Anschlag in Tel Aviv Terroristen am Nebentisch

Palästinensische Terroristen töten mit Maschinenpistolen vier Menschen auf einem belebten Markt in Tel Aviv. Wie reagieren die rechten Hardliner in Israels Regierung?

AFP

Von , Tel Aviv


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Der Sarona-Markt im Herzen von Tel Aviv, der gestern zum Ziel eines Anschlags wurde, ist an normalen Tagen eine Art Vergnügungsmeile für die Besserverdienenden. Ein stylisher Laden neben dem nächsten, in den Cafés sitzen die Menschen in Sommerkleidern vor gigantischen Eisbechern. Es gibt hier Macarons aus Paris, bayerische Brezeln und nepalesische Dumplings. Auf dem Platz vor der Markthalle spielen normalerweise Kinder.

In einem Land, das niemals zur Ruhe kommt, schien Sarona wie eine kleine Oase der Unbeschwertheit - gestern wurde diese Illusion zerstört. Der Ort wurde zum Ziel einer der schwersten Terrorattacken seit Langem in Israel. Zwei Attentäter schossen mit Maschinenpistolen des Typs Carl Gustav um sich. Vier Menschen starben, sechs wurden verletzt.

Die beiden Attentäter sind Cousins, sie stammen aus der Stadt Yatta in der Nähe von Hebron im Westjordanland. Aus Sicht der Terroristen ist der Anschlag ein großer Erfolg: Der Sarona-Markt liegt nur unweit des israelischen Verteidigungsministeriums. Die radikalislamistische Hamas nannte den Angriff in einer öffentlichen Erklärung bereits gestern Abend einen "heldenhaften Akt". Darin hieß es weiter: "Der heilige Monat Ramadan hat begonnen, und dies ist nur eine der ersten Überraschungen, die den zionistischen Feind erwarten."

Als Reaktion auf den Anschlag hat Israels Militär am Donnerstag mehr als 80.000 Einreisegenehmigungen für Palästinenser zurückgezogen. Sie waren ausgegeben worden, damit die Palästinenser im Fastenmonat Ramadan Verwandte in Israel besuchen können. Premierminister Benjamin Netanyahu kündigte neue Sicherheitsmaßnahmen an - und zwar "offensive und defensive".

Dieser Anschlag in Tel Aviv ist anders

Bereits seit neun Monaten leidet Israel unter einer neuen Welle palästinensischer Gewalt. Doch bisher agierten die Attentäter meist selbstständig und spontan. Oft sind sie sehr jung, erst 13 oder 15 Jahre alt. Sie stammen aus dem Westjordanland oder Ostjerusalem. Sie greifen mit Messern und Scheren an, vereinzelt kam es auch zu Angriffen mit Schusswaffen. "Gegen diese Art des Terrors gibt es kein Mittel", sagt Experte Shlomo Brom vom Institut für Nationale Sicherheitsstudien, "deswegen ist er so erfolgreich."

Doch der jüngste Anschlag in Tel Aviv ist anders, er erfordert zumindest ein gewisses Maß an Vorbereitung. Die beiden 21-jährigen Angreifer haben sich Waffen gebaut oder besorgt, sie haben sich abgesprochen und sich zurechtgemacht: Normalerweise würden arabische Arbeiter in einem Umfeld wie dem Sarona-Markt auffallen. Doch die beiden Cousins waren mit Anzüge und Krawatten gut angezogen. Laut Berichten von Augenzeugen sollen sie sogar schwarze Kippas getragen haben, die Kopfbedeckung jüdischer Männer. Sie verzehrten noch ihr Dessert im Café Max Brenner, bevor sie das Feuer eröffneten. "Ein ehrgeiziger und geplanter Anschlag", schreibt die Tageszeitung "Haaretz".

"Ob dahinter wirklich eine organisierte Terrorgruppe wie die Hamas oder der Islamische Dschihad steckt, wissen wir noch nicht", erklärt Ely Karmon vom Internationalen Institut zur Terrorbekämpfung in Herzliya, "ich persönlich glaube, dass es eine Verbindung gibt." Doch Genaueres werde sich erst in den nächsten Tagen herausstellen. Einer der Angreifer wurde bei der Flucht festgenommen, der andere mit schweren Schussverletzungen in ein Krankenhaus gebracht.

Ein Test für den neuen Verteidigungsminister

"Bereits in den vergangenen Monaten hat die Hamas versucht, Selbstmordattentate in Israel zu organisieren", so Carmon. Etwa zehn bis fünfzehn solcher Anschläge seien durch israelische Sicherheitskräfte erfolgreich verhindert worden. Die Hamas habe derzeit kein Interesse an einem erneuten Krieg mit Israel in Gaza und würde daher auf Raketenangriffe verzichten. Stattdessen arbeite sie aus dem Gazastreifen heraus daran, die Lage im Westjordanland - etwa durch aufrührerische Videobotschaften - zu destabilisieren und dort eine Reaktion von Israel zu provozieren. Dies würde die konkurrierende palästinensische Autonomiebehörde und Präsident Mahmoud Abbas weiter schwächen.

Abbas' Sicherheitsapparat arbeitet mit den Israelis zusammen, um Terrornetzwerke zu bekämpfen. Seit Ende der zweiten Intifada sind die militanten Zellen der Hamas im Westjordanland weitgehend ausgehoben. Doch in der Bevölkerung ist Abbas höchst unbeliebt. Würde Israel im Westjordanland eine weitere militärische Großaktionen durchführen, könnte das den Präsidenten in eine schwere Krise stürzen.

Einiges hängt nun auch vom neuen israelischen Verteidigungsminister Avigdor Lieberman ab. Der Hardliner wurde soeben erst vereidigt. In der Vergangenheit fiel er durch brutale Rhetorik auf: Der palästinensische Terror sei Teil des globalen Dschihad, man sollte Terroristen die Köpfe abschlagen. "Für ihn ist diese Lage ein Test, vor allem wenn sich herausstellt, dass die Hamas involviert ist", meint der Sicherheitsexperte Karmon. Es handle sich um einen schweren Angriff. Israel werde darauf reagieren müssen.

Doch wie pragmatisch wird diese Reaktion aussehen? Der kürzlich geschasste Verteidigungsminister Moshe Yaalon galt als eine der letzten vernünftigen Stimmen in der derzeitigen ultrarechten israelischen Regierung. Auch die Armee befürwortete dessen vorsichtige Strategie; die Generäle wollen keine weitere Eskalation. "Doch die Politik steht unter großem Druck von innen", meint Shlomo Brom vom Institut für Nationale Sicherheitsstudien (INSS). Die Frage ist nun, ob Premierminister Benjamin Netanyahu und sein neuer Minister Lieberman die besonnene Linie fortführen werden - oder ob sie sich dazu verleiten lassen, eine neue, härtere Marke zu setzen.

Korrektur: In einer früheren Version hieß es, einer der beiden Attentäter sei erschossen worden. Er wurde jedoch schwer verletzt.

Zusammengefasst: Noch ist unklar, ob die palästinensische Terrorgruppe Hamas hinter dem Attentat steckt. Die Frage ist nun, ob der rechte Verteidigungsminister Lieberman auf Eskalation setzt - oder den Generälen folgt, die eine vorsichtige Strategie befürworten.

Im Video: Tote und Verletzte bei Anschlag in Tel Aviv

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