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Anschlag auf norwegischer Insel: Täter hatte 90 Minuten Zeit für das Massaker

Eineinhalb Stunden lang konnte ein Attentäter auf Jugendliche in einem Ferienlager auf Utøya feuern, über 80 von ihnen starben. Eine Spezialeinheit der Polizei erreichte erst 40 Minuten nach dem Alarm die Insel. Jetzt suchen die Fahnder nach einem möglichen zweiten Täter.

REUTERS

Die Jugendlichen waren zu einem Treffen ins Haupthaus der Insel Utøya gekommen; sie sollten erfahren, was 40 Kilometer entfernt in Oslo geschehen war. So erzählt es eine 16-Jährige der norwegischen Zeitung "Aftenposten". Sie seien zusammengerufen worden, um über die Explosion informiert zu werden, sagt ein anderes Mädchen dem Fernsehsender NRK1. Über die Bombe, die sieben Menschen tötete, mindestens 15 verletzte, die das Zentrum der norwegischen Hauptstadt verwüstete.

Doch diese Explosion war vom Attentäter offenbar nur als Auftakt für den zweiten, schlimmeren Teil des Anschlags geplant. Plötzlich hörten die Jugendlichen Schüsse, einige hielten das erst für einen Scherz, erzählt ein Mädchen. Doch dann sei Panik ausgebrochen.

Rund 600 Jugendliche waren nach Utøya gekommen, 14 bis 17 Jahre alt. Die Insel gehört seit den fünfziger Jahren der Jugendorganisation der sozialdemokratischen Arbeiterpartei AUF, jedes Jahr findet ein Sommercamp statt. Sie ist nicht besonders groß, gerade einmal 500 Meter lang, von Kiefern bewachsen. "Das Paradies meiner Jugend", nennt Ministerpräsident Jens Stoltenberg die Insel.

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Doppelanschlag in Norwegen: Schießerei in Jugendcamp, Bombe in Oslo
Eigentlich sollte der Regierungschef an diesem Samstag vor den Jugendlichen sprechen. Stattdessen steht er jetzt vor Journalisten und sagt, das Paradies Utøya sei in eine Hölle verwandelt worden.

Nach der Explosion von Oslo war ein Mann in Uniform auf die Insel gekommen. Er habe ausgesehen wie ein Polizist, sagen Zeugen. Ein Wachmann erzählt, der Mann habe sich an Land sogar als Polizist ausgegeben, habe eine schusssichere Weste und zwei Waffen getragen. Er sei in einem silbergrauen Lieferwagen vorgefahren. "Er steigt aus dem Auto aus und zeigt seinen Ausweis", zitiert die Tageszeitung "Verdens Gang" den Zeugen. Dann setzte der uniformierte Mann demnach in einem Boot über.

Auf der Insel feuerte er in die Menge der Jugendlichen. Zunächst ging die Polizei von dem Mann als Einzeltäter aus. Mittlerweile aber sucht sie auch nach einem zweiten Täter. Kriposprecher Einar Aas sagte der Online-Ausgabe der Zeitung "Verdens Gang": "Wir haben mehrere übereinstimmende Zeugenaussagen, wonach es einen zweiten Täter geben soll. Wir arbeiten mit Hochdruck daran, das aufzuklären."

Nach den Medienangaben erklärten die Zeugen, dass der mögliche zweite Täter nicht wie der am Freitag nach dem Massaker Festgenommene eine Polizeiuniform getragen habe. Weitere Einzelheiten wurden nicht genannt.

Von einer "nationalen Tragödie" spricht der Regierungschef

Die Jugendlichen flüchteten, suchten Schutz, gingen hinter Mauern in Deckung, einige sprangen in den Tyrifjord und versuchten, das 600 Meter entfernte Festlandufer zu erreichen. "Ich habe überlebt, weil Menschen kamen und mich in ihr Boot gezogen haben", sagte eine Jugendliche im Fernsehen.

"Ich sah, wie sie ins Wasser sprangen, rund 50 Leute schwammen in Richtung Land", sagt eine Frau, die wenige hundert Meter von der Insel entfernt lebt. "Die Leute weinten, zitterten, waren völlig verängstigt. Und sie waren so jung."

Mindestens 40 Minuten brauchte eine Spezialeinheit der Polizei nach dem Alarm, bis sie von Oslo aus die Insel erreicht. Doch der Angreifer hatte offenbar noch weit mehr Zeit, auf flüchtende Jugendliche zu feuern, auch auf jene, die fortschwammen - laut der Polizei dauerte das Blutbad eineinhalb Stunden. Eine Frau erzählt später im NRK-Rundfunk, was für sie das Schlimmste war: Als sie zehn Jugendliche an Bord gehievt hatte, war das Boot voll. "Es war so schrecklich, als ich die elften und zwölften abweisen musste." Mindestens 84 Jugendliche starben.

Noch am Freitag nahm die Polizei einen 32-jährigen Norweger fest. Am Samstagabend gab Oslos Vize-Polizeichef Sveinung Sponheim erste Details aus der Vernehmung von Anders B. bekannt: Demnach hat der 32-Jährige ein Teilgeständnis abgelegt. "Er hat gestanden, dass er auf Utøya war und Schüsse abgefeuert hat", sagte Sponheim. Er gilt als Täter beider Anschläge. Allerdings sei nicht auszuschließen, dass noch andere beteiligt waren.

Der Mann habe angegeben, zwei Schusswaffen dabeigehabt zu haben, eine Hand- und eine automatische Waffe. Diese habe man auf der Insel sichergestellt. Über sein Motiv wollte Anders B. aber nichts sagen. Die Verhöre mit dem Festgenommenen werden von der Polizei als "schwierig" eingestuft. Der Mann sei aber auskunftsbereit. Er habe sich der Polizei auf Utøya freiwillig gestellt, sagte Sponheim.

Die norwegische Nachrichtenagentur NTB berichtet, die Polizei habe nach der Festnahme auf Utøya auch Sprengstoff gefunden, der nicht explodiert war. Ob es sich dabei um einen scharfen Sprengsatz handelt, ist unklar.

Am Samstagmorgen trat Ministerpräsident Stoltenberg vor die Presse und sprach von einer "nationalen Tragödie". "Seit dem Zweiten Weltkrieg haben wir in unserem Land keine schlimmere Katastrophe erlebt." Mindestens 92 Tote, viele Verletzte, eine verwüstete Innenstadt, traumatisierte Überlende. Dies sei jedoch noch nicht die endgültige Bilanz, sagte ein Polizeisprecher. Im Wasser um die Insel werde nach weiteren Opfern gesucht. Auch im Osloer Regierungsviertel suchen die Sicherheitskräfte noch immer nach möglichen Opfern. In den zerstörten Räumen würden wahrscheinlich noch Überreste weiterer Menschen gefunden werden. Eine Zahl nannte der Sprecher nicht.

Mutmaßlicher Täter mit christlich-fundamentalistischem Hintergrund

Die Angaben des festgenommenen Mannes über sich selbst deuten nach Auskunft der Polizei auf einen "christlich-fundamentalistischen" Standpunkt hin. Man stehe aber vor "äußerst umfassenden und langfristigen Ermittlungen". Der Anwalt des mutmaßlichen Täters Anders Behring B. sagte dem Fernsehsender NRK am Samstagabend, sein Mandat bekenne sich zu seiner Verantwortung und habe sein Handeln selbst als "grausam" beschrieben. Er habe aber "diese Taten zu Ende bringen müssen". Am Montag wolle B. sich vor dem Untersuchungsrichter erklären.

Am Samstag gab es einem NRK-Bericht zufolge eine zweite Festnahme. Es handelt sich um einen jungen Mann, der Reportern zugerufen haben soll, er sei Mitglied der sozialdemokratischen Jugendorganisation. Er sagte, er habe ein Messer bei sich. Er wurde vor einem Hotel in der Nähe der Insel festgenommen, in dem Angehörige der Opfer betreut werden. Ob der Mann etwas mit den Anschlägen zu tun hat, ist unklar.

In Oslo ist Militär in der Innenstadt. Laut Ministerpräsident Stoltenberg sollen die Einheiten vor allem die Ermittlungsarbeit der Polizei im Regierungsviertel absichern. Die Fahndungsleitung nahm ihre Aufforderung an alle Bürger zurück, sich aus dem Stadtzentrum fernzuhalten.

"Natürlich wirkt das sehr massiv mit dem Militär. Aber es ist eine normale Hilfeleistung für uns", sagte Polizeichef Øystein Mæland im Fernsehsender NRK1. Über die Gefahr weiterer Anschläge sagte er: "Oslo ist heute wieder eine sichere Stadt."

Viele Frage sind noch immer ungeklärt: Welche Waffen setzte der Attentäter ein? Was sind seine Motive? Wurde das Feriencamp auf der Insel zum Ziel, weil es "multikulturell orientiert" war, wie Teilnehmer es beschreiben? Als Gegner eines multikulturellen Norwegens hatte sich der mutmaßliche Attentäter zuvor im Internet präsentiert.

otr/dpa/Reuters/dapd/AP

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 275 Beiträge
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1. oooo
inci 23.07.2011
Zitat von sysopErst* eine halbe Stunde nach dem Alarm erreichte eine Spezialeinheit der Polizei die Insel Utøya: So lange konnte der Attentäter auf Jugendliche in einem Ferienlager feuern. Mindestens 84 von ihnen starben. Ministerpräsident Stoltenberg spricht von der schlimmsten Katastrophe seit dem Zweiten Weltkrieg. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,776079,00.html
was heißt hier "erst"? wenn man sich einmal die lage des inselchen verdeutlicht (war im fernsehen mehrfach zu sehen) sind 30 minuten schon recht zügig. hier hinten 'rum der polizei eine mitschuld an dem massaker unterschieben zu wollen, finde ich ehrlich gesagt schon dreist.
2. Ein...
Shlumpf! 23.07.2011
...christlicher Terrorist? Das wird einigen hier aber nicht ins Bild passen. Zu was Fanatiker jeglicher Religion, politischer Gesinnung,... fähig sind, ist jedes Mal aufs Neue abstoßend.
3. Unfassbar
Equitem, 23.07.2011
Das ein einzelner Täter das alles verübt haben soll, das lässt mich zweifeln, aber vor allem macht es fassungslos. 84 Jugendliche hinzurichten mit Handfeuerwaffen...
4. Diese Katastrophe
fauleoma 23.07.2011
Zitat von sysopErst* eine halbe Stunde nach dem Alarm erreichte eine Spezialeinheit der Polizei die Insel Utøya: So lange konnte der Attentäter auf Jugendliche in einem Ferienlager feuern. Mindestens 84 von ihnen starben. Ministerpräsident Stoltenberg spricht von der schlimmsten Katastrophe seit dem Zweiten Weltkrieg. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,776079,00.html
kann man nicht kommentieren. Es treibt einem die Tränen in die Augen. Und mit christlich hat das gar nichts zu tun. Fundamentalisten jeglicher Coleur sind zu verabscheuen.
5. Tiefe Trauer
1Piantao, 23.07.2011
Zitat von sysopErst* eine halbe Stunde nach dem Alarm erreichte eine Spezialeinheit der Polizei die Insel Utøya: So lange konnte der Attentäter auf Jugendliche in einem Ferienlager feuern. Mindestens 84 von ihnen starben. Ministerpräsident Stoltenberg spricht von der schlimmsten Katastrophe seit dem Zweiten Weltkrieg. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,776079,00.html
Mein Beileid dem sympathischen norwegischen Volk. Da wird ein "er wurde zum wilden Tier" ad absurdum gestellt. Tiere sind nobel, die tun soetwas nicht. Nur ein Mensch kann zur Bestie werden. Leider immer und immer wieder unter Beweis gestellt.
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