Anschlag in Jerusalem Noch eine Attacke und es gibt Krieg

Ein Anschlag in Jerusalem, israelische Angriffe in Gaza: Im Nahen Osten wächst die Gewalt - nachdem zuletzt ein Modus vivendi gefunden worden war. Nun könnten Extremisten die Oberhand gewinnen und die Region in einen neuen Krieg stürzen.

Von Gil Yaron, Jerusalem


Der Anblick der Blutlache, die Mittwochabend neben der Busstation in Jerusalem vom Bürgersteig geschrubbt wurde, machte eine Gruppe israelischer Schaulustiger rasend: "Tod den Arabern!", skandierten die Jugendlichen und forderten von ihrer Regierung "harte Vergeltung" für den Anschlag.

Es war das erste Bombenattentat in Jerusalem seit Jahren. Eine Frau kam bei der Detonation in der Nähe des zentralen Busbahnhofes am Mittwoch ums Leben, mindestens 30 Menschen wurden verletzt, davon drei schwer.

Nur wenige Stunden zuvor waren im Gaza-Streifen acht Menschen beerdigt worden, die am Tag zuvor von israelischen Granaten und Bomben getötet wurden. Vier der Toten waren Zivilisten, die, so Israels Armeesprecher, "bedauerlicherweise" als Kollateralschäden der Eskalation rund um Gaza zum Opfer fielen. Auch hier versprach man Rache - und hielt Wort.

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Explosion in Israel: Dutzende Opfer in Jerusalem
Nach zwei Jahren fast gespenstischer Ruhe dreht sich in Israel und Palästina seit einem Monat wieder die Teufelsspirale des Nahost-Konflikts. Allein in den vergangenen Tagen feuerten Palästinenser mehr als 70 Projektile auf israelische Wohnorte ab, darunter auch Großstädte wie Beer Scheva und Aschdod. Die Israelis bombardieren als Gegenmaßnahme immer häufiger den Gaza-Streifen und töteten in den vergangenen Tagen mehr als ein Dutzend Palästinenser.

Israels Regierung droht den Palästinensern bereits mit einem Einmarsch in den Gaza-Streifen: "Kein Staat wäre bereit, den andauernden Beschuss seiner Städte und Bürger hinzunehmen", sagte Premier Benjamin Netanjahu. Angesichts des zunehmenden Raketenbeschusses aus dem Gaza-Streifen sagte Stellvertreter Silvan Schalom, eine Invasion könne zwingend notwendig werden und erhielt im Kabinett von anderen Ministern Unterstützung. Aber auch die Palästinenser drohten mit weiteren Vergeltungsschlägen.

Doch hinter den Kulissen versuchen beide Seiten zu mäßigen. Denn an einer Eskalation der Lage hat niemand Interesse. Aus der israelischen Armee verlautete, die Hamas wolle zu diesem Zeitpunkt keinen Krieg heraufbeschwören, und in palästinensischen Medien hieß es, Hamas-Premier Ismail Hanija habe deshalb den Führer des Islamischen Dschihad in Damaskus angerufen, eben jener Organisation, die in den vergangenen Tagen für die schweren Angriffe aus Gaza auf Israel verantwortlich war.

Der Konflikt zwischen Hamas und Israel verlief seit Ende des Gaza-Krieges 2009 immer nach dem gleichen Muster: Die Hamas verhinderte zumeist den Beschuss israelischer Wohnorte, und Israel flog Luftangriffe, bei denen selten jemand zu Schaden kam. Fiel wieder eine Rakete auf ein Feld in Israel, bombardierte Israel nachts leere Schmugglertunnel, um niemand von der Hamas zu töten. Nur am Grenzzaun gab es tödliche Schusswechsel: Hier greifen Kämpfer und Soldaten sich ohne Skrupel an, wenn sich die Gelegenheit ergibt.

Eine Einheitsregierung könnte den Extremisten schaden

Doch seit einem Monat hat sich die Lage verändert: Der Islamische Dschihad feuerte zwei Grad-Raketen auf die Stadt Beerscheba. Israel reagierte hart auf diesen Vorstoß, der jäh Hunderttausende seiner Bürger in Reichweite palästinensischer Raketen brachte: Gaza-Stadt wurde bombardiert. Seither versuchen beide Seiten, ihr Abschreckungspotential wiederherzustellen und behaupten, sie reagierten nur auf die Verbrechen der Gegenseite.

Die Zuspitzung der Lage steht womöglich im Zusammenhang mit den Unruhen in der arabischen Welt. In Palästina wächst die Wut über die tiefe Spaltung ihrer Führung: Während Gaza von der Hamas beherrscht wird, regiert die Fatah im Westjordanland. Auf der Straße wächst der Druck, den Bruderzwist zu beenden, um gemeinsam das Ziel eines unabhängigen Staates zu verfolgen. Palästinenserpräsident Mahmud Abbas hatte bereits einen Besuch im Gaza-Streifen angekündigt, um sich mit Hanija auszusöhnen.

Extremisten sehen sich offenbar von solch einem Schulterschluss bedroht, da er ihren Einfluss in Gaza verkleinern würde. Palästinensische Quellen in Ramallah deuteten an, die neuen Attacken seien ein Versuch der Extremisten oder Israels, die Bildung einer Einheitsregierung zu verhindern. Andere meinten, die Hamas wolle mit den Angriffen auf Israel womöglich von den Missständen in Gaza ablenken.

Der Forscher und Oberst a.D. Schaul Arieli, der in Friedensverhandlungen als Berater der israelischen Regierung auftrat, bestätigt diese Auffassung: "Die Hamas will ihre Zügel nicht der Fatah übergeben. Eine Eskalation ist ein guter Weg, um eine Annäherung zu verhindern und bei der eigenen Bevölkerung zu punkten." Arieli erkennt einen weiteren Beweggrund der Hamas: "Es ist ein Versuch, die Aufmerksamkeit der arabischen Welt zu einem kritischen Zeitpunkt zurückzugewinnen", sagt Arieli SPIEGEL ONLINE.

In Israel hält man eine Aussöhnung im palästinensischen Bruderkrieg für unwahrscheinlich. Quellen im Verteidigungsministerium wähnen in den neuen Attacken einen Versuch der Palästinenser, ein neues Gleichgewicht des Schreckens herzustellen und die Regeln in Nahost neu zu verfassen: "Sie wissen, dass Ägypten sich ihnen jetzt nicht mehr in den Weg stellen wird und werden deswegen dreister", so ein Berater des Verteidigungsministers.

Doch viele Experten, wie der palästinensische Journalist Elis Zananiri, sehen die neue Eskalation als Resultat einer Spaltung in der Hamas: "Die politische Führung braucht Ruhe, aber der militärische Arm der Hamas drängt auf Eskalation", sagt er. Der Terrorforscher Ely Karmon vom Internationalen Antiterrorzentrum in Herzliyah glaubt ebenfalls, dass Splittergruppen ein Interesse an Eskalation haben: "Die Hamas profitiert im Augenblick von der Lage in Ägypten, wo ihre Feinde geschwächt wurden, und ist noch an Ruhe interessiert. Der Islamische Dschihad erhält jedoch seine Befehle direkt aus Iran. Und Teheran will, dass es auch in Palästina anfängt zu brennen."

Hamas und Israel sind derzeit zwar bemüht, eine Eskalation der Lage zu verhindern, auch wenn unmittelbar nach dem Anschlag von Jerusalem Terroristen mit einem Gegenschlag gedroht wurde. Doch eine Rakete, die in einem israelischen Wohnhaus einschlägt, oder eine fehlgeleitete israelische Bombe könnte sie in einen Krieg treiben, den beide zu diesem Zeitpunkt nicht wollen.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 89 Beiträge
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Seite 1
pi_nutzer 23.03.2011
1. Die UNO ist in der Pflicht
Zitat von sysopEin Anschlag in Jerusalem, *israelische Angriffe in Gaza: Im Nahen Osten wächst die Gewalt - nachdem zuletzt ein Modus vivendi gefunden worden war. Nun könnten Extremisten die Oberhand gewinnen und die Region in einen neuen Krieg stürzen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,752786,00.html
Die UNO sollte endlich ihre Rolle übernehmen. Als erstes sollte der Weltsicherheitsrat eine Flugverbotszone über Israel und die besetzten Gebiete verhängen und somit die Zivilbevölkerung schützen. Dann müssen alle Parteien an einen Tisch gebracht werden, solange bis alle Probleme endlich gelöst sind.
Dombowski 23.03.2011
2. ....
Da beschweren sich Palästinenser mal wieder darüber das die Israelis bei Luftangriffen tote Zivilisten als Kollotoralschaden in Kauf nehmen. Haben aber dann nichts anderes im Sinn, als bei ihren Terroranschlägen direkt unschuldige Zivilisten ins Visier zu nehmen. Die Palästinenser haben durch ihr Verhalten jedes moralisches Recht verloren, sich über die Israelis - die sich lediglich schützen - zu beschweren.
heinrichp 23.03.2011
3. selbst der Spiegel weiß es nicht.
Zitat von DombowskiDa beschweren sich Palästinenser mal wieder darüber das die Israelis bei Luftangriffen tote Zivilisten als Kollotoralschaden in Kauf nehmen. Haben aber dann nichts anderes im Sinn, als bei ihren Terroranschlägen direkt unschuldige Zivilisten ins Visier zu nehmen. Die Palästinenser haben durch ihr Verhalten jedes moralisches Recht verloren, sich über die Israelis - die sich lediglich schützen - zu beschweren.
Sie urteilen über etwas wovon Sie nichts wissen, selbst der Spiegel weiß es nicht. Wie alles wirklich ist sagt ihnen diese israelische Journalistin, die glaubhafter ist: http://die-welt-der-reichen.over-blog.de/ext/http://zmag.de/autoren/Amira-Hass
pi_nutzer 23.03.2011
4. Die UNO muss handeln
Zitat von DombowskiDa beschweren sich Palästinenser mal wieder darüber das die Israelis bei Luftangriffen tote Zivilisten als Kollotoralschaden in Kauf nehmen. Haben aber dann nichts anderes im Sinn, als bei ihren Terroranschlägen direkt unschuldige Zivilisten ins Visier zu nehmen. Die Palästinenser haben durch ihr Verhalten jedes moralisches Recht verloren, sich über die Israelis - die sich lediglich schützen - zu beschweren.
Es geht nicht um "moralisches Recht". Die Palästinenser fühlen die Moral an ihrer Seite, weil sie ihr Land zum Leben nicht mehr haben, die Israelis weil sie sich bedroht fühlen. Die Israelis fühlen "moralisch" es wäre ihr Land und besiedeln es und die Palästinenser fühlen "moralisch" weil ihnen ihr Land weggenommen wird. Die UNO ist in der Pflicht, es wird nicht anders gehen, die UNO muss eine Lösung finden die allen gerecht wird. Libyen zeigt wie die UNO handeln kann. Als erstes Durchsetzen einer Flugverbotszone und dann die Parteien an einen Tisch!
deb2006, 23.03.2011
5. .
Zitat von sysopEin Anschlag in Jerusalem, *israelische Angriffe in Gaza: Im Nahen Osten wächst die Gewalt - nachdem zuletzt ein Modus vivendi gefunden worden war. Nun könnten Extremisten die Oberhand gewinnen und die Region in einen neuen Krieg stürzen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,752786,00.html
So lange es die Hamas gibt, so lange wird es auch keinen Frieden geben. Ich sehe auch niemanden auf Seiten der Hamas, der das durchbrechen könnte. Mit Abbas könnte man vielleicht einen Frieden aushandeln, auch mit Netanjahu - nicht aber mit der Hamas. Von daher muss die Führungsrolle erst zwischen den Palästinensern ausgefochten werden. Vorher haben Friedensgespräche eh keinen Sinn. Wenn sich dann Hamas durchsetzt, soll man halt mittels Mauer Israel und Palästina trennen. Vielleicht kann man diese Mauer, die ja z.T., schon existiert, dann nach 40 Jahren wieder abreißen.
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