich nicht in den Griff. Sieben Verdächtige wurden festgenommen, zwei der Attentäter sollen im Großraum Brüssel gelebt haben.

REUTERS

Belgiens Premierminister Charles Michel ist in akuter Erklärungsnot. Denn nach den Terroranschlägen von Paris führen die Spuren nach Belgien. Schon wieder.

Es sei die zentrale Lage in Europa, die Terroristen anziehe, sagte Michel in einer Fernsehsendung. Als Begründung reicht das kaum.

Die Ermittlungslage bleibt unübersichtlich: Im Brüsseler Stadtteil Molenbeek nahm die Polizei bei einer Razzia mindestens drei Menschen fest. Am Sonntagnachmittag war von insgesamt sieben Festnahmen die Rede. Zwei der getöteten Attentäter sollen zuletzt im Großraum Brüssel gelebt haben - beide sollen einen französischen Pass besessen haben, teilte die Staatsanwaltschaft nach Angaben der belgischen Nachrichtenagentur Belga mit.

Aus Ermittlerkreisen in Paris verlautete, dass in die Anschläge auch drei Brüder verwickelt gewesen seien. Einer sei bei den Attentaten selbst ums Leben gekommen, während sich ein zweiter derzeit in Belgien in Polizeigewahrsam befinde. Beim dritten Bruder sei nicht klar, ob er einer der Selbstmordattentäter war oder auf der Flucht ist.

Zuvor waren zwei Autos mit belgischen Nummernschildern an den Tatorten aufgefallen. Eines davon, ein grauer Golf 3, der am Freitagabend vor dem Musiksaal Bataclan gesichtet worden sein soll, wurde am Samstag in Molenbeek von der Polizei beschlagnahmt.

Den Pariser Ermittlern zufolge wurde zudem ein Franzose mit Wohnsitz in Brüssel nahe der belgischen Grenze aufgegriffen. Er habe ein Auto in Belgien gemietet, das mit den Anschlägen zu tun habe.

Das Problem mit den Syrien-Rückkehrern

Es wird kaum jemanden in Belgien überrascht haben, dass die Ermittlungen so schnell in die eigenen Reihen führen: Das Land hat seit Längerem ein Problem mit islamischen Extremisten. Und das dürfte nicht nur daran liegen, dass die Radikalen die zentrale Lage des Landes so schätzen.

Die Zahl der Menschen, die als Dschihadisten nach Syrien gezogen sind, ist in Belgien im Verhältnis zur Bevölkerungsgröße so hoch wie wohl in sonst keinem Land der EU: Nach Schätzungen von Sicherheitsbehörden stammen rund 500 Kämpfer in dem Krisengebiet aus Belgien, das etwa elf Millionen Einwohner zählt. Und einige kehren zurück, weiter radikalisiert durch den Krieg.

Islamistische Rekrutierer erreichen nach einhelliger Meinung von Experten vor allem junge Männer, die keine Ausbildung haben, keinen Job, und die für sich keine Perspektive sehen. Viele Muslime beklagen, sie würden in Belgien ungleich behandelt, etwa wenn sie sich für einen Job bewerben.

Das ist nicht erst seit gestern so, doch Belgien gelingt offensichtlich noch immer viel zu selten, muslimische Migranten und deren in Belgien geborene Kinder zu integrieren.

Die Probleme zeigen sich geradezu beispielhaft in jenem Stadtteil Brüssels, in dem es nun zur Razzia kam: In Molenbeek leben rund 95.000 Menschen, mehr als ein Viertel der Einwohner hat keinen belgischen Pass. Die Arbeitslosenquote beträgt rund 30 Prozent. Schon im Jahr 2006 hatten Ermittler eine Razzia im Islamischen Zentrum von Molenbeek durchgeführt, auch damals ging es um Anti-Terror-Ermittlungen.

Am Samstag sagte die Bürgermeisterin von Molenbeek, Françoise Schepmans, für viele Radikale sei der Bezirk nur eine Zwischenstation.

Belgiens Innenminister Jan Jambon kündigte an, sich persönlich um die radikalen Milieus in dem Problemviertel kümmern zu wollen. "Jeder hat seinen Job", lautete die recht lakonische Reaktion von Bürgermeisterin Schepmans. "Aber wenn Herr Jambon und die Föderale Polizei Molenbeek von diesen Terroristen bereinigen wollen, sage ich: umso besser."

Schepmans wehrte sich gegen den Eindruck, man sehe dem radikalen Treiben untätig zu. In den vergangenen Jahren habe man viel angeschoben: Ein Präventionsexperte im Kampf gegen den Radikalismus gehe in Schulen und treffe sich mit Familien. "Wir arbeiten zudem mit Erziehern, Sozialarbeiten, Mitarbeitern der Kommune zusammen. Wir sind mit allen verfügbaren Mitteln und Kompetenzen präsent", so wird sie vom belgischen Sender RTBF zitiert.

Der Rest sei ein Thema der Staatssicherheit und eine Aufgabe der Bundesstaatsanwaltschaft. "Die lokale Polizei hat nicht die Mittel, in diesem Bereich zu ermitteln."

"Es ist immer möglich, durch das Netz zu schlüpfen"

Der Ernst der Lage zeigte sich auch nach den Anschlägen in Paris vom Januar, als Terroristen unter anderem die Redaktion der Satirezeitschrift "Charlie Hebdo" angegriffen hatten: Wenig später töteten Spezialeinheiten der Polizei zwei mutmaßliche Terroristen im ostbelgischen Verviers, Wohnungen wurden durchsucht, es kam zu Festnahmen. Der belgische Bundesstaatsanwalt sagte, die Getöteten hätten in Syrien gekämpft und seien dann zurückgekehrt. Man habe einen brutalen Terrorangriff verhindert.

Auch nach dem Angriff auf einen Thalys-Hochgeschwindigkeitszug im August führte eine Spur nach Belgien, genauer gesagt: nach Molenbeek. Ein 25-jähriger Marokkaner hatte im Hochgeschwindigkeitszug Amsterdam-Paris um sich geschossen. Fahrgästen gelang es, den Mann niederzuringen. Danach durchsuchte die Polizei in Molenbeek zwei Gebäude, in denen sich der Mann aufgehalten haben soll.

In Belgien fühlen sich zudem - wie in Frankreich - viele Juden unsicher, sie fürchten antisemitisch motivierte Verbrechen. Im Mai 2014 erschoss ein Islamist bei einem Anschlag auf das Jüdische Museum in Brüssel vier Menschen. Der Täter war Franzose. Er wurde später im südfranzösischen Marseille verhaftet und nach Belgien ausgeliefert.

Zwar nahm die Zahl der Bürger, die Vorbehalte gegen Juden haben, zwischen 2014 und 2015 ab: Von 27 auf 21 Prozent, so das Ergebnis einer Untersuchung, die im Juni vorgestellt wurde. Zugleich aber stellte die Jewish Agency, die sich um die Einwanderung von Juden nach Israel kümmert, in Belgien zuletzt ein steigendes Interesse an Auswanderung fest.

Schon in der Nacht zu Samstag, kurz nach den Anschlägen, hatte Belgien die Sicherheitsvorkehrungen erhöht: Die Kontrollen an der Grenze sowie im Zug- und Bahnverkehr wurden intensiviert. Premierminister Michel kündigte am Samstag an, die Polizeioperationen würden weitergehen. Mit Blick auf die Syrien-Rückkehrer aber stellte er fest: "Es ist immer möglich, durch das Netz zu schlüpfen."

bim/Reuters/AP/dpa

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