Anschlag auf Politiker in Virginia Schüsse auf Amerika

Fünf Verletzte, darunter ein Top-Republikaner: Das Attentat von Virginia erschüttert die USA. Der Täter soll ein Anhänger von Bernie Sanders sein. Für Präsident Trump wird der Fall zur Bewährungsprobe.

AFP

Aus Alexandria und New York berichten und


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Das alljährliche Baseballspiel des US-Kongresses ist einer der wenigen Anlässe, bei dem sich Republikaner und Demokraten noch freundlich begegnen. Jede Partei hat bisher 39 dieser Benefiz-Partien gewonnen. Die nächste Runde soll an diesem Donnerstagabend stattfinden, im Stadium des Haupstadtteams der Washington Nationals.

Diesmal aber geht es dabei um so viel mehr. Eine morgendliche Trainingsstunde der Republikaner wurde am Mittwoch zum Tatort: Ein offenbar politisch motivierter Attentäter eröffnete das Feuer und verletzte den Abgeordneten Steve Scalise schwer, außerdem einen Kongressmitarbeiter, einen Lobbyisten und zwei Kapitolspolizisten. Der Schütze wurde von den Sicherheitskräften getötet.

Scalise, der dritthöchste Republikaner im Repräsentantenhaus, hatte sich mit Kollegen auf einem Baseballfeld in Alexandria bei Washington getroffen, um für das Benefizspiel zu trainieren. Nach FBI-Angaben begann ein Mann um 7.09 Uhr plötzlich mit einem Gewehr gezielt auf die Gruppe zu schießen.

"Er jagte uns", berichtete der Abgeordnete Mike Bishop. "Pop, pop, pop!" Der Republikaner Rand Paul sprach von einem "Schlachtfeld". Scalise wurde an der Hüfte getroffen und kroch zum Spielfeldrand, während sich Polizisten mit dem Täter ein Feuergefecht lieferten. Parteifreund Mo Brooks band Scalises Wunde mit seinem Gürtel ab, bis der Notarzt-Helikopter eintraf.

Täter soll Sanders-Anhänger gewesen sein

Insgesamt dauerte die Schießerei dem FBI zufolge fünf Minuten. Handyvideos von Augenzeugen zeigten, wie beide Seiten hin und her feuerten. "Es schien endlos", berichtete der Abgeordnete Brooks, dem auch Stunden später noch die Tränen kamen.

Das Attentat rüttelte nicht nur Washington auf, sondern die ganze, politisch gespaltene Nation - zumal es ideologisch motiviert gewesen sein könnte. Das FBI identifizierte den Todesschützen als James Hodgkinson, 66, aus Illinois. Sein inzwischen gelöschtes Facebook-Profil identifizierte ihn als Anhänger des demokratischen Senators Bernie Sanders. In vielen Einträgen schimpfte er über US-Präsident Donald Trump und die Republikaner. "Es ist an der Zeit, Trump und Co. zu zerstören", schrieb er im März. Er beklagte sich aber auch über die Demokratin Hillary Clinton, vergangenes Jahr eine parteiinterne Präsidentschaftsrivalin von Sanders.

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Anschlag in Alexandria: Schüsse beim Baseball

Sanders bestätigte, dass Hodgkinson als Freiwilliger für seinen Wahlkampf gearbeitet habe, distanzierte sich aber scharf. "Diese abscheuliche Tat macht mich krank", sagte er im Senatsplenum. "Gewalt jeder Art ist in unserer Gesellschaft unakzeptabel, und ich verurteile diesen Akt in schärfster Form."

Top-Politiker geben sich ungewohnt überparteilich

Doch die Schüsse treffen in eine offene Wunde. Selbst sieben Monate nach der Wahl sind die USA extrem gespalten und angespannt - eben auch wegen Trump. Der Milliardär hatte im Wahlkampf teils offen zu körperlicher Gewalt aufgerufen und damit geprahlt, er könne ungestraft Menschen erschießen. Seit seinem Amtsantritt hat er die Amerikaner in einen solchen Unruhezustand versetzt, dass völlig offen ist, wie sie den Angriff von Alexandria verarbeiten werden, wenn die ersten Schockwellen verklungen sind.

Nach allem, was bislang bekannt ist, dürfte der Fall vor allem die Kritiker Trumps auf der Linken belasten: Er wirft die Frage auf, wie radikal Widerstand sein darf. Zugleich aber lenkt das Attentat den Blick auf den Präsidenten und die Folgen seiner spalterischen Politik. Es zeigt zudem, wie historisch anfällig die USA für politische Anschläge sind. Und es offenbart die Lähmung Washingtons, das ewig über Waffenkontrolle streitet, ohne jemals auch nur ansatzweise etwas hinzukriegen.

Aber vielleicht liegt gerade darin eine Chance: In den Stunden nach dem Angriff zeigten sich Top-Politiker aller Seiten von einer ungewohnt noblen, überparteilichen Seite. Von Paul Ryan, dem Sprecher des Repräsentantenhauses, der sich in einer emotionalen Rede an die Kollegen wandte, bis zur führenden Demokratin Nancy Pelosi, die sich seinen Worten gefühlvoll anschloss. Die Abgeordneten Joe Barton (Republikaner) und Mike Doyle (Demokraten) umarmten sich bei einer gemeinsamen Pressekonferenz sogar. Das demokratische Baseballteam lud seine Rivalen außerdem zum gemeinsamen Abendessen ein.

Wie sie beklagten viele die hitzige Rhetorik der vergangenen Monate. Allen voran der plötzlich geläuterte Präsident selbst: "Wir mögen unsere Differenzen haben", sagte Trump bei einem untypisch versöhnlichem Auftritt im Weißen Haus. "Aber wir tun in Zeiten wie diesen gut daran, uns zu erinnern, dass alle, die in unserer Hauptstadt dienen, dies vor allem deshalb tun, weil sie unser Land lieben."

Trump besucht Scalise im Krankenhaus

Für Trump ist es ein brisanter Moment, eine politische Bewährungsprobe. Der Anschlag ist ein Test seiner Führungsstärke sowie seiner Fähigkeit, sich selbst zu disziplinieren. Für ihn wäre es ein Leichtes, den Hintergrund des Schützen politisch zu instrumentalisieren - auch um die eigenen Reihen zu schließen. Seine Erklärung deutet darauf hin, dass er zumindest in den ersten Stunden verstanden haben könnte, wie gefährlich dieser Kurs wäre und welche Chance für ihn darin liegt, mit Worten, die man nicht von ihm erwartet, ausnahmsweise mal als Präsident aller Amerikaner zu erscheinen.

Am späten Abend besuchte er gemeinsam mit First Lady Melania Trump den verletzten Abgeordneten Scalise im Krankenhaus. Den Ärzten zufolge hat Scalise durch einen einzigen Schuss schwere innere Verletzungen und Blutungen erlitten und befand sich weiter in kritischem Zustand. "Betet für Steve!", twitterte Trump anschließend.

Im Video: Schüsse auf US-Politiker

REYNOLDS/EPA/REX/Shutterstock

Wie nachhaltig Trumps politische Zurückhaltung wirklich ist, bleibt abzuwarten. Schon mehrfach hat er bewiesen, wie anfällig er dafür ist, auch in unmöglichsten Situationen die Angriffsoption zu wählen. Wer ihn verfolgt hat, weiß, dass es auch jetzt in ihm arbeiten dürfte: So häufig er für die wachsende Spaltung im Land verantwortlich gemacht wird, so verführerisch wäre es für ihn nun, die öffentliche Wut auf seine Gegner zu richten.

Einer dieser Gegner war eben der mutmaßliche Täter. Hodgkinson sei "nicht glücklich" über "das Wahlergebnis" gewesen, sagte sein Bruder Michael der "Washington Post". Die Bluttat sei aber "aus heiterem Himmel" gekommen. Die Zeitung "Belleville News-Democrat" veröffentlichte eine Reihe von Leserbriefen Hodgkinsons aus dem Jahr 2012, in denen er die Republikaner kritisierte: "Lasst uns alle Republikaner im Kongress abwählen." Der Abgeordnete Mike Bost, der Hodgkinsons Wahlkreis vertritt, berichtete, dass er sein Büro 14-mal kontaktiert habe, doch "nie mit Drohungen, nur Wut".

Nach US-Medienberichten befand sich Hodgkinson schon seit März in Washington und lebte dort quasi wie ein Obdachloser. Mittwochfrüh tauchte ein Mann, der von mehreren Zeugen als Hodgkinson identifiziert wurde, an dem Baseballplatz auf und fragte, ob es Republikaner seien, die da spielten. Der Abgeordnete Jeff Duncan, der gerade auf dem Weg zu seinem Auto war, bestätigte dies. Der Mann habe gesagt: "Okay, danke."

Blick auf Waffengesetze in den USA

Scalise, 51, kommt aus Louisiana und sitzt seit 2008 im Kongress. Im Mai 2015 legte er einen Gesetzesentwurf vor, um bestimmte Elemente der US-Waffenkontrolle zu lockern. Die Waffenlobby NRA dankte ihm für seine "Führungskraft", obwohl der Entwurf dann in einem Ausschuss versandete.

Terry McAuliffe, der demokratische Gouverneur von Virginia, wo Alexandria liegt, war der Erste, der das Thema "gun control" noch am Tatort ansprach. "Wir haben zu viele Waffen", sagte er und erinnerte daran, dass pro Tag 93 Amerikaner erschossen würden. Virginias Top-Republikaner John Whitbeck warf ihm prompt vor, das Attentat zu politisieren: "Ekelhaft."

Das lässt ahnen, wie verhärtet die politischen Fronten trotz aller Rufe nach Geschlossenheit bleiben. Führende Vertreter aus Trumps Lager stellten den Fall von Alexandria auch jetzt schon in größere, taktische Zusammenhänge. Newt Gingrich, ein Trump-Vertrauter, diagnostizierte ein "Muster" und kritisierte "einen wachsenden Grad an Feindseligkeit bei den Linken". Der Abgeordnete Steve King warf den Gegnern des Präsidenten vor, mit einer radikalen Anti-Trump-Haltung Gewalt erst gesellschaftsfähig gemacht zu haben. "Gewalt", sagte King, "wird auf den Straßen sichtbar. Und sie kommt von der Linken."

Vorerst aber wird der Zank eine Pause machen: Das Benefiz-Baseballspiel soll wie geplant stattfinden - nur unter erhöhten Sicherheitsvorkehrungen.

Zusammengefasst: Bei einem Attentat auf US-Republikaner sind fünf Menschen verletzt worden, der Abgeordnete Steve Scalise schwebt in Lebensgefahr. Täter soll ein Anhänger von Bernie Sanders sein. Vertreter beider Parteien demonstrierten Einigkeit, auch Präsident Trump hielt sich zunächst zurück. Doch über allem schwebt das in den USA heikle Thema Waffenkontrolle.

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Seite 1
RalfHenrichs 15.06.2017
1. Es ist an der Zeit,
dass die Demokraten die peinlichen und zu nichts führenden Untersuchungen gegen Trump beenden und ihn schlicht politisch bekämpfen. Denn jeder weiß oder kann wissen, dass Russland mit den US-Wahlen nichts zu tun hat. Aber jeder weiß oder kann wissen, dass die Politik der USA unter Trump absolut kritikwürdig ist. Die falsche Prioritätensetzung der Demokraten schadet aber vor allem den Dems und nicht Trump.
observerlbg 15.06.2017
2. Schon als Teenager in den siebzigern....
unkte ich, dass eher die Berliner Mauer fällt, als dass die USA den 2. Zusatzartikel der US.-Verfassung fallen lassen. Nee, watt hat man mich verlacht damals. Die Macht der NRA ist scheinbar vergleichbar mit der der kommunistischen Partei in China. Wenn dann noch ein derart umstrittener Mann wie Donald Trump als Präsident aller US-Amerikaner gewählt wird, dann kann das nur irgendwann explodieren. Steve Scalise wird mit Sicherheit weder Donald Trump, noch die US.-Waffengesetze kritisieren. Er wird eher Bernie Sanders eine Mitverantwortung anlasten, weil er ja so wehement gegen die Republikaner agiert. Ich hake das ganze ab als weitere Fußnote typischer US.-amerikanischer Innenpolitik. The show must go on.
AlBundee 15.06.2017
3. Spaltpilz
"If she get's to pick her judges, nothing you can do, folks. Although the Second Amendmend people, maybe there is - I don't know." Zitat Ende. Trump in einer Wahlkampfrede über das Recht, Waffen zu tragen. Will sagen: wenn Sie Präsidentin wird und versucht, durch Ernennung entsprechender Richter euch die Waffen wegzunehmen, könnt ihr sie ja vorher erschiessen. Wenn ein angehender Präsident solche Kommentare in einem Land macht, in dem jeder Eierdieb bewaffnet ist und 30000 Menschen pro Jahr durch Schusswaffen sterben, muss er damit rechnen, dass einer der ohnehin vorhandenen Psychopaten ihn beim Wort nimmt.
kwoik 15.06.2017
4. Vorab,
furchtbar und auf keinen Fall zu die Tat ist nicht zu billigen und gehört mit der ganzen Härte des Gesetzes bestraft. Ironie des Schicksals, dass ein der Waffenlobby näherstehender Politiker von einer Waffe angeschossen wird, die bei Waffenverbot gar nicht auf dem Markt frei zu kaufen wäre. Auch erschreckend, dass sowas unter Trumps Herrschaft geschieht, da muss der Frust im Volk ganz schön tief sitzen.
IMOTEP 15.06.2017
5. Historie
Was dem Deutschen sein Auto ist dem Amerikaner seine Waffe. Über Generationen hat der Amerikaner gelernt das Konflikte wenn es zum Äußersten kommt mit der Waffe (Peacemaker, Colt)gelöst werden. Nicht von ungefähr konnte Reagan Präsident werden. Tief verankert im Bewusst sein, für uns unverständlich, wird dieses Problem wohl nie gelöst werden. Wir haben dafür: Ich will Spaß, deshalb gebe ich Gas.
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