Sofia - Sein Blick ruhte gerade auf dem Rednerpult, als die Attacke unvermittelt von der Seite kam: Ein mit einer Pistole bewaffneter Mann ist am Samstag auf den bulgarischen Chef der türkischen Minderheitenpartei, Ahmed Dogan, zugestürmt und hat ihm seine Waffe direkt vor das Gesicht gehalten. Der Angreifer wurde festgenommen, bevor er schießen konnte. Dogan blieb unverletzt.
Der mutmaßliche Anschlag auf den Parteichef ereignete sich, während Dogan eine Rede vor einem Kongress seiner liberalen Partei "Bewegung für Rechte und Freiheiten" (DPS) hielt. Ob der sichtlich erschrockene 58 Jahre alte Parteichef den Angreifer einfach rechtzeitig am Abdrücken hinderte oder ein technischer Defekt einen Schuss verhinderte, ist bisher nicht bekannt. Laut BBC sagte der bulgarische Innenminister Zwetan Zwetanow, Dogan sei höchstwahrscheinlich von "einer Fehlzündung" gerettet worden.
Videoaufnahmen zeigen den Tumult auf dem Parteikongress, als mehrere Personen versuchen, den Angreifer festzunehmen. Dabei gehen die Delegierten rabiat vor, die Bilder zeigen, wie er getreten und geschlagen wird. Der Mann soll sich mit einer gefälschten Karte als Delegierter ausgegeben haben. Der 25-Jährige, ein ethnischer Türke, hat nach Polizeiangaben einen kriminellen Hintergrund. Bei der Schusswaffe soll es sich um eine Gaspistole handeln. Die Polizei habe außerdem zwei Messer sichergestellt.
Der Menschenrechtsbeauftragte der Bundesregierung, Markus Löning, zeigte sich nach dem Anschlag schockiert: "Ich bin sehr froh, dass Ahmed Dogan nicht verletzt wurde. Politische Gewalt darf in Europa niemals wieder Fuß fassen." Löning hat an dem Parteitag teilgenommen und war Augenzeuge der Attacke.
Rücktritt von Parteivorsitz
Die DPS erklärte nach dem Vorfall, sie wisse nicht, wer für den Anschlag verantwortlich sei. Doch sei dies "die Sprache des Hasses, der Konfrontation und der Aggression gegen die DPS in Bulgariens Gesellschaft", so Vizeparteichef Lütwi Mestan.
Die Konferenz der DPS im Kulturpalast der Hauptstadt Sofia wurde mehrere Stunden nach dem Vorfall wieder aufgenommen. Dabei kündigte Dogan, der seit knapp 25 Jahren der Partei vorsitzt, seinen Rückzug als Parteichef an - dies war allerdings bereits in einer vor dem Anschlag geschriebenen Rede enthalten. Zu Dogans Nachfolger wählte die Konferenz am Samstagabend Vize-DPS-Chef Lütwi Mestan.
Die von Dogan gegründete Bewegung der türkischen Minderheit ist im Parlament in Sofia und im EU-Parlament vertreten. Die DPS war bis Mitte 2009 an einer sozialliberalen Koalitionsregierung in Sofia beteiligt. Dogan galt als einer der einflussreichsten Politiker des Balkanlandes. Rund zehn Prozent von 7,3 Millionen Menschen in Bulgarien sind ethnische Türken. Sie besiedeln Gebiete im Nord- und Südosten Bulgariens.
sun/dpa/dapd
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Politik | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Ausland | RSS |
| alles zum Thema Bulgarien | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH