Anschlag auf Moskauer Flughafen Terrorakt stellt Medwedews Friedenskurs in Frage

Das Blutbad von Domodedowo lässt den russischen Präsidenten Medwedew als Tagträumer dastehen. Er will den Nordkaukasus, aus dem die Terroristen wohl kamen, zur Ski-Destination umbauen, Hunderttausende Touristen anlocken. Stattdessen dürfte in Moskau wieder die Stunde der Hardliner schlagen.

Ein Kommentar von , Moskau


Dmitrij Medwedew hatte seine Woche ganz anders geplant. Am Dienstag wollte der Präsident Russlands zum Weltwirtschaftsforum in Davos fliegen, am Mittwoch dort die Eröffnungsrede halten - und vor den Mächtigen der Welt die Vision eines friedlicheren, wirtschaftlich entwickelten Kaukasus mit Hunderttausenden Touristen entwerfen. Der Präsident wollte persönlich für internationale Investitionen in die Krisenregion werben.

Nun muss er stattdessen eine Antwort auf das Blutbad auf dem Moskauer Flughaften Domodedowo finden, deren Urheber mit einiger Wahrscheinlichkeit aus dem Kaukasus stammen. Seine Reise in die Schweiz hat der Kreml-Herr abgesagt. Und es wird noch schwerer, wenigstens Teile seines Entwicklungsprogramms in die Realität umzusetzen.

Fünf große Skiressorts hat Medwedew im russischen Nordkaukasus vorgesehen, eines am höchsten Berg der Region, dem Elbrus, eines in Dagestan, wo beinahe täglich Menschen bei Scharmützeln zwischen Untergrundkämpfern und Terroristenjägern sterben. Elf Milliarden Euro soll das Vorhaben kosten, entwickelt und vorangetrieben von Alexander Chloponin, einem ehemaligen Spitzenmanager und Gouverneur. Vor einem Jahr hatte Medwedew ihn zu seinem Kaukasus-Beauftragten im Range eines stellvertretenden Regierungschefs gemacht.

Hardliner in Moskau werden dagegen jetzt ein schärferes Durchgreifen fordern: noch mehr Macht und Personal für die ohnehin aufgeblähten Geheimdienste und die korrupte Polizei. Es ist ein Reflex, der keineswegs auf Russland beschränkt ist, ein Land, in dem die Sehnsucht nach dem starken Mann nach dem Zerfall der Sowjetunion, den Einkommensverlusten und der sozialen Unsicherheit in den neunziger Jahren besonders ausgeprägt ist.

Die Putin-Linie: "Kaltmachen, egal wo"

In Russland verweisen die Verfechter einer harten Linie auf eine Reihe von erfolgreichen Anti-Terror-Operationen im Nordkaukasus im vergangenen Jahr, die "Liquidierung" des Chefideologen der Untergrundkämpfer, Said Burjatski, die Gefangennahme des Untergrundführers Achmed Yewlojew-Taziew alias Magas.

Die russischen Rechtsschutzorgane operieren im Kaukasus oft außerhalb der Legalität. Gerne halten sich Polizeioffiziere und Agenten an eine Losung, die Wladimir Putin bereits 1999 nach einer Welle von Terroranschlägen ausgab. "Wir werden sie kaltmachen, egal wo wir sie finden, und sei es auf dem Scheißhaus", kündigte er an.

Einer Hydra gleich aber, bei der für jeden abgeschlagenen Kopf zwei nachwachsen, schließen sich für jeden getöteten militanten Islamisten andere dem bewaffneten Untergrund an. Russland muss deshalb den Kampf um die Herzen und Köpfe der Menschen in Provinzen wie Inguschetien, Tschetschenien, und Kabardino-Balkarien gewinnen.

In der Region mit ihren sieben Millionen, meist muslimischen Einwohnern schwindet die Anziehungskraft des säkularen Staates. Er funktioniert immer schlechter und ist weniger und weniger in der Lage, Wohlstand und Sicherheit seiner Bürger zu gewährleisten. Korruption untergräbt Ansehen und Autorität der Staatsorgane. Polizisten, die an der Durchgangsstraße quer durch den Nordkaukasus stationiert sind, mussten pro Kopf umgerechnet 2000 Dollar der von ihnen eingetriebenen Bestechungsgelder an Vorgesetzte abliefern. Die Bakschisch-Pyramiden reichen bis zu Beamten in Moskauer Ministerien.

Die Islamisten verheißen die Erlösung von allen Alltagsübeln nicht erst im Jenseits, sondern hier auf Erden, darin den kommunistischen Heilslehrern früherer Jahrzehnte nicht unähnlich. Wer ihnen das Wasser abgraben will, muss für ein attraktives Gegenmodell sorgen. Skiressorts sollten dazu nicht das Instrument erster Wahl sein. Die Zahl der Skitouristen von gegenwärtig wenigen tausend auf einige hunderttausend zu erhöhen, erscheint wie ein unrealistischer Tagtraum.

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 23 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
eigentlicher_Schwan 25.01.2011
1. °
Zitat von sysopDas Blutbad von Domodedewo lässt den russischen Präsidenten Medwedew als Tagträumer dastehen. Er will den Nordkaukaus, aus dem die Terroristen wohl kamen, zur Ski-Destination umbauen, Hunderttausende Touristen anlocken. Stattdessen dürfte in Moskau wieder die Stunde der Hardliner schlagen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,741400,00.html
Ich könnte mir vorstellen, dass es vernünftig wäre, die Hand nach Georgien auszustrecken?
famulus 25.01.2011
2. Das "demokratische" Feigenblatt
Zitat von sysopDas Blutbad von Domodedewo lässt den russischen Präsidenten Medwedew als Tagträumer dastehen. Er will den Nordkaukaus, aus dem die Terroristen wohl kamen, zur Ski-Destination umbauen, Hunderttausende Touristen anlocken. Stattdessen dürfte in Moskau wieder die Stunde der Hardliner schlagen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,741400,00.html
[QUOTE=sysop;7027946]Das Blutbad von Domodedewo lässt den russischen Präsidenten Medwedew als Tagträumer dastehen. Er will den Nordkaukaus, aus dem die Terroristen wohl kamen, zur Ski-Destination umbauen, Hunderttausende Touristen anlocken. Stattdessen dürfte in Moskau wieder die Stunde der Hardliner schlagen. [QUOTE] Die Hardliner in Moskau warten doch längst auf ihre Stunde. Medwedjew hat ja seine Aufgabe als "demokratisches" Feigenblatt nicht erfüllt, nie erfüllen können. Er war nur der Frühstücksdirektor. Domodedowo ist der am meisten von Ausländern frequentierte und dazu noch ein privater Flughafen in Moskau. Die direkte Konkurrenz zum Staatsflughafen Scheremetjewo. Um Domodedowo auszuschalten helfen schon mal Terroristen aus dem Nordkaukasus. Und um einen neuen starken Mann zu etablieren - die nächsten Präsidentschaftswahlen sind nah - helfen solche Anschläge auch.
linkslibero 25.01.2011
3. Sargnagel
Zitat von sysopDas Blutbad von Domodedewo lässt den russischen Präsidenten Medwedew als Tagträumer dastehen. Er will den Nordkaukaus, aus dem die Terroristen wohl kamen, zur Ski-Destination umbauen, Hunderttausende Touristen anlocken. Stattdessen dürfte in Moskau wieder die Stunde der Hardliner schlagen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,741400,00.html
Ach so: Wieder. Und was waren und sind dann Putins Todesschwadrone, die seit Jahren im Nordkaukasus Unschuldige entführen, foltern und ermorden? Sozialarbeiter-Politik? Rußland hat noch nie etwas anderes praktiziert im Nordkaukasus als Hardlinerpolitik. Und ist damit komplett gescheitert. Der Nordkaukasus ist der Sargnagel des ins Chaos steuernden russischen Staates. Das ist alles.
Fabian G, 25.01.2011
4. wo bleiben sie denn?
wo bleiben denn die forenmitglieder die hier mal wieder die CIA im verdacht haben? oder gibts da neue verschwöhrungstheorien?
marvinw 25.01.2011
5. Zynismus
---Zitat--- Das Blutbad von Domodedowo lässt den russischen Präsidenten Medwedew als Tagträumer dastehen. ---Zitatende--- Mir fehlt nur noch dass die deutsche Presse schreibt dass sie die Eplosion gut findet die falsche Politik Medwedews enttarnt.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.