Von Yassin Musharbash
Berlin/Rabat - Das Restaurant und Kaffeehaus "Argana" ist ein Touristenmagnet in der malerischen Wüstenstadt Marrakesch. Von der Restaurantterrasse bietet sich ein spektakulärer Blick über den "Platz der Gaukler", Dschamaa el-Fna, am Basarviertel. Das von historischen Bauten umgebene Gelände ist als Unesco-Welterbe geschützt.
Genau hier schlugen die Terroristen zu, nach Angaben des Innenministeriums brachten sie eine Bombe zur Detonation. Mindestens 15 Menschen kamen ums Leben, 20 weitere wurden verletzt. Bei zehn Todesopfern soll es sich um Ausländer handeln, womöglich Urlauber. Sechs der Toten seien Franzosen, berichtete das staatliche Fernsehen am Abend.
Augenzeugen berichten von einer panischen Menschenmenge, es seien Trümmerteile von dem Gebäude auf den Platz gestürzt. Noch in zwei Kilometern Entfernung soll die Explosion zu hören gewesen sein.
Die Bombenattacke ist der erste spektakuläre Anschlag in Marokko seit einer Serie von Selbstmordanschlägen, die im Jahr 2003 die Hafenstadt Casablanca erschütterten. Damals starben bei Attacken auf westliche und jüdische Einrichtungen 45 Menschen, darunter zwölf Selbstmordattentäter.
Auf dschihadistischen Internetseiten gehen Terrorsympathisanten ebenfalls davon aus, dass es sich um einen Anschlag handelt. "Lass Juden und Soldaten der Unterdrücker unter den Opfern sein", schrieb ein Nutzer. Andere äußerten sich ähnlich.
Allerdings kann auch nicht ausgeschlossen werden, dass eine lokale Terrorgruppe unabhängig von al-Qaida die Tat geplant und ausgeführt hat. Einige solcher Gruppen existieren und haben in der Vergangenheit Anschläge ausgeübt. Darauf weist auch der Terror-Analyst und AQIM-Beobachter Andrew Lebovich hin: Während der Anschlag zwar ins Schema von al-Qaida passe, dürfe man zugleich nicht außer Acht lassen, dass es militante marokkanische Gruppen ohne Bezug zu dem Netzwerk gebe. Für eine Festlegung auf AQIM sei es daher Mangels harter Hinweise und Indizien noch zu früh.
Die nordafrikanische Qaida-Filiale ging 2006 aus der algerischen Terrorgruppe GSPC hervor und hat ihre Aktivitäten in den vergangenen Monaten immer weiter in die Länder der Sahelzone ausgeweitet. Aber in den Verlautbarungen betont die Führungsspitze zugleich, dass auch der Westen, seine Bürger und seine Interessen für sie Hauptziele darstellen. Erst vor wenigen Tagen veröffentlichte AQIM ein Video, in dem die Terroristen französische Geiseln vorführten. In den vergangenen Jahren dürfte AQIM, so schätzen Analysten, Millionenbeträge in zweistelliger Höhe durch Lösegeldzahlungen kassiert haben. Im Jahr 2009 ermordeten AQIM-Kader allerdings auch eine britische Geisel. Im August desselben Jahres griff die Gruppe die französische Botschaft in Mauretanien an.
Terrorgruppe will Errichtung eines Gottesstaates
Seit 2007 hat die Gruppe mehrfach Selbstmordattentäter eingesetzt, unter anderem bei Angriffen auf algerische staatliche Einrichtungen, die zum Teil Dutzende Tote forderten. In Marokko kam es immer wieder zu Festnahmen mehrerer mutmaßlicher Mitglieder. Im vergangenen Juli griffen französische und mauretanische Sondereinheiten gemeinsam einen Qaida-Stützpunkt an. Die Operation, hieß es damals, könnte Anschlagsplanungen der Gruppe zunichtegemacht haben.
Al-Qaida im Islamischen Maghreb hat sich die Errichtung eines Gottesstaates auf die Fahnen geschrieben, aber auch die "Wiedereroberung" der ehemals muslimischen Gebiete in Spanien und Portugal. Eine besondere Feindschaft hegt die Organisation gegenüber Frankreich - mehrmals attackierte sie das Land und den Präsidenten Nicolas Sarkozy wegen integrationspolitischer Fragen und des Burka-Verbots in dem Land.
Uneins sind sich Experten darüber, wie eng die Beziehungen zur Qaida-Führung um Osama Bin Laden und Aiman al-Sawahiri sind. Vor einigen Wochen erklärte AQIM, Frankreichs Regierung müsse über die Freilassung der französischen Geiseln direkt mit Bin Laden verhandeln. Das war offensichtlich ein Versuch, Paris in Verlegenheit zu bringen - zugleich aber ein Signal der engen Verbundenheit zur Qaida-Zentrale. Andererseits hat die Qaida-Spitze deutlich signalisiert, dass sie hofft, AQIM möge in Europa einen spektakulären Anschlag ausüben. Dazu ist es bislang nicht gekommen - entweder weil AQIM die Kapazitäten fehlen oder weil die Gruppe aus taktischen Erwägungen ihr angestammtes Operationsgebiet nicht verlassen möchte.
Die Taktik: Ausländer töten, Polizei vorführen, Tourismusbranche schädigen
Anschläge auf Touristen sind seit jeher ein Kennzeichen von Qaida-Terroristen, denn sie erfüllen drei Ziele zugleich: Sie töten Menschen aus dem Westen, führen die Sicherheitsbehörden des betroffenen Landes vor und schaden dem Fremdenverkehr und damit indirekt den "gottlosen" Regimen.
Die Explosion in Marrakesch würde diese Ziele ebenfalls erfüllen. Marokko ist eines der ruhigsten und stabilsten Länder der arabischen Region und zuletzt nicht nur vom Terror, sondern auch von Umsturzversuchen weitgehend verschont geblieben.
Ein dschihadistischer Terroranschlag in Nordafrika in Zeiten, in denen al-Qaida keine Antwort auf die laufenden arabischen Revolten findet, hätte für das Terrornetzwerk einen Zusatznutzen. Er kann der Anhängerschaft suggerieren, dass al-Qaida nach wie vor über Kapazitäten und eine Strategie verfügt.
Dass indes andere Terroristen hinter dem Anschlag steckt als AQIM oder eine dschihadistische lokale Gruppe, ist schwer vorstellbar - wenn es ein Anschlag war, dürfte er auf das Konto der Bin-Laden-Gefährten oder ihrer Gesinnungsgenossen vor Ort gehen. Ein Bekennerschreiben lag bis zum frühen Abend noch nicht vor.
mit Material von dpa/AFP/AP
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