Anschlag in Kunduz TV-Sender dementiert Terror-Tipp der Taliban

Wussten afghanische TV-Reporter vorab von dem Anschlag auf deutsche Soldaten? Laut "Bild"-Zeitung soll der Sender Ariana TV über die Attacke informiert gewesen sein. Sender und Reporter widersprechen vehement. Auch die Bundeswehr hat keine Hinweise auf den Terror-Tipp.

Aus Kunduz berichtet


Kunduz - "Terroristen bestellten Kameras zum Attentats-Ort": Unter dieser Überschrift berichtet "Bild" heute, dass beim afghanische TV-Sender Ariana 30 Minuten vor dem Selbstmordanschlag von Kunduz ein Hinweis einging. "Unser Korrespondent hat vorab einen anonymen Tipp bekommen, dass dort auf dem Basar etwas passiert", zitiert das Blatt Abdul Qadir Merzai, den Nachrichtenchef des Senders. Bei dem Attentat am Samstag wurden auf dem Marktplatz der nordafghanischen Stadt drei Bundeswehrsoldaten getötet.

Afghanische Polizisten am Anschlagsort: Unspezifische Warnungen, aber kein Tipp an TV-Sender
AP

Afghanische Polizisten am Anschlagsort: Unspezifische Warnungen, aber kein Tipp an TV-Sender

Die Meldung löst einigen Wirbel aus: Hatten sich Journalisten instrumentalisieren lassen, um den Terroristen das Filmen der Opfer abzunehmen? Ein schwerer Vorwurf.

Nachrichtenchef Merzai kann sich überhaupt nicht erklären, wie dieses Zitat von ihm in die Zeitung gelangte: "Das ist alles nicht richtig", sagte er heute SPIEGEL ONLINE. Es habe keinen Tipp gegeben. "Niemand in Afghanistan kündigt seine Anschläge an", sagte er. Er habe zwar am Sonntag mit einem deutschen Medium gesprochen, das um Informationen über den Anschlag gebeten habe, aber mit Sicherheit habe er dabei nichts von einem Tipp gesagt. Ein Mitverfasser der "Bild"-Geschichte, mit dem SPIEGEL ONLINE heute sprach, wollte sich nicht zu Merzais Widerspruch äußern.

Auch der lokale Korrespondent des Senders in Kunduz sagte SPIEGEL ONLINE, er habe keinen Hinweis erhalten. Er sei lediglich, als er die Explosion gehört habe, zum Tatort geeilt. Wegen der Rauchsäule sei der auch ohne Probleme zu finden gewesen. Wenige Minuten nach der Detonation sei er vor Ort gewesen und habe zu drehen begonnen.

Ein Sprecher der Bundeswehr in Kunduz sagte, man wisse ebenfalls nichts über einen angeblichen Tipp, das über Gerüchte aus der Presse hinausgehe. Aus dem Umfeld afghanischer Sicherheitsbehörden habe es aber in den letzten Wochen immer wieder unspezifische Warnungen gegeben.

Am Nachmittag erklärte die "Bild"-Zeitung auf Anfrage, sie halte an ihrer Berichterstattung fest. Der Nachrichtenchef des TV-Senders habe am am Sonntag Nachmittag auf Nachfrage einem Redakteur telefonisch bestätigt, dass der Korrespondent von "Ariana Television" in Kundus einen Tipp erhalten habe, wonach "auf dem Basar etwas passiert". So habe er unmittelbar nach dem Anschlag auf die Bundeswehr-Soldaten die Film-Aufnahmen machen können.

Ausweislich der Website ist Ariana ein privater Sender, der in Kabul im Sommer 2005 von Ehsan Bayat gegründet wurde. Bayat unterhält auch eine wohltätige Stiftung in Afghanistan und ist Vorsitzender von "Afghan Wireless", einer Mobilfunkfirma. Nach Angaben auf der Website der Firma wurde Bayat 1963 in Kabul geboren, ging 1980 in die USA und kehrte 2001 zurück.

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