Anschlag auf US-Botschaft in Ankara: Linke Terrortruppe unter Verdacht

Von und Piotr Zalewski

AFP

Als ein Wachmann ihn stoppen wollte, zündete der Täter die Bombe: Das Selbstmordattentat vor der US-Botschaft erschüttert Ankara - Fahnder vermuten, dass der Angreifer zur linksradikalen DHKP-C gehörte. Wollte die Gruppe Rache nehmen für die Stationierung von "Patriot"-Raketen?

Berlin/Ankara - Es dauerte nicht lang, bis auf die ersten Meldungen über den Anschlag in Ankara die ersten Tweets über alle möglichen vermeintlichen Hintermänner folgten: die CIA selbst oder doch al-Qaida? Der Mossad gar oder doch die PKK? "Hat noch immer niemand Assad erwähnt?" twitterte ironisch Ziya Meral, ein Türkei-Experte, der in London lebt.

Doch auch eine andere Abkürzung tauchte in den Tweets auf: DHKP-C. Und jenseits wilder Spekulationen und merkwürdiger Verschwörungstheorien scheint das in die richtige Richtung zu weisen. Denn wenige Stunden nach der Explosion, bei der ein türkischer Wachmann der US-Botschaft und der Selbstmordattentäter starben, gibt es erste Hinweise auf den möglichen Hintergrund der Tat. Der türkische Innenminister Muammer Güler sagte, der Attentäter habe einer verbotenen linksextremen Gruppe angehört: der Revolutionären Volksbefreiungspartei-Front, kurz DHKP-C, oder einer ähnlichen Organisation. Türkische Fernsehsender und Online-Ausgaben großer Zeitungen berichten, die Polizei habe den mutmaßlichen Täter als 30-jährigen Aktivisten der DHKP-C identifiziert.

Dafür spricht: Die Gruppe operiert im Untergrund, sowohl die EU als auch die USA stufen sie als terroristische Vereinigung ein; in Deutschland ist sie seit 1998 verboten. Die DHKP-C will das Regierungssystem der Türkei durch einen revolutionären Umsturz beseitigen - mit dem Ziel, einen Kommunismus marxistisch-leninistischer Prägung durchzusetzen. Sie verfolgt einen strikt antiwestlichen Kurs; der Regierung von Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan und seiner AKP wirft die Gruppe vor, lediglich Marionetten von Nato und Vereinigten Staaten zu sein.

Die türkischen Behörden sind in den vergangen Wochen hart gegen die Organisation vorgegangen. Vor gut einer Woche gab es 55 Anklagen gegen mutmaßliche DHKP-C-Mitglieder. Laut Polizei sollen sie Anschläge gegen türkische Regierungsvertreter und ausländische Botschaften geplant haben.

Die DHKP-C hat früher schon amerikanische Ziele attackiert?

Die Wurzeln der DHKP-C reichen zurück zu verschiedenen linksradikalen Organisationen, die in den späten siebziger Jahren aktiv waren. Sie nutzt Europa als Rückzugsraum und hat feste Strukturen, über die sie Gelder, Waffen und militärische Ausrüstung beschafft. In der Türkei hat sie zahlreiche Brand- und Sprengstoffanschläge verübt sowie Menschen getötet, etwa den bekannten türkischen Geschäftsmann Özdemir Sabanci. Seit 2001 setzt sie auch Selbstmordattentäter ein. So bezichtigte sich die Gruppe eines Anschlags auf eine Polizeiwache in Istanbul im vergangenen Herbst, bei dem es ebenfalls Tote gab. Es war der 11. September 2012. Die Tat lief ganz ähnlich ab wie die in Ankara an diesem Freitag: Ein Selbstmordattentäter sprengte sich in dem Gebäude in die Luft.

Jetzt in Ankara versuchte gegen 13.30 Uhr ein Mann, sich in den Seiteneingang der US-Botschaft zu drängen, der normalerweise vom Personal benutzt wird. Als ihn ein Wachmann am Eindringen hindern wollte, zündete der Mann seine am Körper befestigte Bombe.

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Ankara: Bombenalarm im Botschaftsviertel
Auch mehrere amerikanische Ziele attackierten die selbsternannten Revolutionäre bereits. Im Frühjahr 1991 verübten sie Attentate auf amerikanische Soldaten - aus Protest gegen den damaligen Golfkrieg.

Noch gibt es allerdings kein Bekennerschreiben, und über die Fortschritte der Fahnder ist bislang kaum etwas bekannt. Frühere Anschläge in der Türkei wurden von Rechts- und auch Linksextremisten verübt, sowohl von islamistischen als auch kurdischen Gruppen. Denn auch wenn die politische Situation im Vergleich zu früheren Zeiten relativ stabil ist, so geht doch ein tiefer Riss durch die politischen Lager. Debatten eskalieren schnell zu nahezu unversöhnlichen Streits. "Wenn das Land seine innere Wunde nicht heilt, wird es für Ankara schwierig, sein Potential als Global Player auszuspielen", schrieb vor kurzem der Türkei-Kenner Soner Cagaptay vom Institut für Nahost-Politik in Washington. Denn trotz eines enormen Wirtschaftswachstums und aller außenpolitischen Bemühungen ist die Türkei oft mit sich selbst beschäftigt.

Der Anschlag kommt für die Türkei zu einer besonders kritischen Zeit, sowohl außen- als auch innenpolitisch. Die Spannungen zwischen der Türkei und dem südlichen Nachbarn Syrien haben noch einmal zugenommen, seit die Türkei "Patriot"-Raketen der Nato-Verbündeten Deutschland, den Niederlanden und den USA an der Grenze hat stationieren lassen. Die sechs Batterien sollen vor möglichen Raketenangriffen aus dem Bürgerkriegsland schützen.

Schon zuvor hatte sich Erdogan deutlich von Diktator Baschar al-Assad abgegrenzt und die Staatengemeinschaft aufgefordert, in Syrien einzugreifen. Tausende syrische Flüchtlinge harren mittlerweile in der Türkei aus, sie wurden bereits mehrfach von syrischem Gebiet aus beschossen.

Doch die Stationierung der "Patriot"-Raketen wirkt auch auf die innenpolitische Lage zurück: Als sie ankamen, entzündeten sich Proteste in mehreren Städten, linke Demonstranten bedrängten auch deutsche Soldaten. Sie werfen den USA und ihren Verbündeten vor, die Türkei in einen Krieg gegen Syrien hineinziehen zu wollen.

In die Logik der DHKP-C würde es passen, auf die Raketenstationierung mit dem Anschlag in Ankara zu antworten. "Angenommen, es war wirklich die DHKP-C", sagt Henry Barkey, Türkei-Experte an der Lehigh Universität in Pennsylvania und früherer Mitarbeiter im US-Außenministerium, "dann wird die Gruppe es mit den 'Patriots' zu rechtfertigen versuchen."

Noch gibt es keine Beweise. Das US-Außenministerium will den Anschlag jetzt gemeinsam mit der türkischen Polizei untersuchen. Vorerst sollten sich Amerikaner aber von US-Vertretungen in der Türkei fernhalten, empfahl das Konsulat in Istanbul.

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insgesamt 19 Beiträge
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1. Gibt es gute und böse Terroristen ?
topodoro 01.02.2013
Auf der einen Seite unterstützt die Türkei die islamistischen FSA " Aktivisten" die in Syrien Terrorakte verüben und auf der anderen Seite verüben nun vermutlich "linke" Terroristen ihre Attentate in der Türkei. Auf der einen Seite werden die FSA "Aktivisten" von den "Freunden Syriens" unterstützt. Wird da mit zweierlei Maß gemessen ?
2. Links?
kelukelu 01.02.2013
Zitat von sysopAls ein Wachmann ihn stoppen wollte, zündete der Täter die Bombe: Das Selbstmordattentat vor der US-Botschaft erschüttert Ankara - Fahnder vermuten, dass der Angreifer zur linksradikalen DHKP-C gehörte. Wollte sie mit ihrem Anschlag Rache nehmen für die Stationierung von "Patriot"-Raketen? Anschlag in Ankara: Behörden verdächtigen Linksextremisten - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/anschlag-in-ankara-behoerden-verdaechtigen-linksextremisten-a-881013.html)
Was qualifiziert diese Terroristen als 'links'? Was soll diese Richtungsangabe hier aussagen?
3. Was ist denn das für eine Diktion?
Tomaire 01.02.2013
"Wollte die Gruppe Rache nehmen für die Stationierung von "Patriot"-Raketen?" Was gibt´s denn da dran zu rächen? Stationierung von Flugabwehrraketen? Nicht nur, dass die noch gar nicht abgefeuert wurden, also dass sie gar nichts hätten anrichten können wofür man sich dann rächen sollte. Das sind Verteidigungswaffen. Wie kann man denn so ne Frage stellen?
4.
bleifuß 01.02.2013
Zitat von sysopOber-Muftis in die Luft??
Die sind doch nicht doof.
5.
chrispman 01.02.2013
Zitat von topodoroAuf der einen Seite unterstützt die Türkei die islamistischen FSA " Aktivisten" die in Syrien Terrorakte verüben und auf der anderen Seite verüben nun vermutlich "linke" Terroristen ihre Attentate in der Türkei. Auf der einen Seite werden die FSA "Aktivisten" von den "Freunden Syriens" unterstützt. Wird da mit zweierlei Maß gemessen ?
Ja. Z.B. Graf Stauffenberg gilt im Allgemeinen nicht als Terrorist.
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