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Anschlagsserie in Israel: Terror aus dem Sinai

Von Ulrike Putz, Jerusalem

Die Angreifer schlugen dreifach zu, eröffneten das Feuer auf einer Autobahn im Süden Israels. Im Visier der Terroristen: ein Reisebus, ein Auto, eine Armeepatrouille. Die Täter sollen über den Sinai gekommen sein.

REUTERS

Die Angreifer schlugen in den Mittagsstunden zu, beschossen nördlich des Touristenorts Eilat erst einen Bus. Eine halbe Stunde später eröffneten Bewaffnete das Feuer auf einen Privatwagen, mehrere Kilometer vom ersten Tatort entfernt. Weitere 30 Minuten später fuhr eine herbeigerufene Militärpatrouille über eine Bombe am Straßenrand, diese explodierte. So rekonstruiert das israelische Militär die Anschlagsserie im Süden des Landes.

Mindestens sieben Menschen starben bei den Angriffen. Alle Terroristen, deren genaue Anzahl noch immer nicht zweifelsfrei feststeht, wurden nach Angaben der Regierung von Soldaten erschossen.

Nach israelischen Angaben kamen die Angreifer aus dem von der radikalislamischen Hamas kontrollierten Gaza-Streifen, sie seien über die Halbinsel Sinai nach Israel eingedrungen.

Am Abend reagierte Israel mit militärischer Vergeltung und startete einen Luftangriff nahe der Stadt Rafah im Gaza-Streifen. Nach palästinensischen Angaben wurden dabei sechs Menschen getötet. Unter den Toten sei auch ein Kind, sagte ein Sprecher des medizinischen Notdienstes. Die Regierung in Israel bestätigte den Luftschlag. Nähere Einzelheiten gab es zunächst nicht.

Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon warnte Israel und die Palästinenser vor einer Eskalation der Gewalt.

Sinai als Rückzugsort von Terroristen

Dass die Attacken auf den Süden Israels von der ägyptischen Sinai-Halbinsel aus verübt wurden, scheint plausibel. In den vergangenen Monaten wuchs bei Israels Militär und Geheimdiensten die Sorge vor Anschlägen. Immer wieder warnten Sicherheitsexperten, nach der Revolution in Kairo habe die dortige Übergangsregierung die Kontrolle über die unwirtliche Wüstenregion verloren. Der Sinai sei zum Rückzugsort von Terroristen geworden.

Allein auf die Erdgas-Pipeline zwischen Ägypten und Israel wurden seit Beginn des Jahres fünf Anschläge verübt. Etwa 40 Prozent des zur Stromgewinnung genutzten Erdgases bezieht Israel aus seinem Nachbarland.

Der Sinai ist Heimat mehrerer Beduinenstämme, die ein Leben am Rand der Legalität führen. Sie schmuggeln vom Sinai aus Waffen und Waren in den von der radikalislamischen Hamas beherrschten Gaza-Streifen. Ihre Schmuggeltunnel dienen militanten Palästinensern als Passage aus dem und in den von Israel abgeriegelten Küstenstreifen. Ein weiterer florierender Geschäftszweig der Beduinen ist der Transport illegaler Einwanderer und billiger ägyptischer Zigaretten über die kaum kontrollierte Wüstengrenze nach Israel.

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Israel: Terrorserie nahe Eilat
Seit dem Umbruch in Kairo und dem damit einhergehenden Zusammenbruch des Überwachungsstaats in Ägypten haben nun auch landesweit gesuchte Ganoven und militante Islamisten den Sinai für sich entdeckt: Die zerklüfteten Berge sind ein ideales Versteck für jene auf der Flucht vor dem Gesetz.

Angriffe häufen sich

Die Zusammenstöße zwischen Armee und Polizei auf der einen und den Gesetzlosen auf der anderen Seite häufen sich. In dem an der Mittelmeerküste gelegenen Sinai-Ort al-Arisch griffen Islamisten vor zwei Wochen eine Polizeistation an. Ein Offizier und drei Passanten kamen ums Leben.

Vergangene Woche hatte eine Gruppe Islamisten auf Flugblättern mit weiteren Anschlägen auf die Sicherheitskräfte gedroht. Die Pamphlete waren mit "al-Qaida auf dem Sinai" unterzeichnet.

Wie ernst Israel die vom Sinai ausgehende Gefahr nimmt, zeigt eine Entscheidung, die Ministerpräsident Benjamin Netanjahu vergangene Woche fällte. Er genehmigte Ägypten, zusätzlich zu den schon auf der Halbinsel stationierten Truppen weitere tausend Soldaten - darunter Dutzende Panzerbesatzungen - auf den Sinai zu verlegen.

Eigentlich ist die Zahl der auf der Halbinsel stationierten ägyptischen Sicherheitskräfte streng limitiert. Dies war Teil der Bedingungen zur Rückgabe der Wüstenregion an Ägypten, die anlässlich des Friedensschlusses 1979 erfolgte. Israel hatte den Sinai während des Sechs-Tage-Krieges 1967 erobert.

Codename "Adler"

Schon im Februar hatte Jerusalem eine Verlegung von 800 zusätzlichen Soldaten in der Grenzregion befürwortet. Mit der Genehmigung für eine erneute Aufstockung will Israel Kairo ermöglichen, die Lage zu stabilisieren. Vorerst scheint der Truppenaufmarsch mit Codenamen "Adler" das Gegenteil bewirkt und die Terroristen aus ihren Schlupflöchern und zur Tat getrieben zu haben.

Auch wenn bislang noch nicht offiziell bestätigt ist, ob die Attentäter aus Ägypten nach Israel eindrangen: Gelegenheit dazu hätten sie gehabt. Die Wüstengrenze zwischen beiden Ländern wird auf langen Strecken nur von einem oftmals von Sand verschütteten Stacheldrahtzaun markiert.

Zwar beschloss Jerusalem schon 2010, das zu ändern, doch hat sich bislang wenig getan. Im Januar 2010 gab Ministerpräsident Netanjahu 20 Millionen Euro frei, um an der israelischen Südgrenze eine Befestigung zu bauen: ein 230 Kilometer langer, mehrere Meter hoher Zaun. Nach 18-monatiger Bautätigkeit seien 20 Kilometer der Grenzanlage fertig gestellt, schrieb die Web-Seite "Ynetnews" nach den Attacken vom Donnerstag.

Anmerkung der Redaktion: In einer ersten Version dieses Textes hieß es irrtümlich, der Sinai sei 1973 von Israel erobert worden. Wir haben den Fehler korrigiert und bitten um Entschuldigung.

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