Anschlag auf "Goldene Morgenröte" Griechenland fürchtet Rache der Neonazis

Zwölf Schüsse fielen, zwei Männer starben: Nach dem tödlichen Anschlag auf Mitglieder der "Goldenen Morgenröte" drohen Griechenland neue Unruhen. Sympathisanten der Neonazi-Partei kündigen Racheakte an, manche sprechen schon von Bürgerkrieg.

REUTERS

Von , Thessaloniki


In Griechenland mehren sich die Sorgen, dass das Land wieder in eine Phase politischer und sozialer Instabilität abrutschen könnte. Hintergrund ist der Mord an zwei Mitgliedern der rechtsextremen Partei "Goldene Morgenröte". Die 22 und 29 Jahre alten Männer waren am Freitag vor dem Parteibüro in Athen erschossen worden.

Quellen im Polizeiapparat sprechen von einem möglichen Terrorakt. Die Professionalität des Anschlags, der Einsatz eines Motorrads und die vorherigen Befürchtungen der Polizei, dass ein Terroranschlag bevorstehen könnte, deuteten in diese Richtung. Eine Verwicklung der Mafia oder persönliche Rachemotive gelten derzeit als weniger wahrscheinlich. Die Ermittlungen werden vom Anti-Terror-Dienst der griechischen Polizei geleitet.

Die Zeitung "To Vima" zitiert nicht namentlich genannte Ermittler mit der Aussage, die Behörden hätten seit einiger Zeit Terroranschläge befürchtet, allerdings ursprünglich finanzielle oder politische Ziele vermutet. "Aber der Mord an (dem antifaschistischen Musiker - d. Red.) Pavlos Fyssas hat das verändert."

Der Rapper Fyssas war Mitte September vor einem Café in Athen erstochen worden - mutmaßlich von einem Neonazi mit Verbindungen zur "Goldenen Morgenröte". Der Fall führte zu großen Protesten, die Polizei geht seither entschiedener gegen die rechtsextreme Partei vor. In Griechenland wird nun vermutet, dass der Doppelmord eine Racheaktion für den Tod von Fyssas sein könnte.

Die Polizei vermutet hinter dem Anschlag linksradikale Gruppierungen wie die "Sekte der Revolutionäre" oder eine andere Splittergruppe der 2010 zerschlagenen Untergrundorganisation "Revolutionärer Kampf".

Zwar wird auch die Gründung einer neuen Organisation nicht ausgeschlossen. Allerdings deute einiges auf die bekannten Gruppen hin, heißt es. Eine Tatwaffe vom Kaliber 9 Millimeter sei auch schon bei den Morden an einem Journalisten und einem Polizeibeamten benutzt worden, die der "Sekte der Revolutionäre" zugerechnet werden.

Die Tatwaffe am Freitag sei eine Maschinenpistole des Typs Zastava gewesen, teilte die Polizei mit. Am Tatort seien zwölf Patronen gefunden worden.

Auch frühere Anschläge aus dem linksextremen Untergrund waren eine Reaktion auf vorherige Ereignisse. Der "Revolutionäre Kampf" verübte etwa nach dem Tod des Schülers Alexandros Grigoropoulos, der 2008 in Athen schwere Unruhen zur Folge hatte, einen Anschlag auf das Kultusministerium.

Rechtsextreme wollen Anschlag nutzen

Die griechische Gesellschaft, zermürbt von jahrelanger Wirtschaftskrise, steht nun vor einer neuen Zerreißprobe. Viele befürchten ein Wiedererstarken der "Goldenen Morgenröte", deren Chef und weitere Abgeordnete Anfang Oktober festgenommen und deren Staatsgelder gestrichen worden waren. Die Morde seien "ein Schlag gegen die Demokratie, die Gesellschaft und unser Land", sagte Dimitris Papadimoulis, Abgeordneter der Oppositionspartei Syriza. "Sie sind kein Schlag gegen den Faschismus. Sie nähren ihn."

"Goldene Morgenröte" hatte zuletzt deutlich an Popularität verloren. Jetzt versucht die Partei, den Anschlag für ihre Zwecke zu nutzen. Das System habe den Weg für den Mord geebnet, indem es eine Atmosphäre der Feindseligkeit gegen die Partei geschaffen habe. Verantwortlich seien die Regierung Samaras und korrupte Medien.

In sozialen Netzwerken und Internetforen kündigen Sympathisanten der "Goldenen Morgenröte" Rache an. Bei den Ermordeten handelt es sich unbestätigten Berichten zufolge um einen 22-jährigen Studenten und einen 27-jährigen Türsteher. Ein 29-jähriger Familienvater wurde schwer verletzt und liegt im Krankenhaus.

Die Täter hätten den Plan, "einen Bürgerkrieg in Griechenland vorzubereiten", sagte der populistische Vorsitzende der nationalistischen Partei "Unabhängige Griechen", Panos Kameno. Die Regierungskoalition ist alarmiert und kündigte ein entschiedenes Vorgehen an. Jede Anstiftung zu Unruhen und Gewalt soll unterbunden werden.

Die Kommentatoren der griechischen Medien sprechen von einem gezielten Versuch, das Land zu destabilisieren. "Zwölf Kugeln gegen die Demokratie" titelt die Tageszeitung "Ta Nea". Und bei "To Ethnos" heißt es: "Eine Exekution, die auf die Stabilität zielt." Die Behörden müssten die Tat so schnell wie möglich aufklären, schreibt die konservative Athener Zeitung "Kathimerini", um einen "Kontrollverlust" zu verhindern.

Mit Material der dpa

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 19 Beiträge
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Seite 1
vindex_sine_nomine 02.11.2013
1. Hellenen-Nazis
Für einen Bürgerkrieg braucht es mehr als eine Partei von Hellenen-Nazis, zudem ist ein Anschlag auf Hellenen-Nazis kein Anschlag auf die Demokratie, es ist lediglich ein Verbrechen namens Mord, allerdings wird aus dem Verbrechen, sollte die Morgenröte mal ihre Kriegspläne bezüglich Albanien in Angriff nehmen können, also Vernichtungskrieg, schnell etwas anderes. Vielleicht gibt es ja ein paar christlich orientierte, politisch inkorrekte und andersartige Totalversager, die als internationale NAZI-Brigade ihren Glaubensbrüdern zur Hilfe eilen wollen, wenn Rechte zeigen können, wie unmenschlich sie sind, Nazis sind heute ja sehr international und über Landesgrenzen hin organisiert. Zudem ist Bürgerkrieg ja eine alte griechische Tradition, nach der Eroberung Griechenlands im zweiten Weltkrieg spielten die Griechen munter weiter Bürgerkrieg konservative, rechte und christliche Gruppen durften gar mit kostenloser Hilfe der Nazis rechnen.
testthewest 02.11.2013
2.
Zitat von sysopTaNeaZwölf Schüsse fielen, zwei Männer starben: Nach dem tödlichen Anschlag auf Mitglieder der "Goldenen Morgenröte" drohen Griechenland neue Unruhen. Sympathisanten der Neonazi-Partei kündigen Racheakte an, manche sprechen schon von Bürgerkrieg. Anschlag auf Neonazis in Athen: Griecheland fürchtet neue Unruhen - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/anschlag-auf-neonazis-in-athen-griecheland-fuerchtet-neue-unruhen-a-931388.html)
Tja, das war zu erwarten. Wenn man Neonazis mit deren Methoden bekämpfen will macht man etwas falsch. Man verliert die moralische Überlegenheit und wird zu einem Abbild ihrer. Wer auch immer diese Morde begannen hat: der griechischen Demokratie hat er damit keinen Gefallen getan!
joG 02.11.2013
3. Dass der Euro solche Problem mit sich bringen würde....
.... war bekannt, als der Maastricht Vertrag gezeichnet wurde. Man hat ihn trotzdem gemacht und die Krise in Kauf genommen. Als die Krise dann kam, hätte man seinen Verlauf gestalten können, so dass die politischen Verwerfungen weniger sich zuspitzen würden. Deutschland hat das verhindert und eine Politik gestaltet, die äußerst riskant ist und ohne weiteres zu Diktaturen führen kann.
otelago 02.11.2013
4. wer
kann mal bitte Licht ins Dunkel bringen. In welchem Kontext stehen die "Neonazis" in Griechenland? Bezeichnen sie sich selber als Nazis? Wer sagt, daß es Nazis seien? In welcher politischen Tradition stehen sie? Wie sind Beziehung zu Kirchen? Woher haben sie Geld? Was wollen sie erreichen, haben sie prominente Fürsprecher? Welche Themen sind rund um die Neonazis in Griechenland in griechischsprachigen Medien in den letzten Jahren besodners wichtig?
Ariwer 02.11.2013
5. Wenn die Waage
der Demokratie einen Arm verliert - Rechts und Links kein Gleichgewicht gewährleisten kann, ist Demokratie nur noch Worthülse. Es entsteht zwangsläufig eine Diktatur. Wenn breiten Volksschichten Meinungs- bzw. Anschauungsverbote auferlegt werden, kommt es zu Unruhen. Hat denn keiner aus der Geschichte gelernt? Wer statt konstruktiv zu diskutieren, Verbote und Sanktionen bemüht, muss mit Widerstand rechnen. Das gilt für Deutschland, Russland, China, Amerika und natürlich auch für Griechenland
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