Anschlag von London Britische Polizei nennt Namen von zwei Angreifern

Zwei Tage nach der Terrorattacke von London werden erste Details über die Täter bekannt. Die Informationen erhöhen den Druck auf Premierministerin Theresa May: Was wussten die britischen Behörden?


Die britische Polizei hat die Identitäten von zwei der drei Londoner Attentäter bekannt gegeben. Bei einem der von der Polizei getöteten Verdächtigen handele es sich um den 27-jährigen Khuram Shazad Butt aus dem Londoner Stadtteil Barking. Der in den britischen Medien zuvor "Abs" genannte Mann stamme ursprünglich aus Pakistan, er sei verheiratet gewesen und habe Kinder gehabt. Der zweite Täter sei Rachid Redouane alias Rachid Elkhdar, den die Polizei nicht nur mit zwei verschiedenen Namen, sondern auch zwei Geburtsdaten und Nationalitäten benannte. Ob Redouane/Elkhdar nun 30 Jahre oder nur 25 Jahre alt war und aus Marokko oder aus Libyen stammte, ist noch ungeklärt.

Unklar war zunächst auch, ob es sich dabei um denselben Mann handelt, über den die BBC schon zuvor berichtete, er sei Marokkaner und mit einer Schottin verheiratet, die demnach zu den Personen gehörte, die nach dem Attentat festgenommen wurden. Laut "Irish Times" hat er sich zudem in den letzten Jahren zeitweilig in Irland aufgehalten. In seinen Taschen habe man entsprechende Aufenthaltspapiere gefunden.

In Bezug auf den dritten Täter scheint die Polizei noch nicht sicher zu sein und ruft die Bevölkerung zu sachdienlichen Hinweisen auf.

Besonders einer der Attentäter aber beschäftigt die britische Öffentlichkeit: "Abs" alias Khuram Butt soll nicht nur den Sicherheitsbehörden als potenzieller Gefährder bekannt gewesen sein. Er war auch schon in einer am 19. Januar 2016 erstmals ausgestrahlten Channel-4-Dokumentation "The Jihadis Next Door" (Webseite zurzeit offenbar gesperrt) zu sehen: Der TV-Dokumentarfilm zeigt ihn beim Entrollen einer IS-Flagge im Londoner Hyde-Park.

Die Polizei: Zwei konkrete Hinweise ignoriert?

Nicht nur der "Independent" fragt nun, wie solche Leute durch das Netz der Fahnder schlüpfen konnten - zumal Khuram Butt von einem Gemeindemitglied in Barking bei der Polizei gemeldet worden sein soll, nachdem er einen moderaten Imam wüst beschimpfte.

Und das war angeblich nicht das einzige Mal, dass jemand versuchte, die Sicherheitsbehörden auf "Abs" aufmerksam zu machen. Ein mit Butt persönlich bekannter Mann will der Anti-Terror-Hotline der Polizei gemeldet haben, dass sich dieser durch IS-Videos im Internet radikalisiert habe. Die Zeitung zitiert ihn mit der Aussage: "Ich hatte meinen Teil getan. Die (Sicherheitsbehörden) taten nichts."

All das könnte direkt auf die Premierministerin Theresa May zurückfallen - denn sie war vom Mai 2010 bis zum Juli 2016 als Innenministerin direkt für die Sicherheitspolitik verantwortlich. May sah sich am Pfingstmontag mit Rücktrittsforderungen konfrontiert.

Der Druck auf sie könnte noch steigen, wenn weitere Details über mögliche Erkenntnisse der Behörden bekannt werden. Butt dürfte dabei weiterhin im Zentrum des Interesses stehen.

WILL OLIVER/EPA/REX/Shutterstock

"Abs" scheint aus seiner Radikalisierung kaum ein Geheimnis gemacht zu haben. Zuletzt war er in einer Moschee in Barking aufgefallen, weil er gegen die Teilnahme von Muslimen an den anstehenden Unterhauswahlen wetterte: Teilnahme am demokratischen Prozess sei "unislamisch". Ein Bekannter Butts wird in britischen Medien mit den Worten zitiert, dieser habe wenige Tage vor dem Attentat eine Grillparty für die Nachbarschaft veranstaltet, die "an eine Abschiedsfeier" erinnerte.

Attentat von London: was wir wissen
Die Tat
Am Pfingstsamstag gehen bei der Polizei um 22.08 Uhr Ortszeit (23.08 MESZ) erste Notrufe ein, dass ein Kleintransporter auf der London Bridge Fußgänger erfasst hat. Der Wagen fährt weiter zum nahen Borough Market, einem beliebten Touristenziel. Dort lassen die Angreifer das Auto stehen und beginnen, mit langen Messern auf Menschen einzustechen.
Die Täter
Die Polizei stellt drei männliche Tatverdächtige und erschießt sie am Borough Market - acht Minuten nach Eingang des Notrufs. Die Attentäter tragen Westen, die so aussehen, als würden sie Sprengstoff enthalten. Sie stellen sich aber als Attrappen heraus. Die Polizei geht davon aus, dass es keine weiteren Attentäter gab.
Die Reaktionen der Polizei
Die Polizei nimmt Stunden nach der Tat im Osten Londons zwölf Menschen im Alter von 19 bis 60 Jahre fest, die mit dem Anschlag in Verbindung gebracht werden. Es handelt sich um sieben Frauen und fünf Männer. Ein 55-jähriger Mann wird später wieder freigelassen. Außerdem werden Wohnungen durchsucht.
Die Todesopfer
Mindestens sieben Menschen werden von den Angreifern getötet. Unter den Toten ist nach Angaben von Kanadas Regierungschef Justin Trudeau ein kanadischer Staatsbürger. Auch ein Franzose kam bei dem Anschlag ums Leben.
Die Verletzten
Mindestens 48 Menschen werden verletzt. Darunter sind auch zwei deutsche Staatsangehörige, wie Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) bestätigt hat. Eines der deutschen Opfer hat demnach schwere Verletzungen davongetragen. 36 der Verletzten waren laut der britischen Gesundheitsbehörde NHS am Sonntagnachmittag noch im Krankenhaus, 21 befanden sich in Lebensgefahr. Auch zwei Polizisten sind verletzt.
Die IS-Verbindung
Die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) reklamiert den Terroranschlag für sich. Kämpfer des Islamischen Staats hätten die Tat ausgeführt, teilt das IS-Sprachrohr Amak am Sonntagabend im Internet mit. Dieses konnte zunächst nicht auf Echtheit überprüft werden. Es wurde aber über für den IS übliche Kanäle und in der üblichen Form verbreitet.

Die "Daily Mail" informierte ihre Leserschaft derweil schon über Details aus Butts Kindheit (Unfall mit acht Jahren, der möglicherweise bleibende psychische Schäden verursachte) und Jugend (Trauma durch Verlust des Vaters), bevor die Identität des Attentäters überhaupt bestätigt war.

Der "Evening Standard" berichtet, dass die Polizei im vergangenen Monat Gespräche von IS-Sympathisanten in Barking abgehört und aufgezeichnet haben soll. Worum es in den Gesprächen ging: Die Männer sollen über eine mögliche Attacke mit Messern und einem Minibus gesprochen haben.

Am Sonntagabend hatte die Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) den Anschlag über das IS-Sprachrohr Amak für sich beansprucht. Ihre Kämpfer sollen das Attentat verübt haben. Eine Bestätigung dafür gibt es vonseiten der Ermittler noch nicht.

May sagte, Großbritannien müsse viel mehr tun, um islamistischen Extremismus zu bekämpfen. Er sei eine "teuflische Ideologie", die den Islam und die Wahrheit pervertiere. Man werde die Anti-Terror-Strategie überdenken und erwäge längere Gefängnisstrafen.

Das britische Unterhaus wird an diesem Donnerstag neu gewählt. May hatte Neuwahlen ausgerufen, um sich eine größere Mehrheit für ihren politischen Kurs zu sichern und ihre Position bei den Brexit-Verhandlungen mit der EU zu stärken. Jüngsten Umfragen zufolge könnte dieser Plan aber scheitern, weil der einst komfortable Vorsprung der regierenden Konservativen vor der oppositionellen Labour-Partei deutlich kleiner geworden ist.

pat/dpa

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.