Anschlag in Afghanistan Karzai bringt westliche Diplomaten gegen sich auf

Der Opfer-Bonus währte nur kurz: Am Tag nach dem gescheiterten Attentat auf Präsident Karzai rechnet die Opposition mit ihm ab, wirft seiner Regierung Versagen vor. Karzai selbst lenkt ab und kritisiert den Westen immer deutlicher - Diplomaten und Uno-Direktoren reagieren entsetzt.


Die Welt steht ihm zur Seite. Gruß- und Solidaritätsadressen von überall treffen in Kabuls Präsidentenpalast ein, die Staatschefs der USA und Italiens, die deutschen, französischen, indischen, pakistanischen Regierungen sichern Hamid Karzai ihre ungebrochene Unterstützung gegen "die Feinde Afghanistans" zu.

Im Innern aber regt sich Widerspruch: Stündlich fast melden sich auf den einheimischen Fernsehkanälen mehr afghanische Parlamentarier zu Wort, die der Regierung ein Scheitern vor allem auf dem Feld der öffentlichen Sicherheit vorwerfen.

Erste Analysen des Anschlags vom Vortag, bei dem Taliban-Kämpfer mit Maschinengewehren, Granatwerfern und Panzerfäusten in die Militärparade zur Feier des Siegs über das Sowjetregime hinein schossen, legen erschreckende Sicherheitslücken offen. Offenkundig gelang es zumindest einer Gruppe der Angreifer, nur 500 Meter vom Paradeplatz entfernt in einem dreistöckigen Wohnhaus schwer bewaffnet in Stellung zu gehen. Von dort aus hatten sie - fast 30 Minuten lang - freies Schussfeld auf den Paradeplatz, ehe die Garden der Veranstaltung sie überhaupt gezielt bekämpften.

Wie dies geschehen konnte, obwohl die afghanische Polizei einen vollen Monat lang, und mit Hilfe internationaler Berater, am Sicherheitskonzept der Veranstaltung gearbeitet hatte, wird die Kernfrage einer kommenden Untersuchung sein. In Kabul kursieren bereits Spekulationen, dass korrupte Polizisten den Taliban womöglich zugearbeitet hätten. Diese Gerüchte werden in einer Gesellschaft, die für Verschwörungstheorien aller Art empfänglich ist, ungeachtet ihres Wahrheitsgehalts nur schwer zu widerlegen sein.

Die Taliban feiern unterdessen ihren symbolischen Triumph als Zeichen, "dass sich niemand sichern fühlen" könne in Afghanistan.

Die Bilder von fliehenden Ministern, hochrangigen Geistlichen, Nato-Kommandeuren und Botschaftern aus aller Welt liefern den Beweis dafür, dass ihr Terrornetzwerk - entgegen allen offiziellen Erklärungen - nicht zerrissen ist. Dass die Attentäter in Kabul selbst, und nicht nur in entlegenen Provinzen Afghanistans, noch immer zu koordinierten Attacken in der Lage sind, setzt in jedem Fall ein ernüchterndes Zeichen im zähen Prozess des afghanischen Wiederaufbaus. Und: Die Ereignisse stellen auch die Bemühungen der von Nato- und anderen Staaten gestellten Hilfstruppen in Frage.

Präsident Karzai selbst reiht sich nun in die Schar der Kritiker ein, die das internationale Engagement für nicht ausreichend oder gar fehlgeleitet halten. Ein gutes Jahr vor den nächsten Präsidentschaftswahlen werden seine Attacken auf die Weltgemeinschaft jedenfalls von Woche zu Woche lauter. In einem Interview mit der "New York Times" äußerte er am Wochenende seinen Unwillen über die Strategie vornehmlich der US-amerikanischen und britischen Truppen im Anti-Terror-Kampf. Zwar hieß es danach, die Zitate seien aus dem Zusammenhang gerissen - nur hatte sich Karzai wenige Tage zuvor in einem Gespräch mit dem SPIEGEL praktisch gleichlautend geäußert.

Es scheint, als wolle der Präsident seinen Wahlkampf in den kommenden Monaten gegen das Ausland führen, um von eigenen Misserfolgen im Innern abzulenken. Hochrangige Diplomaten und Uno-Direktoren in Kabul kommentieren diesen Schachzug entsetzt - wo nicht sogar angewidert - und erwägen mögliche Konsequenzen. Verliert Karzai an internationaler Unterstützung, stünde auch seine Wiederwahl infrage.

Karzai braucht das Ausland - und bis auf weiteres braucht das Ausland auch ihn: als eine international gut "verkäufliche" Ikone des neuen Afghanistans. Der Kreis möglicher Präsidentschaftskandidaten ist überdies klein, und nur eine Handvoll von ihnen passt überhaupt ins Profil, das ein afghanischer Präsident im großen, komplizierten Konzert der in- und ausländischen Kräfte haben müsste.

Karzai hat den vierten ernsthaften Anschlag auf sein Leben überstanden. Im September 2002 entkam er in Kandahar einem Attentat nur knapp. Im September 2004 wurde sein Hubschrauber im Landeanflug auf Gardez mit Raketen beschossen. Im Juni vergangenen Jahres verfehlten ihn die Taliban in Ghazni erneut.

Bei dem jüngsten Mordversuch schlug eine Mörsergranate nur 40 Meter von ihm und seiner Regierung entfernt vor der Tribüne des Paradeplatzes ein. Eine Stunde später sagte Karzai in einer Fernsehansprache, die Lage sei unter Kontrolle und "die Lage im Land insgesamt ruhig".

Aber das war, unüberhörbar, die Sprache der Schadensbegrenzung.



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