Anschlag auf Satireheft Mohammed-Witze erzürnen Radikale

"100 Peitschenhiebe, wenn ihr euch nicht totlacht", ließ das Pariser Satireheft "Charlie Hebdo" den Propheten Mohammed sagen. Kurz darauf flogen Brandsätze ins Büro, der Hintergrund ist noch unklar. Radikale Islamisten hetzen nun - aber andere rufen zur Ruhe.

Vor der "Charlie Hebdo"-Redaktion in Paris: "Wir haben keine Zeitung mehr"
AFP

Vor der "Charlie Hebdo"-Redaktion in Paris: "Wir haben keine Zeitung mehr"

Von Yassin Musharbash


Berlin/Paris - Ein Feuer in der Redaktion, durch Hitze und Löschwasser zerstörte Computer, unbrauchbar gewordene Unterlagen: Das ist die vorläufige Bilanz des Brandanschlags, den Unbekannte in der Nacht zum Mittwoch mit Hilfe von Molotow-Cocktails auf das Pariser Satiremagazin "Charlie Hebdo" verübten. "Wir haben keine Zeitung mehr", fasste der Herausgeber mit dem Künstlernamen "Charb" das Geschehen zusammen - versprach aber zugleich, dass "Charlie Hebdo" weiter publizieren werde.

Der Hintergrund des Brandanschlags ist noch nicht geklärt, aber es wird vermutet, dass es einen Zusammenhang zur gerade erschienenen Ausgabe des Magazins gibt - in der befassten sich die Satiriker mit dem Wahlsieg der islamistischen Nahda-Partei im postrevolutionären Tunesien. Aus diesem Anlass ließ man den Propheten Mohammed als Gast-Herausgeber agieren.

Der Schabernack, den Charb und Co. mit dem Gottesgesandten trieben, umfasste beispielsweise eine Titelseite, in der eine Karikatur des Propheten sagt: "100 Peitschenhiebe, wenn ihr euch nicht totlacht." Im Heftinneren werden unter anderem Burka-Späße getrieben. Dem Propheten wird überdies ein Editorial zugeschrieben; ein Bild zeigt ihn außerdem mit Clownsnase.

Beschimpfungen per Twitter und Facebook

Das Cover war bereits vor Veröffentlichung des Hefts online gestellt worden. Beim Magazin gingen daraufhin Beschimpfungen und Drohungen via Facebook und Twitter ein, wurde berichtet.

Bei dem Anschlag gab es keine Verletzten, und noch ist nicht gewiss, was die Motive der Angreifer waren. Doch die Tatsache, dass eine Redaktion mit Gewalt attackiert wird, weckt Erinnerungen an die Anschlagsversuche auf jene Karikaturisten, die 2005 für die dänische "Jyllands-Posten" aktiv geworden waren; einige leben seitdem unter permanentem Polizeischutz.

Die Nachricht von dem Brandanschlag in Paris wurde in extremistischen arabischsprachigen Internetforen, in denen sich Anhänger von al-Qaida und Co. austauschen, naturgemäß begrüßt. Am Mittwochmittag wurden aber andere Themen wesentlich stärker diskutiert: der Aufstand in Syrien oder die Lage in Libyen.

"Dafür gibt es Gerichte"

In Foren, in denen radikale Islamisten auf moderate Islamisten treffen, war das Bild differenzierter. Ein Hetzer rief dort zwar dazu auf, sofort "die Jungs in den Vororten zu mobilisieren" um Ausschreitungen "wie vor kurzem in London" herbeizuführen, andere User mahnten jedoch zur Besonnenheit: Das Magazin sei zu verurteilen, "aber dafür gibt es Gerichte". Es helfe niemandem, wenn mit Gewalt reagiert werde - im Gegenteil: Unkontrollierte Reaktionen der Radikalen würden dann wie immer den Muslimen insgesamt angerechnet werden.

Ähnlich gemischt waren die ersten Reaktionen auf Facebook-Seiten. Viele User versuchten, die Gemüter zu beruhigen. Doch einer schrieb: "Wir werden Frankreich in Brand setzen".

Bekannte dschihadistische Organisationen haben sich bisher nicht zu Wort gemeldet. Die dänischen Karikaturen sind für al-Qaida ein Dauerthema, das noch immer regelmäßig aufgegriffen wird. Den Terrororganisationen sind Provokationen dieser Art willkommen, denn sie lösen Empörung auch außerhalb des Lagers ihrer eingefleischten Anhänger aus. So war es auch im Fall der dänischen Karikaturen, eine zeigte damals, wie aus einem Turban eine Bombe wächst.

140.000 Hefte jede Woche

Dieses subtile In-Beziehung-Setzen von islamischem Glauben und terroristischer Tat hatte damals viele fromme Muslime empört. Den Radikalen reichte es schon, dass der Prophet überhaupt bildlich dargestellt wurde - was Muslimen verboten ist und radikale Islamisten als generelles Tabu durchsetzen wollen.

Im Fall der dänischen Karikaturen-Krise konnten damals viele Empörte nicht verstehen, wieso der Staat die Publikation nicht unterband und sich nicht für die Bilder entschuldigte. Anklänge an die Vorstellung, dass auch im Westen der Staat die Presse kontrolliere, fanden sich am Mittwoch in einem Posting auf einer islamischen Website, in dem die Nachricht unter der Überschrift "Frankreich veröffentlicht Mohammed-Zeichnungen - eilig und gefährlich!" verbreitet wurde.

"Charlie Hebdo" ist einer der wichtigsten Satiremagazine Frankreichs, laut Wikipedia beträgt die Auflage 140.000 Hefte wöchentlich. Das Magazin hatte vor Jahren die dänischen Karikaturen nachgedruckt; außerdem wurde in dem Blatt, ebenfalls laut Wikipedia, 2006 ein Aufruf gegen den Islamismus veröffentlicht, den unter anderem der Schriftsteller Salman Rushdie unterzeichnet hatte.



© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.