Anschlag auf Heiligtum Attentäter bomben Irak an den Rand des Bürgerkriegs

Der Irak brodelt. Die Angst vor einem Bürgerkrieg ist groß: Denn eine der heiligsten Stätten der irakischen Schiiten liegt seit einem Bombenanschlag am Morgen in Trümmern. Radikale Schiiten reagierten mit Angriffen auf sunnitische Gebetshäuser.

Von Yassin Musharbash


Berlin - Dass der Anschlag Teil einer Kampagne ist, daran kann kein Zweifel bestehen: Der Bombenanschlag auf die Grabstätte der Imame Ali Ali al-Hadi und Hassan al-Askari in der nordirakischen Stadt Samarra war der dritte anti-schiitische Terrorakt in drei Tagen.

Doch keiner war so verheerend wie dieser. Die berühmte goldene Kuppel der Moschee: gesprengt und in tausend Stücke zerborsten. Eine größere Provokation für die Schiiten im Irak ist kaum vorstellbar. Entsprechend aufgeheizt und an der Grenze zur gewalttätigen Eskalation war heute die Stimmung im Irak.

"Wir werden diesen Akt nicht nur verurteilen und dagegen protestieren, wir werden gegen diese Militanten auch vorgehen", kündigte ein Sprecher des jungen, radikalen Schiitenführers Muktada al-Sadr an. "Wenn die irakische Regierung nicht in der Lage ist, ihre Arbeit zu tun und das irakische Volk zu verteidigen, werden wir es tun." Die martialischen Worte haben Gewicht: Mindestens 10.000 bewaffnete Kämpfer befehligt al-Sadr, der seit seinem kurzzeitigen Aufstand gegen die US-Armee 2003 große Popularität erreicht hat.

Der Heißsporn hielt sich zur Zeit der Explosion, am Morgen um 6.55 Uhr Bagdader Zeit, gerade zu einem Besuch im Libanon auf, machte sich aber sofort auf den Rückweg. Denn jetzt kommt es auf jede Minute an. Nur Stunden nach dem Anschlag kam es bereits zu gewalttätigen Reaktionen. Im Laufe des Tages, so behaupteten es sunnitische Parteien, seien 29 ihrer Moscheen angegriffen worden. Die größte sunnitische Moschee von Bagdad wurde von rund 40 Militanten mit Maschinengewehrfeuer beschossen.

In Basra lieferten sich Sunniten und Schiiten Feuergefechte. In Kirkuk und Bagdad demonstrierten Zehntausende. Ein halbes Dutzend Sunniten wurde ermordet, darunter auch ein religiöser Würdenträger. "Schiiten, wehrt euch! Rächt euch!", lautete vielerorts die Parole. Die Nerven liegen blank.

Sistani versucht zu beruhigen

Während Muktada al-Sadr den Furor eher anfachen zu wollen scheint, versucht der Großajatollah Ali al-Sistani, höchster schiitischer Würdenträger im Irak und Vertreter des eher unpolitischen und gemäßigten Flügels, den Zorn der Schiiten zu kanalisieren: Er rief zu Protestkundgebungen auf, verbot aber ausdrücklich Übergriffe auf sunnitische Einrichtungen. Sogar im TV trat er deswegen auf - eine für den greisen Mann sehr ungewöhnliche Handlung. Denn Sistani weiß, dass vermutlich nur er einen offenen Bürgerkrieg verhindern kann.


Die irakischen Behörden bestätigten inzwischen, dass sie mehrere mutmaßliche Mitwirkende an dem Anschlag festnehmen konnten. In wessen Auftrag die Täter handelten, ist aber noch immer unklar. Viele Finger zeigten heute auf Abu Musab al-Sarkawi, den Statthalter des Terrornetzwerks al-Qaida im Irak. Der hatte schon vor Monaten einen "gnadenlosen Krieg" gegen die Schiiten ausgerufen.

"Einen Schrein schiitischer Imame zu sprengen, passt zu den Zielvorstellungen vieler sunnitischer Islamisten im Irak", sagte Guido Steinberg heute SPIEGEL ONLINE. Ihr Schiiten-Hass sei stark ausgeprägt, meint der Irak-Experte der Berliner Stiftung Wissenschaft und Politik. "Da al-Sarkawi bereits seit 2003 eine antischiitische Strategie verfolgt, ist es nur folgerichtig anzunehmen, dass seine Organisation für den Anschlag verantwortlich ist." Allerdings gebe es auch andere Gruppen, die einen interkonfessionellen Bürgerkrieg im Irak lostreten wollten.

Sarkawi will blutiges Chaos

Der Jordanier Sarkawi versucht seit mittlerweile über zwei Jahren genau dieses Ziel zu erreichen. Zahlreiche Anschläge gegen schiitische Zivilisten, auch in Moscheen und in der Nähe von heiligen Stätten, haben ihm sogar die scharfe Kritik von Aiman al-Zawahiri, dem Stellvertreter Osama Bin Ladens und der Nummer Zwei al-Qaidas, eingebracht. "Viele deiner islamischen Bewunderer wundern sich über deine Angriffe gegen die Schiiten", schrieb der Ägypter ihm in einem Brief, den die US-Armee im Oktober 2005 nach eigenen Angaben abfing. "Meiner Meinung nach ist das nicht akzeptabel für die islamische Öffentlichkeit."


Doch al-Sarkawi träumt von einem völlig in blutigem Chaos versunkenen Zweistromland - damit er noch unbehelligter von Nachstellungen der US-Armee und der irakischen Behörden Anschläge auch außerhalb des Irak planen kann. Zur Rechtfertigung wirft er den Schiiten Unglauben vor - und erklärte sie mehrfach zu Kollaborateuren in den Diensten der USA, zu Spionen und Verrätern am Widerstand.

Zu dem Anschlag von Samarra bekannte sich Sarkawi aber bislang nicht. Als heute Nachmittag um 16 Uhr deutscher Zeit der gewohnte tägliche Rutsch Bekennerschreiben im Internet veröffentlicht wurde, bezichtigte sich seine Organisation zwar unter anderem der Ermordung eines schiitischen Politikers - aber nicht der Zerstörung des heiligen Grabmals. Auch wenn der Sicherheitsberater der irakischen Regierung, Muwaffak al-Rabaie, von Sarkawis Täterschaft überzeugt ist - ein Beweis steht noch aus.

Zumal das Muster des Anschlags weniger gut zu Sarkawi passt als das Ziel: So waren etwa die Täter keine Selbstmordbomber, wie bei der irakischen al-Qaida zu vermuten. Zugleich ereignete sich die Explosion, als die Moschee weitgehend leer war, lediglich ein Mensch starb. Sarkawis Markenzeichen waren bisher Terroranschläge inmitten von Menschenmengen. Deutsche Sicherheitsbehörden wollen sich deshalb nicht vorschnell auf den Jordanier als Drahtzieher festlegen.

Das Gewicht Irans

Auch wenn nicht al-Qaida hinter der gezielten Provokation der Schiiten stecken sollte: Die Täter dürften in jedem Fall ebenfalls das Ziel eines interkonfessionellen Bürgerkriegs verfolgen. Das Verhältnis zwischen Sunniten und Schiiten im Irak war noch nie herzlich - in den letzten Monaten und Jahren hat es sich aber erheblich verschlechtert. Die Schiiten stellen mit rund 60 Prozent die deutliche Mehrheit im Irak. Sie dominieren das im Januar erst gewählte Parlament und die Regierung. Jahrhundertlang waren sie zuvor von der sunnitischen Minderheit teils brutal an den Rand gedrängt und unterdrückt worden. Mit dieser Umkehrung der Machtverhältnisse haben viele Sunniten heute ein Problem. Seit der Machtübernahme der schiitischen Parteien werfen die Sunniten ihnen vor, nun ihrerseits zu Unterdrückern geworden zu sein.

Doch die Animositäten, angestachelt durch Sarkawis Anschläge und Hetz-Propaganda auf beiden Seiten, mündeten bislang noch nicht in den seit geraumer Zeit befürchteten Bürgerkrieg. Erhebliches Verdienst daran dürfte Ajatollah al-Sistani zukommen. Traditionell spielen die Anweisungen der Geistlichen im Schiitentum eine größere Rolle als im Sunnitentum. Ob der alte Mann auch dieses Mal noch in der Lage sein wird, eine Eskalation zu vermeiden, wird sich wohl erst im Laufe der kommenden Tage herausstellen. Es wird auch davon abhängen, ob er, wie in der Vergangenheit mehrfach geschehen, den jungen Wilden al-Sadr einbinden kann. Dessen Gewicht ist in den vergangenen Wochen erheblich gewachsen, weil er aufgrund der Wahlergebnisse der Parlamentswahl für die Regierungsbildung das Zünglein an der Waage war. Das könnte ihn disziplinieren - und davon abhalten, seine Männer gegen die Sunniten zu mobilisieren.

Allerdings spielt auch Iran eine wichtige Rolle in der schiitischen Community des Irak. Teherans Motive sind angesichts der laufenden Verhandlungen im Atomstreit im Moment wohl am schwierigsten einzuschätzen: Hat das Land eher ein Interesse daran, beruhigend zu wirken und sein Ansehen im Westen zu steigern? Oder ist eines Eskalation in iranischem Interesse, vielleicht als ein kleiner Vorgeschmack auf das, was zu entfesseln das Mullah-Regime in der Lage wäre, falls die USA sich zu einem Luftschlag gegen die Nukleareinrichtungen entschließen sollten?

In diesem Chaos tröstend ist, was sich heute ebenfalls zeigte: Dass immer mehr hartgesottene Islamisten und Dschihad-Anhänger mit Anschlägen wie dem heutigen nichts mehr anfangen können. Auf einem Qaida-nahen Diskussionsforum im Internet wurde umgehend eine Debatte unter der Überschrift "Ist es gerechtfertigt, schiitische Stätten zu sprengen?" gestartet.

Mehr als nur ein Diskutant verurteilten den Anschlag.



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