Unruhen in arabischen Ländern: Wer steckt hinter dem Mohammed-Film?

Von , New York

Gewaltexzesse in Ägypten, Libyen und jetzt auch im Jemen: Ein angeblich in den USA produzierter ketzerischer Mohammed-Film sorgt für wütende Proteste in arabischen Ländern. Doch der Ursprung des umstrittenen Streifens und sein genauer Inhalt geben Rätsel auf.

Anschlag auf US-Botschaft in Bengasi: Rätsel um Urheber des Mohammed-Films Zur Großansicht
REUTERS

Anschlag auf US-Botschaft in Bengasi: Rätsel um Urheber des Mohammed-Films

Wer ist Sam Bacile? Diese Frage beschäftigt gerade nicht nur die US-Medien. Der Amerikaner soll Urheber des umstrittenen Mohammed-Amateurfilms sein, der jetzt für Krawalle in arabischen Ländern sorgt. Doch je intensiver man die Hintergründe aufzuklären versucht, desto mysteriöser scheinen diese zu werden.

Erste Ausschnitte des laienhaft produzierten Streifens - zwei fast identische, 13-minütige Clips, in denen über den Propheten Mohammed gelästert wird - erschienen bereits im Juli auf YouTube, erregten da aber kaum Beachtung. Am Dienstag voriger Woche kam die arabisch synchronisierte Fassung eines der Clips hinzu, auf demselben YouTube-Kanal. Erst die sorgte für Furore - erst in Ägypten, dann in Libyen und am Donnerstag dann auch im Jemen.

Experten vermuten inzwischen zwar, dass es sich in Libyen bei dem tödlichen Angriff auf das US-Konsulat in Bengasi nicht um außer Kontrolle geratene Demonstrationen handelte, sondern um eine zuvor geplante Attacke von Qaida-Sympathisanten. Doch auch diese hätten die Proteste gegen den Film als Deckung genutzt.

Die Herkunft der Aufnahmen bleibt ebenso dubios wie sein voller Inhalt, den bisher noch keiner gesehen haben will. Der YouTube-Kanal, auf dem die drei Filmschnipsel auftauchten, ist auf den Namen Sam Bacile angemeldet. Wer sich aber genau dahinter verbirgt, ist weiterhin unklar.

Die US-Nachrichtenagentur AP und das "Wall Street Journal" ("WSJ") veröffentlichten fast identische Interviews mit einem Sam Bacile. Dabei handele es sich um einen "kalifornischen Immobilienentwickler, der sich als israelischer Jude identifiziert". Doch schon beim Alter gibt es Zweifel: AP zufolge ist Bacile 56 Jahre alt, das "WSJ" dagegen erklärt ihn für 52-jährig.

"Keiner weiß, wer er ist"

Eine Internet-Suche nach Sam Bacile im Telefonverzeichnis für Kalifornien ergibt keine Treffer. Auch das Firmenverzeichnis hilft nicht weiter. AP und das "WSJ" berichteten, in Israel sei niemand auf den Namen als Staatsbürger gemeldet. "Keiner weiß, wer er ist", sagte Yigal Palmor, der Sprecher des Außenministeriums in Tel Aviv, der "New York Times". Israels TV-Sender Channel 10 berichtete, Sam Bacile sei ein Pseudonym für eine Gruppe von Ex-Muslimen, die zum Christentum konvertiert seien.

Auch das "Wall Street Journal" kam nicht weiter, als es Bacile für Nachfragen erreichen wollte: Unter seiner Telefonnummer habe es plötzlich keinen Anschluss mehr gegeben. AP zitierte Steve Klein, einen "Berater" des Films: Bacile sei aus Angst um seine Familie abgetaucht, die in Ägypten lebe. Er habe ihn gewarnt: "Du wirst der nächste Theo van Gogh." Der islamkritische Filmemacher aus den Niederlanden wurde 2004 in Amsterdam von einem Islamisten auf offener Straße ermordet.

Der Autor Jeffrey Goldberg vom Magazin "Atlantic" ergänzte das Geheimnis am Mittwoch noch um eine weitere Volte: Ihm habe selbiger Klein versichert, Bacile sei "gar kein Israeli und höchstwahrscheinlich auch nicht jüdisch".

Hinzu kommt: Keiner scheint den angeblich zweistündigen Film "Innocence of Muslims" bisher tatsächlich gesehen zu haben. Er sei erst ein einziges Mal öffentlich gezeigt worden, behauptete Bacile in den Interviews - und zwar in einem weitgehend leeren Kino in Hollywood.

Bacile will den Film den Angaben zufolge selbst geschrieben und dabei Regie geführt haben. Bei dreimonatigen Dreharbeiten in Kalifornien habe er voriges Jahr rund 60 Schauspieler und 45 Crewmitglieder eingesetzt. Finanziert habe er den Film mit fünf Millionen Dollar, die er von rund hundert jüdischen Spendern gesammelt habe - eine unbelegte Aussage, die einige Twitter-Kommentatoren kritisierten, weil sie offenbar nur "antisemitische Stereotypen schüren" solle.

Stümperhafte Clips mit hölzernen Dialogen

Die Clips lassen den finanziellen Aufwand sowieso nicht erkennen. Sie sind stümperhaft: Amateurschauspieler in billigen Kulissen geben hölzerne Dialoge von sich, die immer wieder auf Beleidigungen des Propheten hinauslaufen. Einige der schärfsten Dialoge stimmen mit den Mundbewegungen nicht überein - sie wurden ganz offensichtlich nachträglich synchronisiert.

Auch die beteiligten Schauspieler haben sich von dem Film distanziert. Sie seien "extrem bestürzt" und fühlten sich "ausgenutzt", schrieben sie in einer gemeinsamen Erklärung an CNN: "Wir stehen 100-prozentig nicht hinter diesem Film und wurden über seine Absicht schwer getäuscht." Die meisten Dialoge seien später "drastisch umgeschrieben" worden.

In einem Casting-Aufruf im Fachblatt "Backstage" wurde der Film im Juli 2011 als "historischer Abenteuerfilm in der arabischen Wüste" porträtiert. Titel: "Desert Warrior." Als Produzent war ein "Sam Bassiel" genannt, als Regisseur "Alan Roberts". Bei den annoncierten Rollen war von Mohammed keine Rede.

An der Weiterverbreitung des Films beteiligten sich zuletzt trotzdem noch weitere Personen. Darunter befindet sich auch der radikale US-Prediger Terry Jones aus Florida. Jones hatte schon 2010 mit einer Koranverbrennung tödliche Unruhen in Afghanistan provoziert.

Jones, 59, präsentierte die Filmclips am Dienstag seiner kleinen Gemeinde im Ort Gainesville. Der Zeitpunkt war kein Zufall - der Jahrestag der 9/11-Anschläge, von Jones zum "Internationalen Tag der Richtung Mohammeds" ernannt. Am selben Tag stellte er ein Foto der brennenden New Yorker Twin Towers auf seine Website: "9/11-Terror, präsentiert vom Propheten Mohammed."

"Die destruktive Ideologie des Islams zeigen"

Der Film wolle "die destruktive Ideologie des Islams zeigen", erklärte Jones. Die Proteste bestätigten, dass der Islam "mit der freien Gesellschaft des Westens total unvereinbar" sei. General Martin Dempsey, der US-Generalstabschef, bat Jones am Mittwoch telefonisch, den Film nicht weiter zu propagieren. Jones habe aber "unverbindlich" reagiert, hieß es in US-Regierungskreisen.

Jones' Fundamentalistenkirche hat kaum mehr als 30 aktive Mitglieder. Doch der Ex-Hotelmanager sorgte schon oft für Aufruhr, auch in Deutschland. In den achtziger Jahren gründete er die charismatisch-evangelikale Christliche Gemeinde Köln. Die führte er, bis ihn 2009 deren Mitglieder rauswarfen. Dieses Jahr ernannte er sich auch zum unabhängigen US-Präsidentschaftskandidaten.

Jones zeigt sich auf Fotos mitunter auch mit Morris Sadek, einem US-ägyptischen Kopten, der ebenfalls als antiislamischer Provokateur aufgefallen ist. Sadek sorgte dafür, dass der Bacile-Film auch in der arabischen Welt bekannt wurde: Vorige Woche verwies er in seinem arabischen Blog, seinem Twitter-Profil und seinem englischen Newsletter auf den Film sowie auf die Vorstellung in Jones' Gemeinde.

Bis zum späten Mittwochabend wurden die aufhetzerischen Filmclips auf YouTube fast 500.000-mal angeklickt. YouTube hat sie in Ägypten und Libyen inzwischen aber blockiert. "Was in einem Land okay ist", erklärte der Videodienst, "kann woanders beleidigend sein."

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1.
Hesekiel 13.09.2012
Zitat von sysopREUTERSGewaltexzesse in Ägypten, Libyen und jetzt auch im Jemen: Ein angeblich in den USA produzierter ketzerische Mohammed-Film sorgt für wütende Proteste in arabischen Ländern. Doch sowohl der Ursprung des umstrittenen Streifens als auch sein exakter Inhalt geben Rätsel auf. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,855544,00.html
Dass der Clipmacher anonym bleibt solange er kann ist nur logisch, die Vergangenheit hat gezeigt was diesen Personen blüht, sollte der Islam-Mob die Adresse rausfinden..
2. Brandstifter
ChrisQa 13.09.2012
Und wieder nehmen religöse Spinner Unbeteiligte in Geiselhaft. Was kann ein US-Diplomat für das Machwerk eines Islamhassers, was kann ein libyscher Normalbürger für den wortwörtlich brennenden Fanatismus von Islamisten? Religon ist nichts anderes als in fromme Sprüche gekleidete Machtpolitik, egal wie man seine Götzen nennt.
3. al kaida
fettwebel 13.09.2012
kommt mir vor wie eine Schachtel Zündhölzer, von der man nach Belieben Gebrauch macht.
4. Existiert dieses Video überhaupt?
teredonavalis 13.09.2012
Zitat von sysopREUTERSGewaltexzesse in Ägypten, Libyen und jetzt auch im Jemen: Ein angeblich in den USA produzierter ketzerische Mohammed-Film sorgt für wütende Proteste in arabischen Ländern. Doch sowohl der Ursprung des umstrittenen Streifens als auch sein exakter Inhalt geben Rätsel auf. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,855544,00.html
Existiert dieses Video überhaupt? Ich habe stundenlang im Internet recherchiert. *Keine Spur*, weder vom vermeintlichen Video noch vom vermeintlichen Produzenten Sam Bacile. Kann es sein, dass islamische Fundamentalisten sich entschieden haben, Gewalt ohne sichtlichen Grund anzuwenden? Wenn es in der Tat kein Video gibt, warum sollen sie denn töten?
5. Kein Titel
amuseemanc 13.09.2012
Zitat von sysopREUTERSGewaltexzesse in Ägypten, Libyen und jetzt auch im Jemen: Ein angeblich in den USA produzierter ketzerische Mohammed-Film sorgt für wütende Proteste in arabischen Ländern. Doch sowohl der Ursprung des umstrittenen Streifens als auch sein exakter Inhalt geben Rätsel auf. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,855544,00.html
Bie solchen Rätseln hilft es immer danach zu fragen: - Wem nützt es? - Wer profitiert davon? - Wem oder was schadet es?
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Wut über US-Film: Gewalt in Kairo und Bengasi

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