Anschlag von Straßburg Das Schweigen des IS

Das Attentat von Straßburg passt zum Muster eines IS-Anschlags. Trotzdem hat sich die Terrororganisation bislang nicht geäußert. Dafür kann es mehrere Gründe geben.

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"Der Angreifer in der Stadt Straßburg in Frankreich war ein Soldat des 'Islamischen Staats' und er führte seine Operation als Antwort auf die Aufrufe aus, die Bürger der Koalition anzugreifen." Ziemlich genau so müsste die Mitteilung der IS-Propagandaorganisation Aamaq lauten, mit der die Terrormiliz den Anschlag von Straßburg für sich reklamiert. Doch knapp 48 Stunden nach der Tat lässt eine Reaktion des IS auf sich warten.

Dabei ist die Identität des gesuchten Verdächtigen bekannt - und passt zum Muster von IS-Sympathisanten in Europa: Chérif Chekatt wurde vor 29 Jahren in Straßburg geboren. Mit 16 machte er seinen Hauptschulabschluss, einer geregelten Arbeit ist er nie nachgegangen. Seit 2008 wurde er insgesamt 27 Mal verurteilt, saß wegen Einbruchdiebstählen mehrere Jahre in Frankreich, Deutschland und der Schweiz im Gefängnis.

Bin-Laden-Poster in der Gefängniszelle

Schon während seines ersten Gefängnisaufenthalts in Frankreich soll er Anzeichen einer Radikalisierung gezeigt haben. Chekatt habe ein Plakat mit dem Konterfei von Qaida-Chef Osama Bin Laden in seiner Zelle aufgehängt, berichtet "Le Parisien" unter Berufung auf französische Ermittler.

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Frankreich: Tödliche Schüsse in Straßburg

Chekatts Werdegang ist durchaus typisch für Dschihadisten in Europa. Einerseits rutschen sie früh ins kriminelle Milieu ab und fallen durch Diebstähle, Einbrüche oder Drogendelikte auf. Gleichzeitig zeigen sie offene Sympathien für radikale Islamisten. "Oftmals wissen sie nicht einmal genau Bescheid über die Inhalte, sondern sehen den IS eher als eine Art Gang - mit dem Versprechen obendrauf, ins Paradies zu kommen", sagt der Islamismusforscher Peter R. Neumann im Interview mit Faz.net.

In diesen gebrochenen Biografien wechseln sich radikale und weniger radikale Phasen mitunter ab. So ist es auch zu erklären, dass Frankreichs Sicherheitsbehörden Chekatt schon seit 2015 mit einer sogenannten Akte "Fiche S" als islamistischen Gefährder führen, er den Stellen in Deutschland aber nur als Einbrecher aufgefallen war - ohne Kontakt in die salafistische Szene in der Bundesrepublik.

IS-Unterstützer jubeln

Gleichwohl ist es offensichtlich, dass sich Chekatt als Teil der "IS-Gang" verstand, als er am Dienstagabend in Straßburg um sich schoss. Laut Zeugenaussagen rief er während der Tat mehrfach "Allahu akbar", Gott ist groß. Dem Fahrer des Taxis, das er auf der Flucht kurzzeitig entführt hatte, soll er außerdem gesagt haben, er habe mit dem Anschlag seine in Syrien getöteten Brüder rächen wollen.

All diese bekannten Fakten sollten für den IS eigentlich reichen, um die Tat für sich zu beanspruchen. Dass dies bislang nicht geschehen ist, kann mehrere Gründe haben:

  • Der IS ist in der Defensive: Das sogenannte Kalifat ist zerschlagen, die Terrormiliz beherrscht in ihrem einstigen Kernland im Irak und in Syrien nur noch ein wenige Quadratkilometer großes Gebiet. Ihre Anführer sind tot oder auf der Flucht. Anis Amri, der im Dezember 2016 mit einem entführten Lkw auf den Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz in Berlin gerast war, stand noch im direkten Kontakt zu Männern in der erweiterten IS-Führung. Sie steuerten ihn, und an sie schickte er auch ein vorab aufgenommenes Video, in dem er sich zu IS-Chef Abu Bakr al-Baghdadi bekannte. Durch die militärischen Niederlagen des IS in den vergangenen beiden Jahren sind die Kommunikation und Propagandaarbeit der Dschihadisten deutlich erschwert worden.
  • Der IS ist zurückhaltender geworden, wenn es darum geht, Terrorakte für sich zu reklamieren: Spätestens mit dem Massaker von Las Vegas, bei dem der Attentäter Stephen Paddock im Oktober 2017 knapp 60 Konzertbesucher tötete, haben die Bekennerschreiben des IS an Glaubwürdigkeit verloren. Die Dschihadisten reklamierten die Tat für sich, obwohl es keinerlei Hinweise dafür gab, dass der 64-Jährige von islamistischen Motiven getrieben wurde. Der Fall hat auch in der Sympathisantenszene des IS für Kopfschütteln gesorgt und dazu geführt, dass der IS sich erst später äußert.

Dafür bejubeln IS-Unterstützer das Attentat von Straßburg im Netz. In Mitteilungen, die über den Messengerdienst Telegram verbreitet werden, ist von "guten Nachrichten" die Rede. Sie feiern den Attentäter und werten den Anschlag als Beleg für die ungebrochene Schlagkräftigkeit der Terrororganisation.

Der IS hat es mit seiner Kette von Terroranschlägen in Europa - von Paris über Brüssel und Nizza bis Berlin - geschafft, dass inzwischen Anschläge als IS-Attentate gewertet werden, zu denen sich die Miliz gar nicht erst ausdrücklich bekennen muss.

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