Anschlag Tel Aviv Israels stärkster Verbündeter - die Zeit

Nach dem Anschlag von Tel Aviv und dem Jubel der Hamas war weltweit mit einer militärischen Antwort Israels gerechnet worden. Doch nichts geschah. Aus gutem Grund, meinen führende Kommentatoren in Israel: Ohne Gegenschläge könnte die radikale Hamas-Regierung schon bald am Ende sein.

Von Alexander Schwabe


Hamburg - "Eine dunkle Wolke macht sich über unserer Region breit und bildet Metastasen in Folge von Erklärungen und Handlungen der Führer Irans, Syriens und der neu gewählten Regierung der Palästinenser" - Dan Gillerman, Israels Botschafter bei den Vereinten Nationen, stellte den Anschlag des Islamischen Dschihads von Tel Aviv mit zehn Toten und 60 Verletzten mit dieser Metapher in einen größeren Zusammenhang.

Trauer in Tel Aviv: Wie soll Israel reagieren?
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Trauer in Tel Aviv: Wie soll Israel reagieren?

Die Botschaft: Es sei egal, welche Gruppe einen Anschlag ausführe, sie kämen alle aus derselben Terror-Schule. Täglich stachelten islamistische Führer zur Gewalt gegen Israel auf. Die jüngsten Reden seien eine klare Kriegserklärung. Iran und Syrien böten Terror-Aktivisten Schutz und finanzierten sie, so Gillerman, und verwies auf die todesverliebten Drohungen radikaler Hamas-Führer inklusive des neuen Premierministers Ismail Hanija und auf Irans Präsident Mahmud Ahmadinedschad, der am Wochenende davon sprach, Israel müsse verrotten.

In Israel wird nach der Bluttat von Tel Aviv noch intensiver als bisher darüber nachgedacht, wie man sich gegenüber der extremistischen Regierung in den palästinensischen Gebieten verhalten soll. Obwohl sich Israel nichts sehnlicher wünscht, als Hamas los zu werden, muss die Regierung von Ehud Olmert Wege finden, mit den Radikalen umzugehen. Mit einem gewaltsamen Sturz der Regierung Hanija wäre es nicht getan - zu groß ist die Unterstützung der Hamas im Volk.

Israelische Intellektuelle wie der Schriftsteller Amos Oz haben jüngst Forderungen der Arabischen Liga aus dem Jahr 2002 aufgegriffen. Als Vorleistung müsse sich Israel aus den 1967 besetzten Gebieten zurückziehen - inklusive Jerusalem -, eine faire Lösung des Flüchtlingsproblems bieten und der Gründung eines palästinensischen Staates zustimmen. Dann, so die Erwartung, würden alle arabischen Staaten im Gegenzug Israel anerkennen und normale Beziehungen aufnehmen.

Die Regierung in Ramallah ist pleite

Der Plan der Arabischen Liga, den Israel bisher abgelehnt hat, könne zu einer Basis werden, auf die sich alle zerstrittenen Parteien einigen könnten: Israel und die arabischen Nachbarn ebenso wie die Hamas-Regierung unter Hanija und Fatah-Präsident Mahmud Abbas. Abbas begrüßte diesen Plan bereits, und selbst die radikale Hamas könnte sich ihm kaum entziehen, sollten ihn alle arabischen Staaten, selbst der Hamas-Unterstützerstaat Syrien, befürworten.

Die Alternative zu diesem Plan einer israelischen Vorleistung: die Einseitigkeitspolitik der neuen dominierenden Kraft in Israel, Kadima. Premier Olmert will wie sein Vorgänger - der im Koma liegende Ariel Scharon - bis 2010 die Grenzen des Staates einseitig festlegen und dabei Siedlungen im Westjordanland aufgeben. Die großen Siedlungen um Jerusalem herum und im Jordantal zu räumen, ist man jedoch nicht gewillt.

Nachdem die Hamas den Anschlag von Tel Aviv gut geheißen hatte, war mit einem massiven israelischen Militärschlag gerechnet worden. Doch nach wie vor gibt es in Israel wichtige Stimmen, die zur Zurückhaltung raten. Nach Einschätzung von Kommentatoren kann es sich Israel leisten, abzuwarten. Denn die neue Regierung in Ramallah ist blank. Sie kann ihren rund 140.000 Angestellten bereits keine Löhne mehr zahlen. Die ausbleibenden Gelder aus Europa und den USA ließen den innerpalästinensischen Kampf eskalieren. Fatah-Milizen lieferten sich Gefechte mit der palästinensischen Polizei und stürmten Regierungsstellen in Gaza, um Löhne einzufordern.

Der vom Westen eingeleitete finanzielle Boykott wird noch dadurch verstärkt, dass die Hamas mit der vollmundig bekundeten Unterstützung einiger arabischer Staaten in Wahrheit gar nicht rechnen kann. Etlichen arabischen Herrschern sind die Fundamentalisten ein Dorn im Auge: Deren Erfolg könnte die islamistische Opposition auch in ihren Ländern beflügeln.

Das Problem Hamas werde sich mit der Zeit erübrigen, urteilen politische Beobachter. Jetzt gelte es, die Nerven nicht zu verlieren. Israelische Aktionen könnten eher kontraproduktiv sein. Mit jedem Angriff auf Gaza, mit jedem Vergeltungsschlag stärke Israel die in der arabischen Welt umstrittene Hamas. Jedes Foto von einem getöteten palästinensischen Kind erhöhe die Spenden auf Hamas-Konten in den arabischen Staaten.

Auch Arafat vergrätzte die westlichen Geldgeber

Vielleicht war dies ein Aspekt für die Entscheidung der israelischen Regierung, vorerst keinen Militärschlag gegen Palästinenser zu führen, wie am Nachmittag in Jerusalem verlautete.

Auch die Hinwendung der Hamas nach Teheran sehen immer mehr Palästinenser kritisch. Schon einmal hatte sich eine Palästinenserführung durch einen außenpolitischen Schachzug ins Abseits manövriert: Als Präsident Jassir Arafat sich im ersten Golfkrieg mit dem irakischen Diktator Saddam Hussein solidarisch erklärte, und jener Scud-Raketen gen Israel donnerte, vergrätzte er die westlichen Geldgeber. Eine Anlehnung an einen politisch isolierten Iran schürt bei Palästinensern das Gefühl, die Führung handle erneut gegen die Interessen der Bevölkerung.

Eine Annäherung an Iran birgt zudem Unwägbarkeiten. Die arabische Hamas und die persische Führung in Teheran sind sich im Grunde fremd. Bisher ist nicht deutlich, unter welchen Auflagen das Geld der Mullahs nach Palästina fließen soll.

Doch bei aller Anfälligkeit der Hamas-Regierung: Sollten sich die Radikalen wirklich nur wenige Monate in der politischen Verantwortung halten können - ihr Sturz würde die Spannungen nicht lösen. Wegen der starken Sympathie in der Bevölkerung für die Organisation könnten die Palästinensergebiete nach einem Scheitern der Regierung in Anarchie fallen. Der Islamische Dschihad, dem der junge Attentäter von Tel Aviv entstammt, arbeitet zweifellos darauf hin. Ein Führer der Gotteskrieger forderte die Hamas bereits dazu auf, die Regierungsverantwortung aufzugeben, und sich ganz dem Krieg gegen Israel zu widmen.



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