Anschlag in Afghanistan Guttenberg fliegt mit verletzten Soldaten nach Deutschland

Am Tag nach dem neuen Angriff auf die Bundeswehr in Afghanistan werden immer mehr Einzelheiten bekannt: Der Konvoi wurde nicht mit einer Rakete beschossen, sondern wurde gezielt mit einem Sprengsatz angegriffen. Verteidigungsminister Guttenberg wird in Kürze mit den Verwundeten nach Deutschland aufbrechen.

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Berlin/Masar-i-Scharif - Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) will mit den in Afghanistan verletzten Soldaten im MedEvac-Airbus noch am Freitag nach Deutschland fliegen. "Ich werde, wenn sich die Möglichkeit ergibt, die Verwundeten heute zurückbringen", kündigte er am Morgen im deutschen Feldlager in Masar-i-Scharif an.

Vermutlich wird er am späten Nachmittag Ortszeit abfliegen. An welchem Ort in Deutschland das Flugzeug, eine Art fliegender Krankenwagen, landen kann, ist bislang noch unklar. Denn die durch einen isländischen Vulkan verursachte Aschewolke über Europa macht einen Anflug auf Köln/Bonn unmöglich. Als Option gilt nun eine Landung in Stuttgart.

Am Donnerstag war eine Bundeswehrpatrouille in der nordafghanischen Region Baghlan angegriffen worden. Vier deutsche Soldaten kamen ums Leben, fünf wurden verletzt, vier von ihnen schwer. Sie sind inzwischen außer Lebensgefahr. Ihr Zustand sei stabil, sagte ein Sprecher des Verteidigungsministeriums.

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Afghanistan: Brandgefährliches Terrain für die Bundeswehr
Derweil sind neue Einzelheiten zu dem tödlichen Angriff bekanntgeworden. Getötet wurden demnach ein 33-jähriger Oberstabsarzt aus Ulm, ein 38-jähriger Major aus Weiden, ein 32-jähriger Hauptfeldwebel und ein 24-jähriger Stabsunteroffizier aus Ingolstadt. Verletzt sind ein 46-jähriger Oberstleutnant aus Dresden, ein 35-jähriger Hauptfeldwebel und ein 27-jähriger Oberfeldwebel aus Stetten, ein 44-jähriger Stabsfeldwebel aus Amberg sowie ein 32-jähriger Hauptfeldwebel.

Die Deutschen waren in Baghlan südlich von Kunduz mit schwedischen und belgischen Soldaten im Rahmen eines "Operational Mentor and Liaison Team" (OMLT) unterwegs gewesen. Rund 150 Ausbilder und Schutzkräfte begleiteten etwa tausend afghanische Soldaten der Afghan National Army (ANA). Sie bildeten die lokalen Sicherheitskräfte in Gefechtstaktiken aus, während eines laufenden Einsatzes mit dem Codenamen "Taohid II". Dieser Großeinsatz zur Verdrängung der Taliban war nach einer tagelangen Pause am Mittwoch wieder angelaufen.

Mit den Särgen der Gefallenen nach Deutschland

Was sich dann am Donnerstagnachmittag nahe der "Dutch Bridge" in der Region Baghlan i-Dschahid genau abspielte, wird immer klarer. Demnach wurde gegen 14.30 Uhr Ortszeit zuerst ein geschütztes Fahrzeug der Bundeswehr vom Typ "Eagle IV" mit einer massiven Sprengfalle angegriffen.

Der "Eagle" fuhr in einer Kolonne gemeinsam mit afghanischen Kräften. Als letzter Wagen hielt der "Eagle" vor der Brücke an, vermutlich wollten die Soldaten eine kurze Besprechung abhalten. Da die Stelle vorher von mehreren anderen Militärfahrzeugen passiert wurde, gehen die Ermittler davon aus, dass die Taliban den Sprengsatz gezielt gegen die Deutschen fernzündeten, als diese anhielten. Drei Soldaten waren sofort tot.

Der Oberstabsarzt wurde entgegen erster Angaben in einem weiteren Feuergefecht rund vier Stunden später getötet. Demnach war der Arzt gegen 18.30 Uhr Ortszeit mit einem anderen Trupp der Bundeswehr mehrere Kilometer südlich des ersten Tatorts unterwegs, als die Soldaten unter Feuer genommen wurden. Der Arzt wurde in dem Fahrzeug der Sanitäter getötet. Das Fahrzeug brannte nach dem Beschuss aus. Die beiden weiteren Sanitäter, die vorne gesessen hatten, überlebten den Angriff unbeschadet.

Nach den beiden Attacken herrschte Verwirrung über die Opfer. Zunächst hatte man in dem "Eagle" mehr Tote vermutet. Der Panzerwagen war aber regelrecht auseinandergerissen worden, das erschwerte die Suche enorm. Erst rund eine Stunde später bestand Klarheit über die Zahl der Opfer auf deutscher Seite. Die US-Armee half beim Abtransport der Verletzten. Aus Kunduz flogen zwei Rettungshubschrauber nach Baghlan und brachten zuerst die beiden schwerverletzten Soldaten zur Behandlung ins Camp.

Guttenberg erreichte die Nachricht vom Tod der Vier am Donnerstag nach der Landung im usbekischen Termez. Der Minister war auf dem Rückflug von seinem Truppenbesuch in Afghanistan. Dort hatte er auch der erst am Karfreitag vor zwei Wochen Gefallenen gedacht. Nun trauert das Land erneut. Guttenberg flog sofort mit dem Generalinspekteur der Bundeswehr, Volker Wieker, zurück ins afghanische Masar-i-Scharif. Während nun Guttenberg mit den Verletzten nach Deutschland reisen will, bleibt Wieker vor Ort. Er nimmt am Sonntagvormittag an der Trauerfeier im Feldlager teil und fliegt dann mit den Särgen der Gefallenen nach Deutschland.

"Ausbilden heißt, dass wir Seite an Seite mit den Afghanen kämpfen"

Das begleitende Vorgehen als Teil der neuen Afghanistan-Strategie wird seit dem Anschlag in Baghlan neuerlich diskutiert. "Wer dachte, das Training der Afghanen sei ein ungefährlicher Spaziergang hin zum Abzug aus Afghanistan, hat heute die Realität gesehen", sagt ein Bundeswehroffizier. "Am Ende heißt Ausbilden in Afghanistan, dass wir Seite an Seite mit den Afghanen kämpfen."

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Deutsche in Afghanistan: Die Mission der Ausbilder
Der scheidende Wehrbeauftragte der Bundesregierung, Reinhold Robbe (SPD), wies im ARD-"Morgenmagazin" auf die damit verbundenen Gefahren hin. Die neue Strategie der Bundeswehr, außerhalb der Lager aktiver zu werden, erhöhe das Sicherheitsrisiko weiter. Insbesondere in der ersten Phase könne es zu vermehrten Anschlägen und Gefechten mit Opfern kommen. Die deutschen Soldaten seien darauf eingestellt, sagte Robbe. Aber er hoffe, dass sich auch die deutsche Gesellschaft damit inhaltlich auseinandersetze.

Forderungen nach einem neuen Mandat aus seiner Partei, wie sie SPD-Chef Sigmar Gabriel vorgebracht hatte, wies Robbe zurück. Das geltende Mandat decke die derzeitigen Anforderungen ab. SPD-Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier sprach sich für eine Fortsetzung des Einsatzes aus, mahnte aber zugleich, man müsse darüber nachdenken, wie der Einsatz weitergeführt und auch wann er beendet werden könne. "Natürlich können wir nicht einfach so weitermachen wie bisher", betonte er.

Elke Hoff, die verteidigungspolitische Sprecherin der FDP-Fraktion, gab sich zuversichtlich, was die Unterstützung des Afghanistan-Einsatzes im Bundestag angehe: Bis auf die Linkspartei sei das Isaf-Mandat von den anderen Parteien immer getragen worden. Sie sei sicher, dass es so auch in der Zukunft bleiben würde. "Man muss jetzt auch in der Lage sein, mit den schlimmen Konsequenzen der Angriffe politisch umzugehen", sagte sie SPIEGEL ONLINE. Und sie warnt: Wer wie die Linkspartei jetzt über einen Abzug rede, der führe eine Debatte auf dem Rücken der Soldaten, spiele der Strategie der Taliban in die Hände.

sef/mgb/kaz/ddp/dpa

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blowup 09.04.2010
1. pervers
Wäre mein Sohn in Afghanistan ums Leben gekommen, ich hätte nicht zugelassen, dass seine Leiche für diese verlogene Inszenierung benutzt wird. Dieselben Typen, die aus Machtgeilheit und politischen Kalkül durch Lüge und Zauderei an seinem Tod mit schuld sind, setzen sich hier in Szene. Pfui. Das haben die Soldaten, die aus Pflichtgefühl und Engagement in diesen Einsatz gegangen sind, nicht verdient. Und wenn ich heute im TV Gestalten wie Struck sehe, die so tun, als hätten Sie kaum etwas mit den fatalen Fehlentscheidungen zu tun, wird mit schlecht...
egils 09.04.2010
2. Merkels Trauerrede
Meiner Meinung nach die beste Rede die ich von Frau Merkel als Bundeskanzlerin gehört habe! Ich hoffe das diese Rede im fernsehen von einer grösstmöglichen Anzahl von Buerger/innen gehört und gesehen wurde. Zum ersten mal habe ich ihr wirklich alles abgenommen und geglaubt. Respekt und Dank dafuer.
Die Blickerin 09.04.2010
3. Die toten von Kunduz
Diese Menschen, Guttenberg und Merkel, sollten sich zutiefst schämen. Sie sind es, die die direkte Schuld tragen für diese junge Opfer. Sie sollten sich schämen und sie sollten zur Verantwortung gezogen werden.
odet 09.04.2010
4. Wie verlogen........
Erst werden Junge Menschen nach Afghanistan geschickt um dort Taliban, Frauen und Kinder zu ermorden, und dann müssen sie sich auch noch von Merkel "betrauern" lassen. Dieser Regierung ist wirklich gar nichts mehr zu verlogen.
Boone 09.04.2010
5. Stell Dir vor es ist Krieg und niemand geht hin
Nun wird es immer klarer, immer offenbarer, wir haben zugelassen, dass unsere Politiker unser Land wieder in den Krieg geführt haben. Wir schicken wieder Soldaten durch die Welt, töten wieder fremde Menschen, werden getötet und glauben so Frieden in die Welt bringen zu können. Tragisch daran ist, dass Merkel & Co keine Soldaten in den Krieg schicken könnten, sie keinen Krieg führen könnten, gäbe es nicht Deutsche, die bereit sind in den Krieg zu ziehen und auf Befehl Soldat zu sein. Keine 60 Jahre hat es gedauert und es kommen wieder tote deutsche Soldaten nach Hause - und nur wenige scheinen das seltsam und unsinnig zu finden.
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