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Anschlagsversuch auf "Jyllands-Posten": Dänische Redaktion entging knapp einem Blutbad

Von Niels Reise und Yassin Musharbash

Schon wieder Nordeuropa, offenbar schon wieder Islamisten: Schwedische und dänische Fahnder haben einen mutmaßlichen Terrortrupp festgenommen. Die Männer wollten schwer bewaffnet die Zeitung "Jyllands-Posten" in Kopenhagen angreifen - wohl als Rache für die Mohammed-Karikaturen.

"Jyllands-Posten"-Gebäude (Archivfoto): "Sie wollten so viele Menschen wie möglich töten" Zur Großansicht
DPA

"Jyllands-Posten"-Gebäude (Archivfoto): "Sie wollten so viele Menschen wie möglich töten"

Kopenhagen/Berlin - Die mutmaßlichen Attentäter von Kopenhagen waren noch gar nicht in Dänemark angekommen, da gerieten sie bereits ins Visier der Ermittler: Einen grauen Toyota Avensis sollen drei schwedische Männer mit Wurzeln im Nahen Osten an einer Tankstelle im Stockholmer Vorort Kista am Dienstag gemietet haben, mit dem sie dann nach Dänemark eingereist sind, um dort ihre Komplizen zu treffen.

Unbemerkt blieb das Vorhaben nicht.

Kurz nach ihrer Ankunft in der dänischen Hauptstadt wurde der Trupp bei Hausdurchsuchungen des Geheimdienstes PET offenbar noch in der Nacht zum Mittwoch festgenommen. Der PET hatte die Gruppe gemeinsam mit Kollegen vom schwedischen Geheimdienst Säpo schon seit längerer Zeit observiert.

Bei den Verdächtigen handele es sich um einen 44-jährigen Tunesier, einen 29-jährigen Libanesen und einen 30-Jährigen, dessen Identität noch nicht näher bekannt sei, sagte PET-Chef Jakob Scharf. Bei dem vierten Verdächtigen, der nicht aus Schweden eingereist sei, handele es sich um einen 26-jährigen Asylbewerber aus dem Irak, der in Kopenhagen lebe. Nach Angaben der dänischen Nachrichtenagentur Ritzau wurde zugleich in Stockholm ein 37-jähriger Schwede tunesischer Abstammung festgenommen.

Offenbar plante die Gruppe einen Anschlag, der ganz Europa erschüttert hätte. Ihr Ziel war nach Angaben der Ermittler das Pressezentrum am Kopenhagener Rathausplatz, in dem zwei der größten Tageszeitungen Dänemarks ihre Redaktionsräume haben: die liberale "Politiken" und die konservative "Jyllands-Posten." Wäre es zu einem Attentat gekommen - und davon gehen PET und Säpo mit großer Sicherheit aus - hätte es zu einem schrecklichen Blutbad an einem der wichtigsten und symbolträchtigsten Plätze des Landes kommen können.

PET-Chef Scharf erklärte, dass bei den Männern unter anderem mit Schalldämpfern ausgerüstete Maschinenpistolen und weiße Plastikriemen, wie sie zum Fesseln von Hand- und Fußgelenken benutzt werden, gefunden worden seien. "Sie wollten so viele Menschen wie möglich töten", sagte Scharf. Vorbild könnte demnach das Terrorattentat auf ein Luxushotel im indischen Mumbai gewesen sein, bei dem schwer bewaffnete Männer mit automatischen Waffen wild um sich geschossen hatten.

"Jyllands-Posten" hatte im September 2005 Mohammed-Zeichnungen publiziert, unter anderem von dem weltweit bekannten Karikaturisten Kurt Westergaard. Die Veröffentlichung hatte in der gesamten islamischen Welt zu blutigen Protesten mit mindestens 150 Toten geführt. Westergaard selbst ist seitdem ein Ziel von Angriffen geworden. Aus Solidarität mit ihm und "Jyllands-Posten" hatten auch andere skandinavische Zeitungen die von vielen Muslimen als blasphemisch empfundenen Karikaturen nachgedruckt.

"Es ist furchtbar für unsere Mitarbeiter"

Laut Scharf hätte der Anschlag bereits in den kommenden Tagen stattfinden sollen. "Diese Männer können zweifellos als militante Islamisten mit engen Beziehungen zu internationalen Terrornetzwerken bezeichnet werden", erklärte der Ermittler. "Dadurch wird der Ernst der terroristischen Bedrohung unterstrichen, die sich gegen Dänemark und speziell solche Personen und Institutionen richtet, die mit den Mohammed-Karikaturen assoziiert werden."

Dänemarks Justizminister Lars Barfoed bezeichnete den vereitelten Anschlag in einer E-Mail an die Nachrichtenagentur Ritzau als die bislang ernsthafteste terroristische Bedrohung Dänemarks. Gleichzeitig mahnte er zur Besonnenheit und meinte, der Vorfall zeige deutlich, wie gut die dänischen Terrorvorkehrungen greifen würden.

Der Leiter des Kopenhagener Pressezentrums, Lars Munch, zeigte sich schockiert: "Es ist furchtbar für unsere Mitarbeiter und ihre Familien, ihre Arbeitsplätze erneut derartig bedroht zu sehen." Er sehe dennoch keinen Grund, die Sicherheitsvorkehrungen des Blattes zu ändern. "Wir haben bereits ein sehr hohes Sicherheitsniveau und sind in ständigem Kontakt mit PET." Zurzeit sei es wichtiger, psychologischen Beistand für diejenigen Mitarbeiter der Zeitung zu leisten, die diesen jetzt bräuchten.

Gab es Verbindungen ins Ausland?

Säpo-Chef Anders Danielsson hält einen Zusammenhang mit dem gescheiterten Selbstmordattentat vom 11. Dezember in der Stockholmer Fußgängerzone für unwahrscheinlich und erklärte: "Eine ernste terroristische Bedrohung konnte durch die effektive und enge Zusammenarbeit zwischen PET und Säpo abgewendet werden."

Noch ist nicht gänzlich klar, ob die mutmaßlichen Attentäter auf eigene Initiative handelten oder von einer Terrorgruppe im Ausland gesteuert wurden. Allerdings gibt es dem Vernehmen nach einschlägige Verbindungen einzelner Festgenommener ins Ausland. PET-Chef Scherf hält es für möglich, dass die vereitelten Pläne ihren Ursprung in den USA haben. Er sagte in Kopenhagen, man könne einen Zusammenhang zwischen den mutmaßlicher Terroristen und den Aktivitäten des US-Bürgers David Headly vom Oktober 2009 "nicht ausschließen". Weitere Einzelheiten wollte er nicht nennen.

Headley war wegen Attentats-Plänen gegen die "Jyllands-Posten" in den USA festgenommen worden. Im Hintergrund zog damals der pakistanische Top-Terrorist Ilyas Kashmiri die Fäden. Er hatte damals einen seiner Gefolgsleute gebeten, Kontakt zu einem Mann in Stockholm aufzunehmen, der ihm womöglich helfen könne. Der Angesprochene lehnte aber ab - er stehe unter Beobachtung der Behörden. Kashmiris Mittelsmann Headley hatte damals das Redaktionsgebäude von "Jyllands-Posten" bereits ausgekundschaftet - unter dem Vorwand, er sei ein Geschäftsmann, der ein Inserat aufgeben wolle.

"'Jyllands-Posten' ist ein wichtiges Ziel für dschihadistische Terroristen", sagte der schwedische Terrorforscher Magnus Ranstorp SPIEGEL ONLINE. "Wer es schafft, der wird in der Szene sofort zum Star." Tatsächlich haben al-Qaida & Co. immer wieder Sympathisanten dazu aufgefordert, die Zeitung ins Visier zu nehmen.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 420 Beiträge
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1. ***
Carla, 29.12.2010
Hoffentlich nehmen deutsche Medien diesen Zwischenfall nicht zum Anlass, noch mehr bei der Berichterstattung über gewissen Themen einzuknicken als es bisher ohnehin schon der Fall ist.
2. klasse
Betonia, 29.12.2010
Zitat von sysopSchon wieder Nordeuropa, offenbar schon wieder Islamisten: Schwedische und Dänische Fahnder haben einen mutmaßlichen Terrortrupp festgenommen. Die Männer wollten schwer bewaffnet die Zeitung "Jyllands-Posten" in Kopenhagen angreifen - wohl als Rache für die Mohammed-Karikaturen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,737040,00.html
Die Fahnder konnten den Anschlag vereiteln. Klasse, ein paar Leute haben ihre Hausaufgaben gemacht.
3. Das Problem in Europa ist das die Islamterroristen
blob123y 29.12.2010
genau wissen, was die auch immer machen die EU Rechtsprechung macht sicher das den Typen sowieso nichts passiert. Sollten die doch ertappt und eingesperrt werden wissen die wiederum genau das die Gefaengnisse wo die hinkommen wesenlich bessere Lenbensbedingungen bieten als sich je ein Islamterrorist in seinen Heimatland erhoffen kann, obendrein gibts noch dicke "Kohle" von den Spendern auf der arabischen Halbinsel, wir wissen wer as ist, aber es darf nicht geasagt werden. Ergo unser sogenannter "Rechtsstaat" ist nicht geeignet dem Terror gegen unsere Gesellschaft Paroli zu bieten. Politiker haben wie ueblich keinerlei Ahnung und wedeln das Problem unter den Tisch, es wird boese enden, trust me !
4. Hoffentlich
Ernst Robert, 29.12.2010
kommen jetzt auch ein paar Reaktionen aus dem Lager der Islam-Vertreter oder -Befürworter. Herr Kazim aus Ihrer Redaktion, der sich so betroffen von Sarrazins Buch gezeigt hat, findet sicher die richtigen Worte dazu. Vielleicht hört man auch etwas von Frau Roth oder Frau Künast.
5. antworten
Coz, 29.12.2010
Problematisch ist, dass sich unsere Medien und Politiker noch weiter einschüchtern lassen werden und die Religion des Friedens weiterhin als Opfer des Islamismus sehen. Hätten damals ALLE Printmedien die Karikaturen aus Solidarirität mit den dänischen Kollegen veröffentlicht, wäre es vielleicht nicht so weit gekommen. So aber picken sich die Herren die paar Standhaften heraus, schalten diese aus und schon ist alles gleichgeschaltet. Ironisch auch, dass gerade den Skandinaviern und Holländern ihre total liberale und fortschrittliche Einwanderungspolitik der vergangenen Jahre um die Ohren fliegt. Was hat sich eigentlich in D nachg Sarrazin getan, außer Anzeigen von C-Prominenten mit MihHiGr, die ihr Zunge schwarz-rot-gold gefärbt haben?
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Terror: Angriff auf dänischen Karikaturisten

Chronologie des Karikaturenstreits
30. September 2005
Die dänische Zeitung "Jyllands-Posten" veröffentlicht zwölf Karikaturen zum Islam. Einige von ihnen bringen die Religion und ihren Propheten mit dem modernen Terrorismus und mit Selbstmordanschlägen in Verbindung. So zeigt eine von Kurt Westergaard angefertigte Zeichnung Mohammed mit einer Bombe in Form eines Turbans auf dem Kopf. Die muslimische Welt reagiert empört sowohl auf die Verbindung ihrer Religion mit dem Terrorismus als auch auf die Verbildlichung Mohammeds, die für viele Muslime eine Beleidigung des Propheten darstellt.
Oktober bis November 2005
Dänische Muslime gehen aus Protest gegen die Karikaturen auf die Straße. Eine niederländische Zeitung veröffentlicht die Zeichnungen ebenfalls.
Januar 2006
Die Protestwelle schwappt auf arabische Länder über, Saudi-Arabien zieht seinen Botschafter aus Dänemark ab.
Februar 2006
Auch zahlreiche europäische Zeitungen veröffentlichen unter der Verteidigung der Pressefreiheit einige oder alle Karikaturen der "Jyllands-Posten". Bei weltweiten Protesten in muslimischen Ländern sterben Dutzende Menschen, dänische Botschaften und andere Einrichtungen des Landes werden beschädigt.
Februar 2008
Die dänische Polizei teilt mit, ein Mordkomplott gegen Westergaard verhindert zu haben. In Reaktion darauf veröffentlichen mehrere dänische Zeitungen erneut die umstrittenen Bilder.
März 2008
Qaida-Führer Osama Bin Laden droht Europa wegen der Karikaturen mit einer "Abrechnung".
2. Juni 2008
Bei einem Bombenanschlag vor der dänischen Botschaft in der pakistanischen Hauptstadt Islamabad sterben acht Menschen.
April 2009
Die dänische Gesellschaft für Pressefreiheit verkauft - von Kurt Westergaard handsignierte - Drucke der umstrittenen Mohammed-Karikatur für 250 Dollar das Stück.
Oktober 2009
In Chicago werden zwei Männer verhaftet, die einen Anschlag auf das Gebäude der "Jyllands-Posten" geplant haben sollen.
2. Januar 2010
Ein somalischer Islamist dringt mit einem Messer und einer Axt bewaffnet in Westergaards Haus ein und bedroht den Zeichner. Der Angreifer wird von der Polizei überwältigt und noch am gleichen Tag wegen versuchten Mordes angeklagt.

AFP
26. Februar 2010
Die dänische Zeitung "Politiken" entschuldigt sich in einem Vergleich mit einer Vereinigung von Mohammed-Nachfahren dafür, Muslime mit dem Abdruck der Karikaturen gekränkt zu haben. Dänische Politiker reagierten überwiegend entrüstet auf die Entschuldigung.
September 2010
Ein im Juli festgenommener Verdächtiger, der aus dem Irak stammt, gesteht, einen Anschlag auf die "Jyllandsposten" geplant zu haben. Zuvor hatte die Polizei in Kopenhagen einen anderen Mann festgenommen, der angeblich eine Briefbombe zur "Jyllandsposten" schicken wollte. Am 30. September - exakt fünf Jahre nach der ersten Veröffentlichung - erscheint das Buch von Flemming Rose "Tyrannei des Schweigens". Darin analysiert er die vergangenen Jahre und den Streit um die Cartoons.
Interaktive Grafik
Zeitleiste: Islamistischer Terror seit 2001


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