Terror in Boston: American Psycho

Von Gregor Peter Schmitz, Washington

Die US-Bürger staunen über sich selbst - so souverän haben sie auf das Bombendrama von Boston reagiert. Doch je besser Amerikaner die Brüder Zarnajew kennenlernen, desto klarer wird ihnen: Sie müssen sich an eine neue Gruppe von Terroristen gewöhnen.

Wenn Amerikaner Angst haben müssen, wie gerade wieder in den Terrortagen von Boston, trösten sie sich gerne mit einem Satz: Terroristen müssen in Höhlen leben, wir hingegen brauchen uns nicht zu verstecken. Diese Worte mischten sich auch in den Jubel nach der Festnahme von Dschochar Zarnajew, 19, als eine ganze Stadt "Boston Strong" skandierte.

Doch je besser Amerikaner die Brüder Zarnajew kennenlernen, desto brüchiger wird diese Argumentation: Denn Dschochar Zarnajew, gemeinsam mit seinem Bruder Tamerlan mutmaßlich verantwortlich für den Marathon-Anschlag, lebte in keiner Höhle. Er trug keinen Taliban-Bart, er träumte vermutlich nicht von Jungfrauen im Paradies, er hatte Berichten zufolge eine Freundin in Amerika.

Zarnajew residierte sogar in einer Art Penthouse des amerikanischen Traums, in der Uni-Hochburg Cambridge. Der gebürtige Tschetschene besuchte dort eine der besten Schulen des Landes, Filmstars wie Matt Damon oder Ben Affleck gehören zu ihren Absolventen, vielen Schülern gelingt nach dem Abschluss der Sprung an die Edelunis Harvard oder Massachusetts Institute of Technology gleich um die Ecke.

Auch Dschochar Zarnajew hatte ein Stipendium erhalten, er gab im Internet "Career" und "Money" als Lebensziele an, er sprach so gut wie akzentfrei Englisch. Er rauchte Hasch, er trank Alkohol, er mochte Rap und posierte zum Schulabschluss stolz im Smoking und mit roter Fliege. Als ganz Amerika bereits nach den Bombenlegern fahndete, besuchte der Attentäter noch seelenruhig eine Party an seiner Uni. Zarnajew war ein "All American Boy", sagen Freunde, auf dem besten Weg zu einer amerikanischen Erfolgsgeschichte, ungeachtet der Probleme seines älteren Bruders. Und doch wurde der vielversprechende Student zum Mörder, der einen Rucksack mit einer Bombe in eine Menschenmenge stellte.

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Boston-Terror: Der Anschlag, die Fahndung, die Verdächtigen
Eine solche Entwicklungsgeschichte ist beinahe unheimlicher als der Hass eines Osama Bin Laden. Schließlich haben Amerikaner sich lange in den Glauben gewiegt, die Integration von Muslimen gelänge ihnen besser als den Europäern. Das stimmt grundsätzlich auch. Die Amerikaner fürchteten sich vor "Schläfern", die ins Land geschleust werden. Sie fürchteten weniger, dass unter ihnen lebende Muslime Amerikahass entwickeln, weil sie auf die Anziehungskraft des "American Dream" vertrauten: Weshalb sollte jemand, der diesen Traum leben kann, den amerikanischen Alptraum planen?

"Ich habe keinen einzigen amerikanischen Freund"

Dschochar Zarnajews Bruder wurde 26, er fühlte sich fremd, trotz Frau, trotz Kind, trotz Erfolgen als Boxer, dass er sagte: "Ich habe keinen einzigen amerikanischen Freund. Ich verstehe sie nicht."

Dass der Glaube an Amerikas Integrationskraft nicht unerschütterlich sein sollte, hätten Amerikaner früher registrieren können. Faisal Shahzad, der 2010 auf dem Times Square in New York eine Bombe zu zünden versuchte, hatte zuvor erfolgreich die amerikanische Staatsbürgerschaft beantragt. Nidal Malik Hasan, der im Jahr davor auf dem Militärstützpunkt Fort Hood in Texas 13 Menschen erschoss, arbeitete gar als Armee-Psychiater. Literat Mohsin Hamid hat in seinem Roman "Der Fundamentalist, der keiner sein wollte" beschrieben, wie ein erfolgreicher Wall-Street-Banker mit pakistanischen Wurzeln nach 9/11 langsam zum Radikalen wird. Selbst wer Erfolg hat, kann sich isoliert und ausgegrenzt fühlen, so Hamids Schlussfolgerung. Terror ist nicht nur für Chancenlose.

Wie ausgeprägt solche Gedanken bei den Bombern von Boston waren, erklären YouTube-Videos und Twitter-Einträge nicht. Doch gerade im Internetzeitalter können extremistische Ideen auch scheinbar bestens integrierte US-Muslime beeinflussen. "Sie zeigen mehr Widerstand, aber sie sind nicht immun gegen radikale Botschaften", zitiert das "Wall Street Journal" aus einer Studie für die New Yorker Polizei.

Eine "neue Art von Terroristen"

"Washington Post"-Kolumnistin Anne Applebaum sieht eine "neue Art von Terroristen" - näher an den desillusionierten europäischen Muslimen, die in Madrid oder London töteten, obwohl sie dort aufwuchsen. "Als diese Täter sich fremd fühlten", schreibt Applebaum, "wandten sie sich einer halb erinnerten, halb mythischen Heimat zu, auf der Suche nach einer anderen, stärkeren Identität."

Waren auch die Brüdern Zarnajew auf einer solchen Suche? Der ältere war 2012 ein halbes Jahr in Dagestan, soll sich dort radikalisiert haben. Das Land, aus dem ihre Familie kam, Tschetschenien, verklärten die Brüder anscheinend zunehmend zu ihrer wahren Heimat, auch wenn sie den Alltag dort kaum kannten. Schon erheben sich in den USA Forderungen nach strengerer Überwachung einheimischer Muslime. Fruchtbarer wäre eine offene Debatte darüber, ob sich diese in Amerika wirklich daheim fühlen.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 97 Beiträge
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1. Naiv
EvilGenius 22.04.2013
---Zitat--- Sie fürchteten weniger, dass unter ihnen lebende Muslime Amerikahass entwickeln, weil sie auf die Anziehungskraft des "American Dream" vertrauten ---Zitatende--- Der American Dream wurde doch längst der Wall Street geopfert.
2. In dubio pro reo
propheteus 22.04.2013
Noch ist die Schuld der beiden nicht erwiesen. In zweiten Absatz sind sie noch "mutmaßlich verantwortlich". Im vierten dann: "Und doch wurde der vielversprechende Student zum Mörder". Wie die Medien die beiden vorverurteilen finde ich extrem fragwürdig.
3. American Journalism?
felixlefix 22.04.2013
Zitat von sysopDoch je besser Amerikaner die Brüder Zarnajew kennenlernen, desto klarer wird ihnen: Sie müssen sich an eine neue Gruppe von Terroristen gewöhnen. Anschläge von Boston zeigen neue Art von Terroristen - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/anschlaege-von-boston-zeigen-neue-art-von-terroristen-a-895674.html)
Die Untersuchungen sind längst nicht abgeschlossen, die Schuld der "mutmaßlichen Täter" ist also nicht nachgewiesen. Es stände dem Spiegel gut zu Gesicht, nicht in diese platt propagandistische, islamophobische Hetze zu verfallen.
4. Die Sache wird einfach hochgekocht.
clubzwei 22.04.2013
Seit Menschengedenken gibt es Gewalt und in gewisser Weise auch Terrorismus. Nur die hochzivilisierten, westlichen Länder glauben, man könne mittels Bildung und Aufrüstung des Sicherheitsapparates solche Untaten verhindern. Das ist aber ein Irrglaube. Und man sollte sich schnellstens davon verabschieden. Solche Dinge passieren eben, und es immer Idioten geben, bei denen im Hirn irgendetwas anders läuft als bei den anderen 99,5 % der Weltbevölkerung. Das war bei Adolf Hitler so, bei Stalin, bei Kimi in Nordkorea und Tante Zschäpe und ihren beiden Una -Bombern für Arme. Dagegen ist kein Kraut gewachsen. Je früher wir akzeptieren, dass unser Leben eben nicht ohne Terror und Gewalt auskommt, desto besser.
5. Vorverurteilung
Calex 22.04.2013
Zitat von sysopDie US-Bürger staunen über sich selbst - so souverän haben sie auf das Bomben-Drama von Boston reagiert. Doch je besser Amerikaner die Brüder Zarnajew kennenlernen, desto klarer wird ihnen: Sie müssen sich an eine neue Gruppe von Terroristen gewöhnen. Anschläge von Boston zeigen neue Art von Terroristen - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/anschlaege-von-boston-zeigen-neue-art-von-terroristen-a-895674.html)
Das ist Berichterstattung auf unterstem Niveau. Was ist mit der Unschuldsvermutung? Über Bord geworfen? Wie war das noch mit dem Rechtsstaat?
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