Anschlag in Istanbul Türkische Polizei nimmt drei Teenager fest

Es ist der blutigste Anschlag in der Türkei seit fünf Jahren: Mindestens 17 Menschen starben, als auf einer Istanbuler Geschäftsstraße zwei Sprengsätze in Mülleimern explodierten - und die Zahl der Opfer wird wohl noch steigen. Die Behörden verdächtigen die PKK, drei Jugendliche wurden festgesetzt.


Istanbul - "Wir kennen die Mörder", titelt die türkische Zeitung "Sabah" am Montag. Unter der Schlagzeile zeigt ein Foto die blutverschmierten Leichen, die auf der sonst belebten Geschäftsstraße im Stadtteil Güngören auf der europäischen Seite Istanbuls liegen. Es ist die kurdische Arbeiterpartei PKK, die am Morgen nach dem Blutbad viele Türken, die Medien des Landes und auch Sicherheitsbehörden als Verantwortliche des tödlichsten Anschlags in der Türkei seit fünf Jahren verdächtigen.

Die Politik hält sich mit namentlichen Schuldzuweisungen einstweilen noch zurück. Welche Terrorgruppe das Attentat verübt habe, sei unklar, sagte der stellvertretende Ministerpräsident Hayati Yazici. Staatspräsident Abdullah Gül und Regierungschef Recep Tayyip Erdogan verurteilten den Anschlag auf das Schärfste. "Mit dem Töten unschuldiger Menschen und mit Terrorismus können keine Ziele erreicht werden", erklärte Gül. "Diese Anschläge zeigen, wie unmenschlich und armselig die Urheber sind."

Die türkische Zeitung "Milliyet" berichtete, die Polizei habe im Zusammenhang mit dem Attentat drei Teenager festgesetzt. Die Jugendlichen im Alter von 16 und 17 Jahren seien am Sonntagabend im Kohlenkeller eines Mehrfamilienhauses in der Nähe des Tatorts aufgegriffen worden. Anwohner hätten den Sicherheitskräften einen entsprechenden Hinweis gegeben. Die drei sollen zunächst versucht haben zu fliehen und hätten später gegenüber der Polizei ausgesagt, sie hätten sich aus Angst nach den Explosionen versteckt.

Zahl der Opfer steigt

Die Zahl der Todesopfer stieg indes weiter: Inzwischen ist von 17 Todesopfern die Rede. Ein Anschlagsopfer sei im Krankenhaus seinen Verletzungen erlegen, erklärte der türkische Gesundheitsminister Recep Akdag nach Angaben der Nachrichtenagentur Anadolu am Montag. Die Zahl der Toten wird Akdag zufolge womöglich weiter steigen, da sieben Menschen bei den zwei Explosionen am Sonntagabend sehr schwer verletzt wurden. Dutzende weitere werden in den Krankenhäusern behandelt.

Die Täter hatten die Bombenexplosionen am Sonntagabend offenbar aufeinander abgestimmt. Zunächst detonierte gegen 21.45 Uhr eine Bombe mit geringer Sprengkraft in einem Mülleimer an der Geschäftsstraße in Güngören. Wenige Minuten darauf ereignete sich in einigen Metern Entfernung eine weitere diesmal heftigere Explosion.

Zeugenberichten zufolge war die erste Explosion nicht sehr stark. "Viele Menschen kamen, um zu sehen, was los war", sagte Huseyin Sentürk, der ein Schuhgeschäft in dem Viertel betreibt. "Dann kam es zur zweiten Explosion, die viele Schaulustige verletzte." Der belebte Platz war nach den Detonationen voll mit Glasscherben, Kleidungsstücken, Schaufensterpuppen und Trümmerteilen. Die Polizei riegelte das Gelände ab.

Bisher kein Bekennerschreiben

Der türkische Fernsehsender NTV berichtete, Sicherheitskreise gingen auch wegen der Vorgehensweise von einem Anschlag der PKK aus. Die Methode, erst eine Bombe zu zünden und dann eine zweite, weise auf deren Täterschaft hin. Ein Bekennerschreiben seitens der kurdischen Extremisten lag bis zum Vormittag jedoch nicht vor.

Die türkische Wirtschaftsmetropole war zuletzt 2003 von einer Serie schwerer Anschläge erschüttert worden. Bei Selbstmordattentaten auf zwei Synagogen, das britische Konsulat und auf eine britische Bank wurden seinerzeit insgesamt 57 Menschen getötet.

2006 kam bei einer gegen Polizisten gerichteten Bombenexplosion in einem Internetcafé ein Mensch ums Leben, 16 weitere wurden verletzt. Anfang Juli schließlich eröffnete eine Gruppe Bewaffneter, die Verbindungen zur Terrororganisation al-Qaida gehabt haben sollen, das Feuer auf Wachleute des US-Konsulats. Drei Beamte und drei der Angreifer wurden getötet.

Die PKK kämpft seit 1984 für die Unabhängigkeit der kurdischen Minderheit in der Türkei. Bei Kämpfen in den südöstlichen Provinzen und bei Anschlägen im ganzen Land sind seither Zehntausende getötet worden. Die Regierung in Ankara ging zuletzt verstärkt gegen die PKK vor und bombardierte wiederholt ihre Stellungen im Grenzgebiet zum Irak. Die PKK war auch für die Entführung dreier deutscher Bergsteiger Anfang Juli am Berg Ararat im Osten der Türkei verantwortlich. Sie wurden von den Rebellen schließlich wieder freigelassen und kehrten nach knapp zwei Wochen nach Deutschland zurück.

Steinmeier verurteilt Anschlag

Nato-Generalsekretär Jaap de Hoop Scheffer verurteilte den Bombenanschlag in Istanbul scharf. "Dieser abscheuliche Terrorangriff war gezielt und brutal gegen Zivilisten gerichtet", heißt es in einer Erklärung De Hoop Scheffers vom Montag in Brüssel. Die Nato werde "auch weiterhin entschlossen an der Seite des türkischen Volkes im Kampf gegen den Terrorismus stehen".

Auch Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) zeigte sich erschüttert. "Ich verurteile diesen blinden Akt des Terrors aufs Schärfste", sagte er am Montag in einer ersten Reaktion am Rande seines Afghanistan-Besuchs in Masar-i-Scharif. "Deutschland ist in dieser schwierigen Lage an der Seite der Türkei und seiner Menschen. Die Rechnung der Urheber dieses feigen Anschlags darf nicht aufgehen."

phw/AP/Reuters/dpa/AFP

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