Anschlag in Marokko: Tod am Platz der Gaukler

Von Yassin Musharbash

Bei einer Explosion in der Touristenmetropole Marrakesch sind mehr als ein Dutzend Menschen gestorben, darunter wohl auch Urlauber - laut den Behörden handelt es sich um einen Terroranschlag. Der Verdacht fällt auf die Qaida-Filiale in Nordafrika. Ein solches Attentat würde ins Schema passen.

REUTERS

Berlin/Rabat - Das Restaurant und Kaffeehaus "Argana" ist ein Touristenmagnet in der malerischen Wüstenstadt Marrakesch. Von der Restaurantterrasse bietet sich ein spektakulärer Blick über den "Platz der Gaukler", Dschamaa el-Fna, am Basarviertel. Das von historischen Bauten umgebene Gelände ist als Unesco-Welterbe geschützt.

Genau hier schlugen die Terroristen zu, nach Angaben des Innenministeriums brachten sie eine Bombe zur Detonation. Mindestens 15 Menschen kamen ums Leben, 20 weitere wurden verletzt. Bei zehn Todesopfern soll es sich um Ausländer handeln, womöglich Urlauber. Sechs der Toten seien Franzosen, berichtete das staatliche Fernsehen am Abend.

Augenzeugen berichten von einer panischen Menschenmenge, es seien Trümmerteile von dem Gebäude auf den Platz gestürzt. Noch in zwei Kilometern Entfernung soll die Explosion zu hören gewesen sein.

Die Bombenattacke ist der erste spektakuläre Anschlag in Marokko seit einer Serie von Selbstmordanschlägen, die im Jahr 2003 die Hafenstadt Casablanca erschütterten. Damals starben bei Attacken auf westliche und jüdische Einrichtungen 45 Menschen, darunter zwölf Selbstmordattentäter.

Auf dschihadistischen Internetseiten gehen Terrorsympathisanten ebenfalls davon aus, dass es sich um einen Anschlag handelt. "Lass Juden und Soldaten der Unterdrücker unter den Opfern sein", schrieb ein Nutzer. Andere äußerten sich ähnlich.

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Marokko: Viele Menschen sterben bei Explosion in Café
Der Verdacht dürfte nun auf die Qaida-Filiale in Nordafrika (AQIM, al-Qaida im Islamischen Maghreb) fallen. Die Dependance von Bin Ladens Terrornetzwerk hat ihr Zentrum zwar in Algerien und dem nördlichen Mali, verfügt aber auch über marokkanische Kader und hat in der Vergangenheit mehrfach Anschläge in Nordafrika verübt, die Touristen oder westliche Institutionen und Einrichtungen zum Ziel hatten. Das könnte auch den Ort der Explosion erklären, einen zu jeder Jahres- und Tageszeit von Touristen besuchten, belebten Platz in Marrakesch.

Allerdings kann auch nicht ausgeschlossen werden, dass eine lokale Terrorgruppe unabhängig von al-Qaida die Tat geplant und ausgeführt hat. Einige solcher Gruppen existieren und haben in der Vergangenheit Anschläge ausgeübt. Darauf weist auch der Terror-Analyst und AQIM-Beobachter Andrew Lebovich hin: Während der Anschlag zwar ins Schema von al-Qaida passe, dürfe man zugleich nicht außer Acht lassen, dass es militante marokkanische Gruppen ohne Bezug zu dem Netzwerk gebe. Für eine Festlegung auf AQIM sei es daher Mangels harter Hinweise und Indizien noch zu früh.

Die nordafrikanische Qaida-Filiale ging 2006 aus der algerischen Terrorgruppe GSPC hervor und hat ihre Aktivitäten in den vergangenen Monaten immer weiter in die Länder der Sahelzone ausgeweitet. Aber in den Verlautbarungen betont die Führungsspitze zugleich, dass auch der Westen, seine Bürger und seine Interessen für sie Hauptziele darstellen. Erst vor wenigen Tagen veröffentlichte AQIM ein Video, in dem die Terroristen französische Geiseln vorführten. In den vergangenen Jahren dürfte AQIM, so schätzen Analysten, Millionenbeträge in zweistelliger Höhe durch Lösegeldzahlungen kassiert haben. Im Jahr 2009 ermordeten AQIM-Kader allerdings auch eine britische Geisel. Im August desselben Jahres griff die Gruppe die französische Botschaft in Mauretanien an.

Terrorgruppe will Errichtung eines Gottesstaates

Seit 2007 hat die Gruppe mehrfach Selbstmordattentäter eingesetzt, unter anderem bei Angriffen auf algerische staatliche Einrichtungen, die zum Teil Dutzende Tote forderten. In Marokko kam es immer wieder zu Festnahmen mehrerer mutmaßlicher Mitglieder. Im vergangenen Juli griffen französische und mauretanische Sondereinheiten gemeinsam einen Qaida-Stützpunkt an. Die Operation, hieß es damals, könnte Anschlagsplanungen der Gruppe zunichtegemacht haben.

Al-Qaida im Islamischen Maghreb hat sich die Errichtung eines Gottesstaates auf die Fahnen geschrieben, aber auch die "Wiedereroberung" der ehemals muslimischen Gebiete in Spanien und Portugal. Eine besondere Feindschaft hegt die Organisation gegenüber Frankreich - mehrmals attackierte sie das Land und den Präsidenten Nicolas Sarkozy wegen integrationspolitischer Fragen und des Burka-Verbots in dem Land.

Uneins sind sich Experten darüber, wie eng die Beziehungen zur Qaida-Führung um Osama Bin Laden und Aiman al-Sawahiri sind. Vor einigen Wochen erklärte AQIM, Frankreichs Regierung müsse über die Freilassung der französischen Geiseln direkt mit Bin Laden verhandeln. Das war offensichtlich ein Versuch, Paris in Verlegenheit zu bringen - zugleich aber ein Signal der engen Verbundenheit zur Qaida-Zentrale. Andererseits hat die Qaida-Spitze deutlich signalisiert, dass sie hofft, AQIM möge in Europa einen spektakulären Anschlag ausüben. Dazu ist es bislang nicht gekommen - entweder weil AQIM die Kapazitäten fehlen oder weil die Gruppe aus taktischen Erwägungen ihr angestammtes Operationsgebiet nicht verlassen möchte.

Die Taktik: Ausländer töten, Polizei vorführen, Tourismusbranche schädigen

Anschläge auf Touristen sind seit jeher ein Kennzeichen von Qaida-Terroristen, denn sie erfüllen drei Ziele zugleich: Sie töten Menschen aus dem Westen, führen die Sicherheitsbehörden des betroffenen Landes vor und schaden dem Fremdenverkehr und damit indirekt den "gottlosen" Regimen.

Die Explosion in Marrakesch würde diese Ziele ebenfalls erfüllen. Marokko ist eines der ruhigsten und stabilsten Länder der arabischen Region und zuletzt nicht nur vom Terror, sondern auch von Umsturzversuchen weitgehend verschont geblieben.

Ein dschihadistischer Terroranschlag in Nordafrika in Zeiten, in denen al-Qaida keine Antwort auf die laufenden arabischen Revolten findet, hätte für das Terrornetzwerk einen Zusatznutzen. Er kann der Anhängerschaft suggerieren, dass al-Qaida nach wie vor über Kapazitäten und eine Strategie verfügt.

Dass indes andere Terroristen hinter dem Anschlag steckt als AQIM oder eine dschihadistische lokale Gruppe, ist schwer vorstellbar - wenn es ein Anschlag war, dürfte er auf das Konto der Bin-Laden-Gefährten oder ihrer Gesinnungsgenossen vor Ort gehen. Ein Bekennerschreiben lag bis zum frühen Abend noch nicht vor.

mit Material von dpa/AFP/AP

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1. wie kommen Sie darauf, es wäre ein "Terroranschlag?"
berns 28.04.2011
In den amtlichen marrokanischen Nachrichten wird geschrieben, dass im Keller des Cafés einige Gasflaschen explodiert seien. Nichts von Terror. Es war ein Unglück, sonst nichts.
2. .
Haio Forler 28.04.2011
Zitat von bernsIn den amtlichen marrokanischen Nachrichten wird geschrieben, dass im Keller des Cafés einige Gasflaschen explodiert seien. Nichts von Terror. Es war ein Unglück, sonst nichts.
Für beide Versionen gilt: ein paar Tage abwarten, dann weiß man mehr. Auch Ämter irren. Und auch explodierende Gasflaschen müssen sich nicht unbedingt selbst entzündet haben ;)
3. Herr Musharbash + die Spiegel-Filiale des internationalen Schema-F-Journalismus
bmwfahrer 28.04.2011
Zitat von sysop(...) AL Qaida-Filiale in Nordafrika. (...) Schema (...) http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,759587,00.html
Hier handelt es sich wohl eher um das Denkschema des rechtsorientierten Herrn Musharbash. Das trifft im übrigen (auch) auf rechtsradikale Anschläge zu, beziehungsweise die Anschläge einschlägiger Dienste. Langsam ist man diese 08/15-Kommentare, die auf Spiegel online als Nachrichten verbreitet werden, auch wirklich leid. Sie sind wohl eher für Realschulabgänger als für anspruchsvollere Leser geeignet.
4. Explosive Gasflaschen ???
Coldplay17 28.04.2011
Zitat von bernsIn den amtlichen marrokanischen Nachrichten wird geschrieben, dass im Keller des Cafés einige Gasflaschen explodiert seien. Nichts von Terror. Es war ein Unglück, sonst nichts.
Wenn Sie den amtlichen marokkanischen Nachrichten glauben, dann tun Sie mir wirklich leid. Den marokkanischen Behörden geht es scheinbar nur um ein dumm-dreistes Vertuschungsmanöver, um das Tourismusgeschäft zu retten. Gasflaschen, die im Keller (!) explodieren, haben nicht eine solch verheerende Wirkung, dass sie Menschenleben auf der Terrasse des Gebäudes gefährden können.
5. Ich schau dir in die Augen Kleines - Marokko im Fokus des Terrors
eva1811 28.04.2011
Ich schau dir in die Augen Kleines, Casablanca, Marrakesch, Rabat und viele andere Perlen des "Sultanats Marokko" sind plötzlich in den Blickwinkel des Terrors gerutscht. Nun dieses Land war stabil, trotz der Unruhen in der Nachbarschaft. DIe Regierung hatte es bislang geschafft, hier den Kontakt zu ihrer Bevölkerung zu halten und sie auch wohl ein bischen zu verstehen und nicht den gleichen Fehler zu machen, wie die anderen, mit Waffen und Scharfschützen samt Prügel und Sanktionen gegen die eigenen Landsleute vorzugehen. As time goes bye, der Kinoklassiker schlechthin von Bogart und Bergman bekommen hiermit wohl eine neue Aktualität (auch wenn die Thematik etwas anders war, aber könnte man durchaus Parallelen ziehen).
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