Anschlag auf Revolutionsgarden Iran gibt Westen und Pakistan Schuld am Blutbad

Wer steckt hinter dem blutigen Bombenattentat auf die Revolutionsgarden in Südwest-Iran? Teheran attackiert die USA, Großbritannien und Pakistan. Sicherheitsexperten halten eine Beteiligung westlicher Geheimdienste an Widerstandsaktionen durchaus für denkbar.

Von Ulrike Putz, Beirut

Dschundallah-Kämpfer mit Geiseln: Revolutionswächter häufig Ziel von Anschlägen
AFP

Dschundallah-Kämpfer mit Geiseln: Revolutionswächter häufig Ziel von Anschlägen


Die Anschuldigungen gegen den Westen ließen nicht lange auf sich warten: Kaum wurde am Sonntag das ganze Ausmaß des Selbstmordattentats gegen Führer der iranischen Revolutionswächter in Iran offenbar, meldete sich deren oberster Kommandeur zu Wort. Der von der Rebellenorganisation Dschundallah (Armee Gottes) ausgeführte Anschlag im unruhigen Südwesten des Landes sei auf Anweisung und mit Unterstützung der USA und Großbritanniens verübt worden, so General Mohammed Ali Dschaafari. "Hinter den Kulissen sind die amerikanischen und britischen Geheimdienste, und es wird Vergeltungsmaßnahmen geben müssen, um sie zu strafen", so der Chef der Garde, der "eine vernichtende Reaktion" ankündigte.

Von Pakistan, das später ins Zentrum der Verdächtigungen rückte, war anfangs nur am Rande die Rede: "Unglücklicherweise" hätten die iranischen Behörden auch Verbindungen zwischen den Dschundallah und Pakistan aufgetan, so Dschafari. Es war Irans Präsident Mahmud Ahmadinedschad höchstpersönlich, der den Chef der mächtigen Garden Stunden später korrigierte, und Pakistan gar die Hauptverantwortung an den Machenschaften der Dschundallah zuordnete. Beobachter werteten das als versöhnliche Geste gegenüber dem Westen. Möglich, dass Iran die in Sachen Nuklearprogramm begonnenen Gespräche mit Washington nicht durch Anschuldigungen gefährden wolle, so Scott Lucas, Experte für iranisch-amerikanische Beziehungen an der Universität Birmingham in seinem Blog "Enduring America". Tatsächlich spricht aus iranischer Sicht einiges dafür, Pakistan ins Blickfeld zu rücken: Pakistan wird seit langem verdächtigt, Extremisten-Gruppen wie der Dschundallah als Rückzugsgebiet zu dienen. Iran wirft Pakistan vor, die Aktivitäten der Milizen aus seinem Territorium zu dulden.

Der iranische Vorwurf, hinter der Dschundallah stünden die USA und Großbritannien, wirkt auf den ersten Blick reflexhaft. Doch Experten halten es durchaus für möglich, dass westliche Mächte sich inneriranischer Oppositionsgruppen bedienen, um das Regime ins Straucheln zu bringen. In einer großangelegten Analyse amerikanischer Geheimoperationen in Iran nannte der Pulitzer-Preisträger Seymour Hersh im Juli 2008 explizit die Dschundallah als eine der Gruppen, die von den USA gefördert würden. Hersh, der in seiner langen Karriere als investigativer Journalist zahlreiche Skandale aufklärte - zuletzt enthüllte er die Folterexzesse amerikanischer Soldaten im irakischen Gefängnis Abu Ghureib - stützte seine Recherchen für das im "New Yorker" erschienene Stück auf Aussagen von hochrangigen Mitgliedern der amerikanischen Sicherheitsdienste.

US-Kongress genehmigte 75 Millionen Dollar zur Förderung der Demokratie

Robert Baer, ein ehemaliger Mitarbeiter des US-Geheimdiensts CIA, habe ihm gegenüber zugegeben, dass Washington Rebellen in Balutschistan unterstütze, darunter auch die Dschundallah, so Hersh. "Es ist ironisch, dass wir wieder mit sunnitischen Fundamentalisten arbeiten, genauso wie wir es in Afghanistan in den achtziger Jahren gemacht haben", zitiert Hersh den Ex-CIA-Mann. Die USA hatten in den achtziger Jahren die afghanischen Taliban verdeckt mit Hunderten Millionen Dollar in ihrem Kampf gegen die einmarschierende sowjetische Armee unterstützt. Nach dem Abzug der sowjetischen Truppen wandten sich die afghanischen Extremisten dann jedoch gegen ihre vormaligen Verbündeten in Washington.

Die Dschundallah scheint dabei nicht die einzige extremistische Gruppe in Iran zu sein, die einen guten Draht nach Washington hat. Auch die jahrelang von den USA als Terrorgruppe eingestuften Volksmudschahidin und diverse Kurdenorganisationen würden inzwischen von Washington gefördert, zitiert Hersh einen Mitarbeiter des Pentagon. Tatsächlich hatte der US-amerikanische Kongress im Jahr 2006 ein Budget von 75 Millionen Dollar genehmigt, das der "Förderung demokratischer Tendenzen" in Iran zu Gute kommen sollte. Laut Hersh soll es im Jahr 2007 einen Antrag gegeben haben, diesen Betrag um 200 Millionen Dollar zu erhöhen. Dass Gelder aus diesen Töpfen direkt Extremisten-Gruppen zugeflossen sind, erscheint unwahrscheinlich. Doch sind Milizen in Nahost meist ein kleiner Flügel einer ansonsten wohltätigen Organisation, an die durchaus US-Gelder gegangen sein könnten.

Bei den Milizionären der Dschundallah soll es sich um eine kleine Gruppe kampfbereiter balutischer Sunniten handeln: Nur etwa hundert Bewaffnete sollen den harten Kern der Gruppe bilden. Die 2002 gegründete Dschundallah, die 2005 den bewaffneten Kampf aufnahm, gibt an, für die Minderheitenrechte der Sunniten im mehrheitlich schiitischen Iran zu kämpfen. Der Selbstmordattentäter vom Sonntag, dessen Namen die Website der Gruppe mit Abdulawahed Mohammedi Sarawani angibt, habe ein Zeichen gegen die andauernde Diskriminierung der Sunniten seitens des Teheraner Regimes setzen wollen.

Revolutionswächter immer wieder Ziel der Anschläge

Abd al-Malik Rigi, der Chef der Gruppe, nannte das Vorgehen der staatlichen Sicherheitsorgane gegen seine Volksgruppe in einem Interview 2007 Völkermord. Die iranische Revolutionsgarden waren immer wieder Ziel der Anschläge der Gruppe: Nach mehreren blutigen Sprengstoffattacken verübte ein Bruder des Dschundallah-Führers Rigi im Dezember 2008 den ersten Selbstmordanschlag auf iranischem Territorium. Er sprengte sich vor einem Hauptquartier der Sicherheitskräfte in die Luft. Im Mai dieses Jahres riss ein Selbstmordattentäter 25 Menschen mit in den Tod, als er seinen Sprengsatz in einer Moschee in der Provinzhauptstadt Sahedan zündete.

Inzwischen wurden mehr Details zu dem Anschlag bekannt, bei dem am Sonntag nach dem letzten Stand bis zu 43 Menschen getötet wurden. Danach hatten sich hochrangige Offiziere der Revolutionswächter zu versöhnlichen Gesprächen mit Vertretern der lokalen Minderheiten in Sistan-Balutschistan treffen wollen, so Mohammed Taghi Rachschani, Chefredakteur der "Zahedan News" gegenüber SPIEGEL ONLINE. Die Versammlung, zu der Hunderte Stammesfürsten und Gardisten erwartet wurden, sollte in der Kleinstadt Pischin in der unsicheren Grenzregion zu Pakistan stattfinden. Die Explosion ereignete sich demnach in dem Moment, in dem die anreisenden Offiziere in einem Zelt vor dem zum Kongresszentrum umfunktionierten Sportpalast der Stadt begrüßt werden sollten. "Glücklicherweise waren viele der Abreisenden noch nicht angekommen, sonst hätte es viel mehr Tote gegeben", so Rachschani. Seit dem Attentat glichen sowohl Pischin als auch die 550 Kilometer entfernt gelegen Provinzhauptstadt Sahedan Herrlagern. Polizei und Revolutionsgarde sei massiv auf den Straßen präsent.



Forum - Wie sieht die Zukunft Irans aus?
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Seite 1
paparatzi, 27.08.2009
1.
Zitat von sysopNach den Wahlen und den innenpolitischen Unruhen sind die Gegensätze zwischen Regierung und Opposition in Iran keineswegs ausgeglichen. Wie sieht die Zukunft des Landes aus?
Ohne Kristallkugel reine Spekulation. Das Durchwurschteln des Systems kann noch Jahre andauern - hier und da Zugeständnisse, dann wieder Härte zeigend - die Protestbewegung ist da und wird bei jeder passenden Gelegenheit auf sich aufmerksam machen. Ein Barometer wird wohl der Ausgang des Schauprozeß sein.
mbockstette 27.08.2009
2. Chamenei weist Vorwürfe gegen das Ausland zurück
Zitat von sysopNach den Wahlen und den innenpolitischen Unruhen sind die Gegensätze zwischen Regierung und Opposition in Iran keineswegs ausgeglichen. Wie sieht die Zukunft des Landes aus?
"Bislang hieß es in Iran, fremde Mächte steckten hinter den Protesten gegen Präsident Ahmadinedschad. Von dieser Position weicht Ajatollah Ali Chamenei nun ab. Der geistliche Führer des Landes sieht keine Anzeichen für Aktivitäten des Auslands - und droht den Bassidsch-Milizen mit Strafverfolgung". http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,645206,00.html
BillBrook 27.08.2009
3.
Zitat von paparatziOhne Kristallkugel reine Spekulation. Das Durchwurschteln des Systems kann noch Jahre andauern - hier und da Zugeständnisse, dann wieder Härte zeigend - die Protestbewegung ist da und wird bei jeder passenden Gelegenheit auf sich aufmerksam machen. Ein Barometer wird wohl der Ausgang des Schauprozeß sein.
Aber wie sollen da jemals wieder irgendwelche Wahlen stattfinden?
Leto_II., 27.08.2009
4.
Zitat von sysopNach den Wahlen und den innenpolitischen Unruhen sind die Gegensätze zwischen Regierung und Opposition in Iran keineswegs ausgeglichen. Wie sieht die Zukunft des Landes aus?
Die Gegensätze scheinen ja auch zwischen Regierung und Staatsführung zu bestehen. Ahmadinedschad hat von seinem Chef eine Ohrfeige kassiert, innen- und aussenpolitisch: http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,645206,00.html Wollen die beiden sich schon gegenseitig demontieren?
Leto_II., 27.08.2009
5.
Vielleicht wird ihm Ahmadinedschad zu mächtig oder er will den Klerus beruhigen. Rafsanjani hat erst kürzlich Chamenei den Rücken gestärkt und diese demontiert nun Ahmadinedschad.
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