Attentate von Paris Was wir über die Anschläge wissen

Wie viele Attentäter waren es wirklich? Was weiß man über Komplizen? Wer sind die Opfer? Und welche Maßnahmen ergreifen die Regierungen in Frankreich und Europa? Die bisherigen Erkenntnisse im Überblick.

Französische Soldaten vor dem Eiffelturm: Verschärfte Sicherheitsmaßnahmen
AP

Französische Soldaten vor dem Eiffelturm: Verschärfte Sicherheitsmaßnahmen


Wer ist für die Anschläge verantwortlich?

Es spricht alles dafür, dass die Terrororganisation "Islamischer Staat" (IS) für die Anschläge verantwortlich ist. Die Dschihadisten verbreiteten am Samstag eine Erklärung, in der sie behaupten, die Anschlagsorte bewusst ausgewählt zu haben. Das Stade de France sei angegriffen worden, weil sich Staatspräsident Hollande zum Zeitpunkt der Tat dort aufhielt. Die Konzerthalle Bataclan, weil dort "eine perverse Feier" stattgefunden habe. In dem Schreiben ist von acht Attentätern die Rede.

Auf einer Pressekonferenz in Paris sprachen die französischen Behörden davon, dass sieben Attentäter ums Leben kamen. Nach derzeitigen Informationen starben im Konzertsaal Bataclan drei Angreifer. Nahe des Stade de France sprengten sich drei Attentäter in die Luft. Auf dem Boulevard Voltaire brachte ein weiterer Terrorist seinen Sprengstoffgürtel zur Explosion.

Wie liefen die Anschläge zeitlich ab?

Den Auftakt bildeten zwei Bomben, die nahe dem Fußballstadion Stade de France explodierten, das war gegen 21.20 Uhr am Freitagabend. Eine dritte Explosion dort soll sich Medienberichten zufolge um kurz vor 22 Uhr ereignet haben. Außer den drei Attentätern, die sich selbst in die Luft sprengten, kam bei den Detonationen noch ein weiterer Mensch ums Leben.

Ebenfalls in der Zeit zwischen kurz nach 21 und 22 Uhr am Freitagabend griffen Attentäter fünf weitere Orte in Paris an. Darunter mehrere Cafés und den Konzertsaal Bataclan, wo die Terroristen die meisten Menschen ermordeten.

Die Anschlagsorte im Einzelnen:

  • In der Rue de la Fontaine au Roi in der Nähe des beliebten Canal Saint-Martin gab es am Café Bonne Bière fünf Tote.
  • Auf dem Boulevard Voltaire sprengte sich ein Attentäter im Café Le Comptoir Voltaire selbst in die Luft. Ein Mensch wurde schwer verletzt, der Angreifer starb.
  • An der Ecke der Straßen Rue Bichat und Rue Alibert schossen die Täter auf Menschen, die auf der Terrasse des Restaurants Le Petit Cambodge und in der Bar Le Carillon saßen. Dort starben 15 Menschen.
  • Ähnliche Szenen spielten sich in der Rue de Charonne im Arrondissement im Osten der Stadt ab, wo bei einem Angriff auf ein japanisches Restaurant und die Bar La Belle Équipe mindestens 18 Menschen getötet wurden.
  • Ebenfalls in diesen Minuten griffen unmaskierte Männer, nach Berichten von Augenzeugen in Schwarz gekleidet, den Konzertsaal Bataclan an, erschossen Besucher und nahmen andere vorübergehend als Geiseln. Bis die Polizei die Halle stürmte, um kurz vor halb 1 in der Nacht, vergingen etwa drei Stunden. Ein Attentäter wurde dabei von der Polizei erschossen, zwei weitere sprengten sich selbst in die Luft. Der französische Journalist Daniel Psenny filmte den Anschlag mit dem Handy:

Le Monde
Wer sind die Attentäter?

Die genaue Zahl der Attentäter ist immer noch unklar. Die französische Staatsanwaltschaft geht von insgesamt drei Teams aus, die die Anschläge verübten. Das erste Team griff das Fußballstadion an, ein zweites mehrere Restaurants und Bars im Zentrum von Paris und ein drittes das Theater Bataclan. Die Attentäter benutzten Sturmgewehre des Typs Kalaschnikow und trugen identische Sprengstoffwesten.

Einer der mutmaßlichen Täter, die die Konzerthalle Bataclan angegriffen hat, ist identifiziert worden. Der Staatsanwalt sagte, es handele sich um einen 29-jährigen Franzosen, der niemals im Gefängnis gesessen habe. Allerdings sei er zwischen 2004 und 2010 achtmal wegen verschiedener Delikte verurteilt worden. Seit 2010 habe er wegen seiner Radikalisierung unter Beobachtung gestanden, sei allerdings kein Mitglied einer Zelle oder eines Terrornetzwerks gewesen. Ermittlern zufolge handelt es sich bei dem Toten um den 29-jährigen Ismael M. Er habe zuletzt in Chartres gelebt, etwa 90 Kilometer südwestlich von Paris.

Zwei der getöteten Terroristen lebten zuletzt im Großraum Brüssel und hatten einen französischen Pass. Das teilte die Brüsseler Staatsanwaltschaft am Sonntag mit. Im Stadtteil Molenbeek stellte die Polizei ein verdächtiges Auto mit belgischem Kennzeichen sicher - es soll am Freitagabend in der Nähe der Konzerthalle Bataclan gesichtet worden sein.

Bei den Überresten von einem der Selbstmordattentäter am Stade de France wurde ein syrischer Pass gefunden. Es ist unklar, ob der Täter rechtmäßiger Inhaber des Passes war oder nicht und ob das Dokument echt oder gefälscht ist. Der Pass ist auf einen 25 Jahre alten Syrer ausgestellt, der über Griechenland in die EU einreiste.

Wie die französische Zeitung "Le Point" berichtet, soll einer der drei Attentäter seinen eigenen Selbstmordanschlag zunächst überlebt haben. Er hatte seinen Sprengstoffgürtel offenbar nicht korrekt gezündet und verstarb auf dem Weg ins Krankenhaus. Der Mann soll Ägypter und 27 Jahre alt gewesen sein.

Außerdem teilten die Ermittler in Paris mit, dass in die Anschläge drei Brüder verwickelt gewesen seien. Einer sei bei den Attentaten selbst ums Leben gekommen, während sich ein zweiter derzeit in Belgien in Polizeigewahrsam befinde. Beim dritten Bruder sei nicht klar, ob er einer der Selbstmordattentäter war oder auf der Flucht ist.

Der IS äußerte sich in seiner Erklärung nicht zu den Attentätern. Augenzeugen hatten berichtet, dass Angreifer "Allahu akbar" ("Gott ist groß") gerufen hätten und ihre Taten mit der Situation in Syrien und im Irak begründeten. In beiden Ländern fliegt Frankreich Luftangriffe. Übereinstimmend beschreiben Überlebende die Attentäter als sehr jung, unter 25 Jahren. Der französische Radiosender Europe 1 berichtete unter Berufung auf eine gerichtsmedizinische Quelle, dass zwei von ihnen auf zwischen 15 und 18 Jahre geschätzt würden.

Befinden sich Attentäter auf der Flucht?

Mindestens einem Terrorkommando scheint zunächst die Flucht gelungen zu sein. Französische Ermittler stellten am Sonntag ein weiteres Auto östlich von Paris sicher, wie französische Medien berichten. In dem Fahrzeug seien drei Kalaschnikows entdeckt worden. Der schwarze Seat soll nach Einschätzung der Ermittler von den Terroristen benutzt worden sein, die vor mehreren Cafés und Restaurants wahllos Menschen erschossen. Unklar blieb, ob der oder die Täter weiter auf der Flucht sind, oder bereits am Samstag in Belgien gefasst wurden.

Hatten die Attentäter Komplizen?

Ermittler haben mehrere Angehörige eines der Selbstmordattentäter aus dem Konzertsaal Bataclan in Gewahrsam genommen. Das berichtet der französische Fernsehsender BFMTV. Die Befragung von Angehörigen gehört in solchen Fällen routinemäßig zu den Ermittlungen. Bereits am Samstag war bekannt geworden, dass Vater und Bruder des Attentäters Ismael M. in Polizeigewahrsam kamen. Die Wohnungen der beiden Männer wurden durchsucht. Der Bruder des 29-Jährigen lebt demnach in einem Ort südlich von Paris, der Vater gut hundert Kilometer weiter östlich.

In der Brüsseler Gemeinde Molenbeek nahm die belgische Polizei mehrere Personen fest. Die Festnahmen stehen in Verbindung mit dem Kleinwagen, der von den Angreifern in dem Theater Bataclan benutzt wurde. Am Samstagnachmittag durchsuchten schwer bewaffnete Polizisten in der Nähe der U-Bahn-Station Osseghem in Molenbeek zwei oder drei Häuser, auch Spezialisten einer Sprengstoffeinheit sollen beteiligt gewesen sein. Die belgische Staatsanwaltschaft leitete Ermittlungen in vier Fällen wegen Beteiligung an einem Terrorakt ein. Einer der Verdächtigen soll sich am Freitagabend in Paris aufgehalten haben.

Was hat es mit der Festnahme in Bayern auf sich?

Am 5. November wurde in Oberbayern bei einer Personenkontrolle an der A8 der 51-jährige Vladko W. festgenommen. In dessen Auto fand die Polizei mehrere Waffen. Nach Angaben der Ermittler handelt es sich um:

  • 8 Kalaschnikow-Gewehre mit Munition
  • 2 Pistolen
  • 1 Revolver
  • 2 Handgranaten
  • 200 Gramm Sprengstoff (TNT)
  • Es besteht der Verdacht, dass der 51-Jährige womöglich auf dem Weg nach Frankreich war. "Wir prüfen in Zusammenarbeit mit den französischen Behörden intensiv, ob es einen Zusammenhang mit den Ereignissen von Paris gibt", sagte Bayerns Innenminister Joachim Herrmann. Aufgrund der Daten des Navigationssystems und des Handys gebe es "deutliche Hinweise, dass der Mann nach Frankreich wollte."

    Der Mann soll aus Podgorica stammen, der Hauptstadt Montenegros. Ob er ein Islamist ist und mit den Attentätern von Paris in Verbindung steht, ist bisher unklar. Gegen den aus Montenegro stammenden Mann sei inzwischen Haftbefehl erlassen worden, teilte ein Sprecher des Landeskriminalamts mit.

    Wer sind die Opfer?

    Es gibt bislang 132 Tote - davon allein mindestens 87 Tote im Bataclan - und mindestens 352 Verletzte, Dutzende von ihnen schweben in Lebensgefahr. Es wurde auch mindestens ein deutscher Staatsbürger getötet. Das gab das Auswärtige Amt am Sonntag bekannt. "Die Identifizierung der Opfer ist noch nicht vollständig abgeschlossen, es liegen auch noch keine vollständigen Angaben über die Identitäten der Verletzten vor", hieß es. Bis zum Sonntagmittag wurden 103 Leichen identifiziert.

    Wahrscheinlich sind sehr viele junge Menschen unter den Opfern. Unter dem Hashtag #rechercheParis posten auf Twitter verzweifelte Menschen Fotos von vermissten Angehörigen oder Freunden, die in dem Konzertsaal Bataclan waren. Dort hatten sich insgesamt mehr als 1500 Besucher versammelt, um ein Konzert der Rockband Eagles of Death Metal zu hören.

    Welche Maßnahmen ergreift die französische Regierung?

    Präsident François Hollande verhängte noch in der Nacht zum Samstag den Ausnahmezustand über ganz Frankreich. Er sprach von einem "Kriegsakt" und sagte den Extremisten des IS einen "gnadenlosen" Kampf im In- und Ausland an: "Konfrontiert mit Krieg muss die Nation angemessene Maßnahmen ergreifen." An den Grenzen wurde mit Kontrollen begonnen.

    In Paris kam das öffentliche Leben praktisch zum Erliegen: Schulen, Bibliotheken, Sporthallen und Museen wurden geschlossen, Konzerte abgesagt und Sportveranstaltungen annulliert. Touristenziele wie der Eiffelturm, der Louvre und andere Sehenswürdigkeiten wurden bis auf Weiteres geschlossen. Die Regierung mobilisierte 3000 weitere Soldaten, um auf den Straßen, in Bahnhöfen und besonders gefährdeten Orten zu patrouillieren.

    Wie reagiert die Welt?

    Staats- und Regierungschefs äußerten sich schockiert und sicherten Frankreich ihre Unterstützung zu. Bundeskanzlerin Angela Merkel sagte dem Nachbarland "jedwede Unterstützung" zu. Dieser Angriff auf die Freiheit "meint uns alle". Daher müssten nun auch alle gemeinsam den Kampf gegen den Terror führen. "Wir wissen, dass unser freies Leben stärker ist als jeder Terror." Bundespräsident Joachim Gauck sagte, er sei "tief erschüttert angesichts der Nachrichten, die uns aus Frankreich erreichen".

    Die EU kündigte eine Verschärfung der gemeinsamen Terrorbekämpfung an. "Das ist ein Angriff auf uns alle", heißt es in einer gemeinsamen Erklärung der Staats- und Regierungschefs und der EU-Institutionen. "Wir werden dieser Bedrohung mit allen Mitteln und schonungsloser Entschlossenheit entgegentreten."

    US-Präsident Barack Obama verurteilte die Anschläge als "abscheulichen Versuch", die Welt zu terrorisieren. "Wir werden tun, was immer auch getan werden muss, um diese Terroristen zur Verantwortung zu ziehen", sagte er.

    Russlands Präsident Wladimir Putin rief die internationale Gemeinschaft zum gemeinsamen "Kampf gegen den Teufel" auf. "Diese Tragödie ist ein erneuter Beweis für die Barbarei des Terrorismus, der eine Herausforderung für die menschliche Zivilisation ist", hieß es in einem Beileidstelegramm Putins an den französischen Präsidenten.

    Auch die chinesische Regierung bekundete Solidarität. China sei bereit, Frankreich im Kampf gegen den Terrorismus zur Seite zu stehen und die Zusammenarbeit in Sicherheitsfragen zu verstärken, sagt Präsident Xi Jinping.

    Die Anschläge dominierten auch den am Sonntag beginnenden Gipfel der 20 wichtigsten Industrie- und Schwellenländer (G20) im türkischen Antalya. Der türkische Präsident und Gastgeber Recep Tayyip Erdogan forderte die Teilnehmer auf, dem Kampf gegen den Terrorismus oberste Priorität einzuräumen.

    Wie werden die Sicherheitsvorkehrungen jetzt erhöht?

    In Berlin verstärkte die Polizei ihre Präsenz auf den Straßen der Stadt und fuhr mit Streifenwagen vor bekannten französischen Einrichtungen vor. Das Bundesinnenministerium erklärte, man gehe nach der Anschlagsserie in Paris von einer unveränderten Gefährdungslage aus. Deutschland stehe unverändert im Fadenkreuz des internationalen Terrorismus, teilte eine Sprecherin des Ministeriums in der Nacht zum Samstag mit. Bundesjustizminister Heiko Maas (SPD) hat nach der Anschlagsserie von Paris eine sichtlich erhöhte Polizeipräsenz angekündigt. "Die Polizei, die man sieht, wird auch etwas anders aussehen als bisher", sagte Maas am Samstagabend in der Sendung "Maybrit Illner Spezial". Die Ausrüstung werde eine andere sein. Zugleich werde zusammen mit den Nachrichtendiensten die Beobachtung islamistischer Gefährder intensiviert, sagte der Justizminister.

    Auch Belgien verschärfte seine Sicherheitsmaßnahmen. Das betreffe die Grenze zu Frankreich, die Flughäfen und den Zugverkehr, sagte Premierminister Charles Michel. Michel rief auch den nationalen Sicherheitsrat zusammen, um über die Lage zu beraten. Das Land forderte seine Staatsbürger auf, alle nicht notwendigen Reisen nach Paris vorerst abzusagen.

    In Großstädten der USA erhöhte die Polizei ihre Präsenz, etwa in den Straßen von New York. Spezialeinheiten zur Terrorabwehr wurden an Orten postiert, die von besonders vielen Touristen besucht werden. In Washington gab es verstärkte Patrouillen im Regierungsviertel rund ums Kapitol. An französischen Einrichtungen wurden zusätzliche Sicherheitskräfte postiert.

    Der niederländische Premier Mark Rutte sagte, sein Land befinde sich "im Krieg" mit dem "Islamischen Staat". Die Regierung des Landes werde "sichtbare und nicht sichtbare" Maßnahmen ergreifen, um die Sicherheit zu stärken, sagte er. Der Verkehr aus und nach Frankreich werde stark überwacht, auch jener an Flughäfen und Bahnhöfen.

    Auch die Länder in Skandinavien verstärkten nach den Terroranschlägen von Paris ihre Sicherheitsmaßnahmen. Der Innenminister von Finnland kündigte an, dass die Kontrollen an Häfen und Flughäfen verschärft werden und Botschaften und Großveranstaltungen mehr Schutz bekommen.

    In Dänemark bekam die französische Botschaft in der Hauptstadt Kopenhagen zusätzlichen Polizeischutz.

    Die Regierung von Spanien beschloss, die Sicherheit "in einigen Bereichen" zu erhöhen. Das sagte Innenminister Jorge Fernández Díaz nach einer Dringlichkeitssitzung des Nationalen Sicherheitsrats in Madrid. Unter Hinweis auf die nötige Vorsicht wollte er aber keine Details der geplanten und schon durchgeführten Maßnahmen verraten.

    Terrorziele in Paris
    Klicken Sie auf die Standorte für weitere Informationen.
    Fotos: AP, AFP, dpa
    1
    Stade de France
    2
    Rue Alibert
    3
    Rue de la Fontaine au Roi
    4
    Konzertsaal Bataclan
    5
    Boulevard Voltaire
    6
    Rue de Charonne

    lov

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