Uiguren-Konflikt Terror erreicht den Platz des Himmlischen Friedens

Zwei Tage nach dem Zwischenfall sagen die Behörden: Im Auto, das die Sperren zum Tiananmen-Platz durchbrach, saßen uigurische Terroristen. Wenn die Darstellung stimmt, wäre es die erste Attacke dieser Art in Peking - der Konflikt mit den Muslimen im Westen eskaliert.

REUTERS

Peking - Kameras und Richtmikrofone sind auf den Platz gerichtet. Eine besondere Militäreinheit kontrolliert Taschen und Ausweise. Polizisten, Soldaten und Geheimagenten lenken und beobachten Passanten. Der Pekinger Platz des Himmlischen Friedens und der Eingang zur Verbotenen Stadt gehört zu den am strengsten bewachten Orte dieser Erde.

Und doch durchbrach am Montag ein weißer Geländewagen ein Gitter und raste in eine Menschenmenge. Das Auto brannte aus, die drei Insassen und zwei Passanten, darunter eine philippinische Touristin, starben. 38 Personen wurden verletzt.

Die Polizei geht inzwischen von einem "sorgfältig geplanten, organisierten und vorher überlegten terroristischen Anschlag" aus. Die drei Fahrzeuginsassen, ein Ehepaar und die Mutter des Mannes, hätten im Innenraum Benzin angezündet, teilte die amtliche Nachrichtenagentur Xinhua mit.

Sie gehörten der muslimischen Minderheit der Uiguren an, die vor allem in der Uigurischen Autonomen Region Xinjiang im Westen des Landes lebt. Die Polizei nahm inzwischen fünf ihrer Landsleute in Peking fest. Sie hätten eingestanden, Mittäter zu sein, hieß es. Im Auto selbst wurde laut Xinhua eine Flagge mit "extremistischer Aufschrift" gefunden.

Treffen all diese Angaben zu, wäre Chinas Hauptstadt zum ersten Mal Schauplatz einer Terrorattacke von Uiguren. Bislang hatten chinesische Sicherheitsexperten ausgeschlossen, dass uigurische Separatisten in der Lage sind, Selbstmordattentäter sowie Sprengstoff unbemerkt nach Peking zu schmuggeln.

Zweifel über den wahren Hergang

In ihrer Heimat allerdings griffen Uiguren in den vergangenen Jahren immer wieder Polizeiposten und Militärs an. Separatisten sollen 2008 sogar versucht haben, ein Flugzeug auf der Route von Urumqi nach Peking in die Luft zu sprengen.

Da die chinesischen Behörden nur wenige Informationen freigeben, bleiben jedoch Zweifel über den wahren Hergang und über die Täter. Uiguren werfen den Behörden vor, harmlose Proteste und Streitereien als ethnische Unruhen oder gar terroristische Attacken darzustellen, um weitere Repressionen gegen die Minderheit zu rechtfertigen.

Zuletzt hatten Militärs am 28. Juni im Ort Hanerik das Feuer auf Demonstranten eröffnet und Dutzende getötet, wie Augenzeugen berichteten. Die Demonstranten wollten die Freilassung eines jungen Imams erreichen. Während einer "Anti-Terror-Aktion" in Kashgar an der traditionellen Seidenstraße waren zuvor 24 Menschen gestorben. Am 26. Juni kamen nach Angaben von Exil-Uiguren im Bezirk Turpan bei Protesten mindestens 46 Menschen ums Leben. 2009 starben in Urumqi fast 200 Menschen, die meisten Han-Chinesen, als ein Mob auf Passanten einschlug und Geschäfte anzündete.

Zuwanderer schnappen den Einheimischen die Arbeitsplätze weg

Der Konflikt hat mehrere Ursachen: Viele Uiguren fühlen sich von den "ungläubigen" chinesischen Zuwanderern überrollt. Fast jeder zweite Bewohner Xinjiangs ist mittlerweile Chinese, 1940 machten die Uiguren noch 80 Prozent der Bevölkerung aus, die Chinesen sechs Prozent. Da sie in der Regel besser ausgebildet sind, schnappen sie den Einheimischen die Arbeitsplätze weg.

Für Unzufriedenheit unter den Muslimen sorgen zudem Repressalien der Behörden. Da Peking fürchtet, islamistische Extremisten könnten in China Fuß fassen, versuchen Funktionäre, immer stärker den religiösen Alltag zu beeinflussen. Ihr größter Gegner ist die Islamische Bewegung Ost-Turkestan (ETIM), die für ein unabhängiges Xinjiang kämpft.

Jugendliche unter 18 Jahren dürfen zum Beispiel nicht in die Moschee, Lehramtsstudenten keinen Bart tragen. Predigten der Imame müssen in der Regel genehmigt werden, Beamten und Staatsangestellten ist es verboten, am Gottesdienst teilzunehmen und während des Ramadans zu fasten. In jüngster Zeit versucht die KP sogar, muslimische Frauen zu bewegen, den Schleier abzulegen. In der Stadt Hotan bestraft sie zum Beispiel Taxifahrer, die verschleierte Frauen mitnehmen.

Peking kämpft mit Investitionen gegen die "drei Teufel"

"Immer wenn etwas passiert, reagiert die Regierung mit einem Wort: Druck. Hoher Druck, hoher Druck und noch mehr Druck. Das führt zu größerem Widerstand und zu mehr Konflikten", sagte der uigurische Ökonom Ilham Tohti jüngst der Nachrichtenagentur AP. Vielen Uiguren bleibe nichts anderes übrig, als "Konfrontation und Agitation" zu wählen, denn niemand könne "legale Wege gehen oder die Medien informieren; sie haben keine andere Möglichkeit, ihre eigenen Rechte zu schützen oder ihre Meinung zu sagen".

Peking versucht, die "drei Teufel Separatismus, Extremismus und Terrorismus" mit enormen Investitionen zu bekämpfen. Nach den Unruhen 2009 löste sie den unbeliebten Parteichef Wang Lequan ab, mehr Einnahmen aus der Ölförderung bleiben nun in Xinjiang.

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insgesamt 11 Beiträge
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Seite 1
lobo1985 30.10.2013
1.
Sehr merkwürdig! Warum verübt man einen Anschlag mit drei Insassen? Es sieht eher nach einer Flucht aus
elhelw 30.10.2013
2. China ist eine rote Diktatur
Für alle Sinologensympathisanten, China ist eine rote Diktatur. Menschen kämpfen für Ihre Freiheit. Es wird der Tag kommen wo diese Menschen die Freiheit erhalten werden, dann bricht das Riesenreich in viele kleine Teile, so wie einst die UDSSR und das ist Gut so.
wachholz.texte 30.10.2013
3. Schleier runter
Man kann von der chinesischen Diktatur halten, was man will - aber die Maßnahmen gegen islamistische Umtriebe sind vorbildlich.
henchan 30.10.2013
4. Träumen
Zitat von elhelwFür alle Sinologensympathisanten, China ist eine rote Diktatur. Menschen kämpfen für Ihre Freiheit. Es wird der Tag kommen wo diese Menschen die Freiheit erhalten werden, dann bricht das Riesenreich in viele kleine Teile, so wie einst die UDSSR und das ist Gut so.
Träumen können Sie natürlich. Ich denke, Chinesen sind einfach prakmatisch genug. Sie werden ihre Zukunft künftig neu gestalten. Aber anders als Sie dachten. ^^
hdudeck 30.10.2013
5. Lese ich richtig?
In jüngster Zeit versucht die KP sogar, muslimische Frauen zu bewegen, den Schleier abzulegen
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