Anschlag in Kabul Tod im Feuerball

Der Weg zum Schießstand im Osten Kabuls war für die Personenschützer des deutschen Botschafters Routine. Doch an diesem Morgen zerriss eine ferngezündete Panzermine eines der Fahrzeuge - drei Polizisten starben, und alles sieht nach einem gezielten Anschlag auf die Deutschen aus.

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Berlin – Die steinige Sandpiste neben der Dschalabad-Road im Osten Kabuls ist das letzte kleine Stück auf dem Weg, den zwei weiße Geländewagen der deutschen Botschaft am Mittwochmorgen zurücklegen mussten. Gleich hinter einem Berg liegt eine Schießanlage, eine alte Einrichtung aus den Zeiten der Sowjets. Dort wollten die Personenschützer der deutschen Botschaft gemeinsam mit anderen Sicherheitsleuten an der Waffe trainieren. Den Weg kannten die Männer gut. Alle zwei Wochen fahren sie zum Training. Die Anlage ist in Kabul in der Szene des Schutzpersonals eine feste Einrichtung. Die Fahrt ist Routine.

Es war gegen 9.15 Uhr Ortszeit, als eine heftige Detonation in ganz Kabul zu hören war. Am Rand der kleinen Sandpiste war gleich neben einem Mercedes der Botschaft ein Sprengsatz detoniert. Die Wucht der Explosion riss den Wagen um - er war zwar geschützt, aber nicht komplett gepanzert. Der Motor wurde zerfetzt. Durch das Bodenblech flogen Splitter, quer durch den Fahrgastraum, ein Feuerball raste durch das Fahrzeug. Von den vier Insassen starben drei sofort.

Unter den Toten ist der Leiter und ein Mitglied des Personenschutzkommandos, beide Angehörige des Bundeskriminalamtes. Das dritte Opfer war ein Mitglied der Bundespolizei, der beim Haussicherungsdienst der Botschaft tätig war. Der verletzte Beamte habe ebenfalls dem Botschaftsschutzkommando angehört. Er werde derzeit von der Bundeswehr im Isaf-Lager Camp Warehouse in Kabul behandelt. Er ist nicht mehr in Gefahr.

Der baden-württembergische Innenminister Heribert Rech (CDU) teilte in Stuttgart mit, ein 39-jähriger Polizeiobermeister vom Polizeipräsidium Karlsruhe sei unter den Toten. Er sei an das Bundeskriminalamt abgeordnet gewesen.

Schockstarre in der deutschen Botschaft

In der deutschen Botschaft, hinter den hohen Steinmauern um die Vertretung im Zentrum Kabuls, herrscht Schockstarre. Jeder dort kannte die kräftigen Männer mit den kurzen Haaren, die tagsüber die Schleuse am Eingang zum Botschaftsgebäude bewachen und den Botschafter auf alle Außentermine begleiten. Mit Pistolen in schwarzen Holstern an ihren Hosen, außerhalb der Botschaft zusätzlich mit Sturmgewehr und schusssicherer Weste ausgerüstet, sorgen sie für Sicherheit. Täglich checken sie die Routen und planen für den Ernstfall. Wenn der Botschafter die Vertretung verlässt, fahren immer zwei Jeeps mit ihm.

Jeder in der Botschaft vertraute den Experten, allen voran der Botschafter selber. Professionell waren sie, keine Rambos oder markige Abenteurer. Für Gäste, selbst für bei BKA-Leuten nicht zwingend beliebte Journalisten, hatten die Männer in den vergangenen Wochen immer noch ein Lächeln auf den Lippen, schwatzten sogar ein bisschen über das Leben in Kabul. Gefahr gehörte zu ihrem Leben immer dazu, doch sie waren keine Raubeine, wie man sie aus US-Filmen kennt. Nun sind sie Opfer des Terrors geworden – die ersten deutschen Polizisten, die am Hindukusch ums Leben kamen.

Der verheerende Anschlag vom Mittwoch bestätigt die Befürchtungen, die viele in Kabul seit Wochen hatten. Immer wieder hatten verschiedene Botschaften vor möglichen Anschlägen auf Ausländer gewarnt, besonders auf gekennzeichnete Fahrzeuge. Immer wieder gab es auch Gerüchte, dass Terroristen trotz vieler Check-Points an allen Einfallstraßen große Mengen Sprengstoff in die afghanische Hauptstadt geschmuggelt hätten. Doch an solche Gerüchte, denen zufolge Ziel möglicher Anschläge die Friedens-Jirga von Hunderten Stammesfürsten ist, hat man sich in Kabul bereits gewöhnt. Die Gefahr, sie gehört ebenfalls zur Routine.

Gerade die Dschalalabad-Road, eine teils asphaltierte Ausfallstraße in Richtung Osten, gilt als ideales Ziel für Anschläge. Hier müssen fast alle Militärkonvois durch. Als die Deutschen noch massiv in Kabul stationiert waren, lag das Bundeswehrlager "Camp Warehouse" auch an dieser Straße. In dem chaotischen Gemisch aus Lastern, Taxis, Eselskarren und Fahrrädern können Attentäter leicht zuschlagen. Mittlerweile halten sich die Taxifahrer schon von solchen Konvois fern, sie haben Angst. Bisher aber hatten sich die aktuellen Warnungen nicht bewahrheitet – bis zum Mittwochmorgen.

Ermittlungsverfahren gegen Unbekannt

Wer hinter dem Anschlag steckt, ist noch unklar. Umgehend und routiniert meldeten sich die üblichen und notorischen Taliban-Sprecher bei den Nachrichtenagenturen und reklamierten die Attacke für sich. Details jedoch konnten sie nicht nennen. Niemand weiß bisher, ob die Gotteskrieger wirklich hinter der Attacke stehen. Wahrscheinlich ist aber, dass der Anschlag konkret den Deutschen galt. Vermutlich, so die erste Arbeitsthese der Ermittler, hatte man die Route und das Timing der Botschaftswagen ausspioniert. Dass sie am Ende der Strecke über die Sandpiste musste, war klar. Damit boten sie sich als ideales Ziel.

Nach den ersten Erkenntnissen handelte es sich bei dem Sprengsatz um eine umgebaute Panzermine, die ferngezündet wurde. Auch dieses Detail spricht dafür, dass die Attentäter die Autos beobachteten und dann die Bombe zündeten. Die leichte Panzerung des Fahrzeugs, die gegen Beschuss und leichte Granaten schützt, hält einer solchen Sprengmine nicht stand -selbst Bundeswehrfahrzeuge sind gegen diese Sprengsätze nicht gewappnet. Einzig die panzerähnlichen Dingos bieten Schutz vor solchen Bomben.

Seit diese Form des ferngezündeten Terrors Einzug gehalten hat, haben viele Botschaften ihre Fahrzeuge mit sogenannten "Jammern" ("Störern") ausgerüstet, die alle Funkverbindungen im Umkreis der Fahrzeuge stören und so den Zündmechanismus von Bomben kappen sollen. Die deutschen Jeeps aber waren nicht mit solchen Geräten ausgestattet. Einfache Formen der Störgeräte sind schon für ein paar tausend Dollar zu erhalten, hochtechnisierte Varianten kosten bis zu 400.000 Dollar. Eine Garantie gegen ferngezündete Bomben liefert keines der Geräte, es ist nur ein Schutz.

Die Suche nach den Tätern begann in Kabul unmittelbar nach dem Anschlag. In Deutschland eröffnete der Generalbundesanwalt ein Ermittlungsverfahren gegen Unbekannt. Experten des BKA machten sich auf den Weg nach Afghanistan, um den Mord an ihren Kollegen aufzuklären. Zuerst wurden am Tatort die Spuren gesichert und die Teile des Sprengsatzes aufgelesen.

In der Botschaft in Kabul bemüht man sich nach dem Schock vom Morgen um Ruhe, soweit das überhaupt geht. Die Sicherheitsvorkehrungen sind so oder so schon auf einem sehr hohen Level. Niemand darf die Botschaft ohne Schutz verlassen. Außerdem muss die Arbeit weitergehen. Einigeln können sich die Diplomaten gar nicht: Jeden Tag muss der Botschafter zu Gesprächen über die Geiselnahme des Deutschen Rudolf B. raus aus der Vertretung, ebenso die Experten aus dem Krisenstab. Natürlich werde man jetzt vor jeder Fahrt genau überlegen und sich bestmöglich schützen, heißt es aus der Vetretung.

"Doch die Angst ist jetzt bei jeder noch so kleinen Fahrt dabei", sagt ein Mitarbeiter.

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