Terroranschlag in Ankara Wer es auch war - der IS profitiert

Innenpolitische Spannungen, Krieg gegen die PKK und Abwehr des IS: Die Türkei steht im Mittelpunkt mehrerer Konflikte. Der Anschlag von Ankara verschärft die Situation - davon profitiert vor allem der "Islamische Staat". Der Überblick.


Nach der Auswertung von Videos und Zeugenaussagen seien sich die türkischen Ermittler über eines sicher, erklärt am Montag ein Sprecher des Premiers: dass der Anschlag von Ankara von zwei Selbstmordattentätern verübt wurde. Die Täter seien jedoch noch nicht identifiziert. Türkischen Medienberichten zufolge werden derzeit DNA-Proben von 16 Familien untersucht.

Eine Rolle soll der ältere Bruder des Attentäters von Suruc gespielt haben - ob als Attentäter oder Mittäter ist noch unklar. In Suruc waren im Junibei einem ähnlichen Anschlag 34 Menschen ums Leben gekommen.

Mit 97 Toten war das Attentat von Ankara am Samstag das verheerendste, das es in der modernen Türkei gegeben hat - und es wirft zahlreiche Fragen auf:

Warum nimmt die Gewalt in der Türkei zu? Die türkische Regierung steht im Zentrum mehrerer Konflikte:

  • Erdogan polarisiert: Das Land ist zutiefst gespalten zwischen Anhängern und Gegnern von Präsident Recep Tayyip Erdogan.
  • Krieg gegen die PKK: Seit Juli ist der Krieg zwischen Ankara und der bewaffneten Untergrundorganisation Arbeiterorganisation Kurdistans (PKK) wieder aufgeflammt. Nach dem Anschlag von Ankara will die PKK nun ihre Attacken bis zur Wahl am 1. November vorübergehend aussetzen.
  • Gefahr durch den IS: Der "Islamische Staat", der im benachbarten Syrien Gebiete kontrolliert, hat auch in der Türkei Unterstützer.

Wer steckt hinter dem Ankara-Anschlag? Das ist noch unklar. Die Opposition macht die türkische Regierung oder den sogenannten tiefen Staat - also Verflechtungen aus Militär, Polizei und Verwaltung - dafür verantwortlich. Die türkische Regierung bezeichnet den IS als Hauptverdächtigen. Bisher hat niemand sich dazu bekannt.

Warum gibt es so viele Theorien? Weil die Türkei so stark gespalten ist, ist auch das gegenseitige Misstrauen groß - jeder traut der Gegenseite alles zu. Die Regierung hetzt gegen die Opposition und wittert hinter allem die PKK, die sie seit Juli wieder bekämpft. Die Opposition wiederum glaubt der Regierung kein Wort mehr. Dazu haben Erdogans umstrittene Syrien- und Kurden-Politik sowie die Repression von Kritikern beigetragen.

Wie steht die türkische Regierung zum IS? Erdogan hat den IS lange geduldet als vermeintlich kleineres Übel im Kampf gegen Syriens Herrscher Assad. Manche Berichte legen sogar nahe, dass der türkische Geheimdienst den IS teils aktiv unterstützte, was Ankara dementiert. Im Juli vollzog Erdogan spät und halbherzig eine Wende. Statt den angekündigten Bomben auf den IS bekämpfen seine Kampfjets jedoch vor allem die PKK, einen der schlagkräftigsten Gegner des IS.

Warum nützt der Anschlag dem IS? Noch ist offen, ob der IS hinter der Attacke steckt. In jedem Fall wird er davon profitieren. Der Anschlag kommt einer Warnung an Erdogan gleich, sich aus Syrien herauszuhalten. Zuletzt hatte er angekündigt, sich stärker im Kampf gegen den IS zu engagieren. Zudem lenkt der Anschlag von Syrien ab: Die Türkei ist nun vor allem mit sich selbst beschäftigt. Türkische Kurden, die den Krieg gegen den IS unterstützten, werden sich fortan auf den Konflikt mit ihrer Regierung konzentrieren.

Was bedeutet der Anschlag für die Wahlen? Oft führen Terrorattacken dazu, dass sich ein Land geschlossen hinter seine Regierung stellt. Doch im Falle der Türkei scheint die Attacke die Polarisierung des Landes zu verstärken. Dies könnte bedeuten, dass die Wahl ein ähnliches Parlament hervorbringt wie im Juni und die konservativ-islamische AKP doch noch eine Koalition eingehen muss mit der stärksten Oppositionspartei, der Republikanischen Volkspartei (CHP).

Im Video: Grünen-Chef Cem Özdemir zur Lage in der Türkei

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insgesamt 29 Beiträge
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holy10 12.10.2015
1. Schlimme Vorzeichen
Wenn bei der Wahl wieder keine stabile Regierung zu stande kommt, wird bald wieder gewählt und wieder und wieder. Wohin solch eine Phase der Instabilität führen kann wissen wir aus unsere Geschichte nur zu gut. Deshalb sollte man die derzeitige Regierung unterstützen. Zum Kampf gegen die PKK sei gesagt, dass es sich hierbei um eine Terrororganisation handelt. Warum das im Artikel wohlfein ausgespart wird ist mir unbegreiflich.
hanspetermoesch 12.10.2015
2.
Dass dem IS die Kehrtwendung der Türkei in Syrien nicht passt, ist nachvollziehbar. Aber dass der IS hinter dem Attentat steckt ist mehr als fraglich. Weshalb: - Der IS bekennt sich medienwirksam zu seinen Anschlägen - und das sofort. Das ist bis jetzt nicht der Fall. - Ein IS Anschlag VOR den Wahlen nützt nicht dem IS sondern just Erdokan und seiner Partei. Und ein Wahlsieg von Erdokan, der nun gegen die IS kämpft, ist nicht im Interesse der IS. Am meisten nützt dieser Anschlag der APK, am wenigsten der PKK.
albert schulz 12.10.2015
3. lebhafte Diskussion
iesen Fällen recherchiert der Spiegel erst gar nicht, sondern veröffentlicht die Legenden der Transatlantiker. Was soll er auch machen, wenn die Türkei und Israel den IS unterstützen ? Es ist ganz einfach: die Türkei hat nur vor Angst vor einem Kurdenstaat. Da sie aber auch Assad demolieren möchte, hat sie zwei Gegner. Hierzulande ist jedenfalls hinreichend unbekannt, wer gegen wen kämpft, und woher Geld und Waffen kommen. Die regelmäßigen Märchenerzählungen in den Gazetten sind Schall und Rauch.
m.gu 12.10.2015
4. Der IS profitiert von der Schwächung der Kurden
Begann nicht alles mit Kobane? Als die Verbindung, Nadelöhr, zwischen der Türkei und Kobane von türkischer Seite für humanitäre Zwecke gesperrt wurde. Weder Nahrung, Getränke,Medikamente,Verbandsstoffe usw. erreichten die Eingeschlossenen tapfer kämpfenden Kurden mit leichter Bewaffnung. Für die Öffnung dieses Korridors gingen am 08.10.14 junge Kurden auf die Straßen, mit brutalster Gewalt wurden 32 Kurden erschossen. Quelle: "Neues über Demonstrationen in Türkei für Kobane vom 08.10.14." Am 01.12.14 genehmigte Erdogan IS - Banditen den Angriff von türkischer Seite aus, Korridor, mit PKW und Selbstmordattentäter, gleichzeitig schwerer Beschuss vom Getreidesilo in der Türkei auf Kobane, Quelle: "Hilferuf aus Kobane, Wir werden von allen Seiten beschossen." Bilanz 50 Tote. Am 20.07.15 Demo in Suruc für den Wiederaufbau Kobanes, beim Bombenanschlag 34 tote Kurden. Beim letzten Anschlag in Ankara 97 Tote. Ist hier nicht ein enger Zusammenhang zu erkennen? Parallel die Luftangriffe der Türkei nicht nur auf PKK Stellungen sondern in der Stadt Cizre auch 21 tote Kurden, Zivilisten. Mit der Schwächung der Kurden hat auch die jetzige Regierung der Türkei einen Vorteil bei der kommenden Wahl.
Koana 12.10.2015
5. Granatprimaten....
... oder der zerfetzte Mensch, sind die höchste Entwicklungsstufe der bodenlos debilen Gattung, die nackt und dumpf über diesen Planeten herfällt. Glücklich jene Individuen, die in ruhigen Zonen des Treibens ein Luxuskonsumdeppenleben abfristen dürfen. Sie sind glücklich dabei, egal ob im Nachbarzimmer gemordet und gehungert wird, Hauptsache selber gärt es im Magen, vor Völlerei und Hauptsache alle paar Tage kann man seine Shoppingtrigger ausleben. Es ist völlig egal wer die Bomben ausgelöst hat, es waren Menschen!
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