London nach dem Anschlag "Wir können die nicht gewinnen lassen"

Am Morgen nach dem Anschlag mit vier Toten steht London noch unter Schock, über Westminster liegt eine gespenstische Stille. Doch das Attentat im Regierungsviertel weckt bei vielen Briten auch Kampfgeist.

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Aus London berichtet


Der schnelle Überblick

Die Londoner werden aufstehen, hatte Theresa May gesagt. Sie werden ihren Tag wie immer verbringen. Es sollten aufmunternde Worte der Premierministerin sein. Doch so einfach ist das nicht. Am Morgen nach dem Anschlag im Zentrum der britischen Hauptstadt ist vieles nicht so wie immer.

Normalerweise tobt rund um das Parlament in Westminster schon früh das Leben, Geschäftsleute, Touristen, Politiker, Journalisten drängen sich über die Bürgersteige. So war es bis Mittwoch, 14.20 Uhr. Dann überfuhr ein Attentäter im Schatten des Big Ben mit einem Hyundai-Geländewagen mehrere Menschen. Er stieg aus, stürmte auf das Parlamentsgebäude zu, erstach einen Polizisten, bevor er selbst erschossen wurde. Stille.

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Auch am Morgen danach, als die Stadt an diesem kalt-grauen Märzmorgen wieder zum Leben erwacht, ist die Gegend um das Parlament weiträumig abgesperrt. Rot-weiße Plastikbänder flattern über Straßen, die sonst voller Autos sind, an der Westminster Abbey, am Trafalgar Square. Polizisten stehen in ihren gelben Neonjacken Wache, die Gesichter in ihre Kragen gedrückt. Wie lange das noch so gehen soll? Einer der Beamten zuckt mit den Schultern: "Ein Tag, eine Woche ..."

Etwa hundert Meter hinter ihm liegt die U-Bahn-Station Westminster, die an anderen Tagen im Minutentakt Hunderte Menschen auf die Straße spuckt. Direkt gegenüber endete die Horrorfahrt des Attentäters am Parlamentszaun. Jetzt ist die Haltestelle nur für Umsteiger geöffnet. Niemand kommt hier raus oder rein. Stattdessen blinkt ein Blaulicht von einem roten Feuerwehrfahrzeug.

Schweigende Passanten

"Wie eine Geisterstadt", murmelt eine kleine, rundliche Frau, ihre Handtasche geschultert, und blickt sich etwas unsicher um. Am Himmel rattert leise ein Helikopter. Hubschrauber und Sirenen - das ist jetzt der Sound Londons, der das morgendliche Schweigen der Passanten durchbricht.

Vier Menschen starben am Mittwoch, 29 sind verletzt, teilweise schwer. Die Attacke trifft die Briten ins Mark. Der Täter hatte sich einen Ort ausgesucht, an dem viel vom Londoner Selbstverständnis zusammenkommt: Die Modernität, die Offenheit der Weltstadt, die Freiheit des liberalen Staats: "Ein Anschlag auf die Demokratie", titeln mehrere britische Zeitungen. Es war das erste schwere Attentat im Vereinigten Königreich seit den verheerenden Bombenattacken im Jahr 2005. Und es war der Jahrestag der Anschläge in Brüssel. Zufall? Wohl kaum.

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Noch in der Nacht hielt der Sicherheitsstab mit Premier May eine Krisensitzung ab, Scotland Yard und der Inlandsgeheimdienst MI5 nahmen umfassende Ermittlungen auf. Bereits am Abend hieß es, die Ermittler gingen von einem Einzeltäter aus, der Mann sei den Behörden bekannt, seine Tat von der Terrororganisation "Islamischer Staat" (IS) inspiriert. Der Angriff wirkte fast wie eine Kopie der Anschläge von Nizza und Berlin, als ebenfalls Attentäter mit Fahrzeugen in Menschenmengen rasten.

Täter war britischer Staatsbürger

Am Donnerstag dann melden die Ermittler erste Fortschritte: Bei Razzien seien sechs Adressen durchsucht und sieben Personen festgenommen worden, in London - aber auch in Birmingham. Laut Medienberichten soll dort auch das Tatfahrzeug gemietet worden sein. Premierministerin Theresa May gibt bekannt, der Täter sei in Großbritannien geboren worden.

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Attacke im Herzen Londons: Die Welt trauert mit Großbritannien

Wie geht es jetzt weiter? Kurz nach dem Anschlag hatten sich Politiker in London betont kämpferisch gezeigt: Theresa May nannte den Anschlag "krank und verkommen", Bürgermeister Sadiq Khan sagte: "London ist die großartigste Stadt der Welt, und wir stehen zusammen im Angesicht derer, die uns schaden und unsere Art zu leben zerstören wollen." Und: "Londoner werden niemals von Terrorismus eingeschüchtert sein."

Schock und Mut zugleich - kann das gehen? Immerhin: Die Menschen bemühen sich um Normalität, so gut es geht. Sie joggen durch den St. James' Park, stehen für Kaffee an, eilen in ihre Büros. In einem kleinen Snackladen vielleicht 300 Meter vom Tatort entfernt steht der Inhaber und brät Frühstücksspeck. "Wenn ich ehrlich bin", sagt er, "etwas mache ich mir schon Sorgen. Aber klar, wir müssen weitermachen."

In Krisensituationen können Gesellschaften auch zusammenrücken. Schnell macht auf Twitter ein Hashtag die Runde. "WeAreNotAfraid" heißt er - wir haben keine Angst. Am Abend soll es am Trafalgar Square eine Mahnwache mit Kerzen geben.

Caroline, 23, dunkelgrüner Mantel, wirft einen Blick auf das Parlament. Sie arbeite bei einer Wohltätigkeitsorganisationen nur zwei Straßen abseits, sagt sie. "Ich war in einer Konferenz, als plötzlich die Sirenen losgingen, natürlich war das angsteinflößend." Es sei wichtig zu akzeptieren, dass etwas Schlimmes passiert ist, sagt die junge Frau. Doch das Leben müsse weitergehen - trotz Terrorgefahr. "Wir können die doch nicht gewinnen lassen."

Video: Augenzeugen schildern Anschlag

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