Anschlagsserie in Indien Terroristen richten Blutbad in Mumbai an

Angriffe auf Luxushotels, Krankenhäuser, Cafes und einen Bahnhof: Terroristen haben mit einer Serie von Schießereien und Explosionen in der indischen Finanzmetropole Mumbai Dutzende Menschen getötet. Mehrere Ausländer wurden als Geiseln festgehalten, ein Hotel steht in Flammen.


Hamburg/Mumbai - "Ich war in der Lobby des Hotels. Plötzlich wurde draußen überall geschossen." Dann sei ein Mann mit einem Maschinengewehr vor ihm aufgetaucht. "Er begann auf uns zu schießen. Ich drehte mich um und bin in die entgegengesetzte Richtung gerannt" - so berichtet Sajjad Karim, der sich zum Zeitpunkt eines der Anschläge im Mumbaier Hotel Taj Mahal befand. Auch mehrere Parlamentsabgeordnete aus Europa hielten sich dort auf. Sie waren für eine EU-Indien-Konferenz nach Mumbai gekommen.

Unter den von den Terroristen bedrohten Gästen ist auch die deutsche Europa-Parlamentarierin Erika Mann (SPD). Die Abgeordnete aus Niedersachsen berichtete in einem Telefon-Gespräch mit dem ZDF-"Heute Journal", sie sei mit Hunderten Menschen "über viele Wege und viele Stationen" in einen Raum im Zentrum der Millionenstadt geflüchtet. Die Zustände seien chaotisch, nur wenige Ältere könnten sitzen. Von außen - also von Botschaften und indischen Freunden - habe sie erfahren, dass Polizei und wahrscheinlich auch Militär vor dem Gebäude in Position sei. An ihrem Zufluchtsort selbst gebe es aber keinen Schutz.

Insgesamt griffen die Täter zwischen zehn und 17 Ziele mit Schnellfeuergewehren und Handgranaten an. Laut A. N. Roy, dem Polizeichef des indischen Bundesstaates Maharashtra, hätten sie wahllos auf Menschen gefeuert.

Die Täter attackierten neben dem Hotel Taj Mahal auch einen überfüllten Bahnhof und Leopold's Restaurant, ein bei Touristen beliebtes Wahrzeichen, mit automatischen Schusswaffen, und sie warfen Handgranaten.

Die Zahl der Toten stieg nach Angaben der Polizei auf mindestens 80 Menschen an. Weitere 250 seien verletzt worden, teilten die Behörden mit. Unter den Toten sind laut Medienberichten der Anti-Terror-Chef der örtlichen Polizei, Hemant Karkare, drei hohe Polizeioffiziere sowie ein Japaner.

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Zeitleiste: Islamistischer Terror seit 2001
Das historische Taj-Hotel im Süden Mumbais stand in der Nacht in Flammen. Nach Angaben des Nachrichtensenders CNN erschütterten zwei schwere Explosionen das Gebäude. NDTV berichtete, nach der Erstürmung des bei Ausländern beliebten Hotels habe eine Anti-Terror-Einheit 50 Gäste gerettet. Drei Terroristen seien dabei getötet, neun weitere festgenommen worden. Ein Polizei-Offizier in der Zentrale in Mumbai sagte: "Wir haben vier Terroristen getötet und neun verdächtige festgenommen." Mehrere Angreifer hielten sich weiterhin in dem Hotel verschanzt.

Zuvor hatte der britische Sender BBC gemeldet, die Terroristen hätten dort etwa 100 Geiseln genommen. Die Terroristen hätten nach Briten und Amerikanern gesucht. Ein britischer Staatsbürger, der aus dem Hotel entkommen konnte berichtete: "Sie riefen: 'Wer hat US- oder UK-Pässe?'" Ein Taxifahrer gab an, im Taj Mahal säßen mindestens 50 Koreaner fest.

Im nahe gelegenen Oberoi-Hotel, in dem die gesamte Eingangslobby brannte, sollen am späten Mittwochabend mindestens tausend Touristen in die Gewalt der Geiselnehmer geraten sein. Auch im Marriott-Hotel gab es Berichten zufolge heftige Schießereien.

Nach Angaben des indischen Ministers Shivraj Patil befinden sich in jedem der beiden Hotels weiterhin vier oder fünf der Angreifer. Laut Patil attackierten die Terroristen neben den Hotels und dem Bahnhof auch Hospitäler. Im Süden der Stadt wurden Polizeiwachen angegriffen. "Wir sind unter Feuer, am Tor wird geschossen", rief der Polizist A. Shetti in einem Telefongespräch während einer Schießerei.

Aus der Hauptstadt Neu Delhi wurde nach Regierungsangaben eine 200 Mann starke Spezialeinheit zur Bekämpfung von Geiselnahmen nach Mumbai geflogen. Auf den Straßen Mumbais zogen Einheiten der Armee auf.

Bekennerschreiben von Islamisten

Zu den Anschlägen hat sich eine islamistische Organisation bekannt. Wie die Nachrichtenagentur Press Trust of India meldete, schickte eine Gruppe namens "Deccan Mudschahidin" entsprechende E-Mails an mehrere Medien.

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Die indische Regierung hat Pakistan in der Vergangenheit immer wieder vorgeworfen, islamistische Extremisten zu unterstützen. Nur wenige Stunden vor den Anschlägen kam der pakistanischen Außenminister Shah Mahmood Qureshi nach Neu Delhi, um die schleppenden Friedensgespräche zwischen den beiden Atommächten voranzutreiben. Muslimischen Extremisten sind diese Verhandlungen, die die einstigen Erzfeinde vor knapp fünf Jahren aufnahmen, ein Dorn im Auge.

Es gilt jedoch als unwahrscheinlich, dass es den Attentätern gelingen könnte, den indisch-pakistanischen Friedensprozess zum Entgleisen zu bringen - falls das ihr Ziel gewesen sein sollte. Aus ihrer Sicht haben sie aber bereits mehrere Erfolge zu verbuchen. Neben dem Tod des landesweit bekannten Chef der Anti-Terror-Einheit, Hemant Karkare, machen die jetzigen Angriffe das ganze Land fassungslos: Dass es Terrorkommandos gelingen kann, prominente Ziele in Mumbai anzugreifen und die Finanzmetropole in Angst und Schrecken zu versetzen, lässt Zweifel an den Behörden und ihren Sicherheitsvorkehrungen aufkommen. Schließlich ist es für die Sicherheitskräfte nicht der erste Ernstfall in Mumbai: Im Juli 2006 waren bei Bombenanschlägen in Vorortzügen fast 200 Menschen getötet worden.

Der Nachrichtensender CNN-IBN berichtete, eine Tankstelle in der Stadtmitte sei in die Luft gesprengt worden.

Unklar war zunächst, ob Deutsche unter den Opfern sind. Das Auswärtige Amt teilte in Berlin mit, das Generalkonsulat in Mumbai sei eingeschaltet und stehe im Kontakt mit den indischen Behörden.

Mumbai, am Arabischen Meer gelegen, ist das Finanzzentrum Indiens und zugleich dessen führender Handels- und Industrieplatz. Als Filmmetropole Indiens wird die Stadt auch als "Bollywood" bezeichnet. Mit rund 16 Millionen Einwohnern im Großraum ist die Metropole im Westen des Landes noch vor Kalkutta und der Hauptstadt Neu Delhi die größte Stadt Indiens. Mehr als die Hälfte der Einwohner lebt unter erbärmlichsten Umständen in übervölkerten Slums. Der aus der portugiesischen Kolonialzeit stammende Name Bombay (Gute Bucht) wurde Mitte der neunziger Jahre nach einer hinduistischen Göttin in Mumbai geändert.

In Indien sind in den vergangenen Jahren mehrere Bombenanschläge verübt worden, die zumeist islamistischen Gruppen zugeschrieben wurden. Als Tatverdächtige wurden aber auch extremistische Hindus festgenommen.

asc/flo/dpa/Reuters/AFP/AP



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