New York: Skandalpolitiker Weiner will Bürgermeister werden

Von , New York

Fotostrecke: Die kuriosen Kandidaten Fotos
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Er stürzte über einen Skandal um Nacktfotos auf Twitter, nun versucht der Ex-Kongressabgeordnete Anthony Weiner ein Comeback: Er will Bürgermeister von New York werden. Damit bereichert er ein Kandidatenrennen, in dem es bereits reichlich kuriose Bekenntnisse und Beichten gab.

Kein Wahlkampf kommt ohne Babys aus. Das weiß auch Anthony Weiner. Das Video, mit dem er seine Kandidatur fürs New Yorker Bürgermeisteramt verkündet, beginnt dann auch mit einer trauten Küchenszene: Vater, Mutter, einjähriger Sohn im Schlabberlätzchen. "Hier", proklamiert Weiner, "beginnt jeder Tag."

Doch noch etwas anderes soll hier beginnen: Weiners Comeback aus dem politischen Exil, dem Gefängnis der schlüpfrigen Late-Night-Witze.

Die höhnischen Kommentare hat er sich natürlich selbst zuzuschreiben. Erst zwei Jahre ist es her, dass die Karriere des demokratischen US-Kongressabgeordneten implodierte, nachdem er via Twitter Nacktfotos von sich verschickt hatte. Zwei Jahre, so hofft er jedenfalls, in denen die New Yorker entweder vergessen oder vergeben haben.

"Ich weiß, dass ich viele Leute enttäuscht habe", sagt Weiner in dem Wahlkampfvideo, das er am Dienstag auf YouTube stellte. "Und ich hoffe, ich bekomme eine zweite Chance."

Damit läge er zumindest im Trend: In South Carolina wählten sie jetzt auch ihren über einen Sexskandal gestürzten Ex-Gouverneur Mark Sanford in den US-Kongress zurück.

"Ich habe große Fehler gemacht"

Anders als Sanford, der noch ganz traditionell fremdging, praktizierte Weiner nur virtuellen Sex, indem er weibliche Fans mit anzüglichen Handy-Fotos beglückte. Dann log er, bis er nicht mehr lügen konnte. Es war die altbekannte Sünderfalle, die plump verpatzte Vertuschung schlimmer als das Vergehen.

"Ich habe ein paar große Fehler gemacht", sagt Weiner jetzt. Es ist ein von seiner PR-Agentur verfasster Satz, die Krönung einer akribisch eingefädelten Wiedergutmachungskampagne. Die begann im April mit einem Offenbarungseid im "New York Times Magazine". In einer langen Coverstory plauderten Weiner und seine Ehefrau Huma Abedin da über die Twitter-Affäre: "Zorn und Wut und Schock" - so erinnerte sich Abedin, eine Ex-Beraterin von Hillary Clinton, an ihr damaliges Gefühlschaos.

Die Resonanz war vorhersehbar. Über Nacht wurde Weiner zur Witzfigur, verfolgt von Paparazzi und Klatschreportern. "Glaubt mir", kalauert TV-Talker Jay Leno über seine Kandidatur, "er hat lange und hart darüber nachgedacht."

Weiner lässt sich nicht irritieren. Immerhin hat er noch 4,3 Millionen Dollar in der Kampfkasse, Restsaldo seines alten Kongresskontos. Leider winkten frühere Wahlhelfer ab, weshalb sein Team nun aus einem Polit-Novizen und einer Dramatikerin besteht, die das Wahlprogramm verfasst hat. Slogan: "Keys to the City".

Kuriose Kandidaten

Diese Schlüssel zur größen Stadt der USA begehren aber noch andere. Weiner ist kaum der kurioseste Kandidat im Rennen um die Nachfolge von Bürgermeister Mike Bloomberg. Zwar ist die Wahl erst im November und die Vorwahl im September. Doch schon jetzt übertrumpfen sich die selbsternannten Erben mit Bekenntnissen, Beichten und Bravado.

Das demokratische Feld führt Christine Quinn an, die Sprecherin des Stadtrats. Sie wäre die erste Frau - und die erste offen lesbische - im Bürgermeisteramt. Was nichts daran ändert, dass gerade die Schwulen- und Lesbenszene Quinn als "faulen Komprimiss", da "nicht links genug", anfeindet. Quinn ist bekannt für ihre cholerischen Anfälle. Deshalb sucht sie ihr Image jetzt mit der obligatorischen Autobiografie zu schönen - und ebenfalls einem Artikel in der "New York Times", in der sie freimütig über ihre Bulimie und ihren Alkoholismus sprach.

Auch Bill Thompson, der 2009 gescheiterte Kandidat, will es noch mal wissen. Trotz seiner Dauerpräsenz - er war acht Jahre lang städtischer Rechnungsprüfer - ist der Schwarze vielen bis heute unbekannt. Außerdem unter den Demokraten: New Yorks Ombudsmann Bill de Blasio, dessen Frau sich als Ex-Lesbe outete, und der derzeitige Rechnungsprüfer John Liu, gegen dessen Team das FBI wegen Spendenbetrug ermittelt.

Auch bei den Republikanern geht es rund. Joe Lhota war nur 14 Monate lang Chef der U-Bahn-Gesellschaft MTA, bevor er das Lob für seine Reaktion auf den Supersturm "Sandy" zur Kandidatur ummünzte. Gegen ihn treten an unter anderem der Milliardär John Catsimatidis, dessen Supermarktkette Gristedes berüchtigt ist für ihr Billig-Image und die Diskriminierung von Frauen, und der Obdachlosen-Aktivist George McDonald, der nur 2000 Dollar in der Spendenkasse hat.

Wie sich Anthony Weiner in diesem Zirkus schlagen wird, ist schwer zu sagen. Nate Silver, der kundige Chefdemoskop der "New York Times", gibt ihm wenig Chancen: "Fast jeder zweite Wähler, der seinen Namen kennt, hat ein schlechtes Bild von ihm."

Oder, wie Weiner es selbst in seinem neuen Video sagt: "Eine klassische New-York-Story."

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insgesamt 8 Beiträge
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1. I.C Wiener
ofelas 22.05.2013
Land der unbegrenzten Moeglichkeiten
2. Alles berechnet
tailspin 22.05.2013
Ich weiss gar was diese bloede Kritik schon wieder soll. Wenn jemand Bilder von seinem "Wiener" verschickt, dann spricht er eine spezifische Zielgruppe an. Weiner hat sich wohl ausgerechnet, dass er in sich in NY's Waehlerpool erstklassig fuer eine Buergermeisterstelle qualifiziert. Welche andere Qualifikation braucht es auch schon? Zumindest hat er die Moeglichkeit, Frauen und damit rund 50 % der Waehler zu beeindrucken. Daneben koennte er noch ein paar vereinzelte maennliche Demokraten gewinnen, und schon hat er die Mehrheit. Was auch auf die Qualitaet der Mitbewerber (vor allen Bloomturd) schliessen laesst.
3. Schöne Bericht,
Lorbas 22.05.2013
aber ich bin mir sicher, nur die Hälfte der Leute, die ihren lesen, verstehen die am Anfang gemachten Geschichtchen von Witziger und Leo's "hart und lang". Eine Erklärung wäre vielleicht angebracht gewesen. Weiner hat Fotos von seinem besten Stück an weibliche Mitarbeiter und auf Twitter geschickt. Der Witz ist, daß "Weiner" im amerikanischen "Wiener" ausgesprochen wird, womit ebenso das männliche Geschlechtsteil tituliert wird - vergleichbar mit dem dt. Schwanz. Und schon wird die Sache lustig!
4.
biobanane 22.05.2013
Er war ja schon die Hoffnung der Linken, bis im sein Schwanz in Quere kam. Aber ob ihn die Demokraten für so ein Amt, was ja in der weltweiten Wahrnehmung gleich nach der Regierung kommt, aufstellen? Aber wahrscheinlch wird dann doch wieder ein "liberaler" Republikaner gewählt und kein wirklicher Linker.
5. Welche Reaktion meinen die wohl?
hdudeck 22.05.2013
Zitat von sysopREUTERSEr stürzte über einen Skandal um Nacktfotos auf Twitter, nun versucht der Ex-Kongressabgeordnete Anthony Weiner ein Comeback: Er will Bürgermeister von New York werden. Damit bereichert er ein Kandidatenrennen, in dem es bereits reichlich kuriose Bekenntnisse und Beichten gab. http://www.spiegel.de/politik/ausland/anthony-weiner-will-buergermeister-von-new-york-werden-a-901358.html
So weit ich mich erinnern kann ist die Subway (South Ferry) total abgesoffen und bis heute stellenweise noch immer nicht wiederhergestellt (Far Rockaway). Nach Irene haetten alle und vor allem Bloomberg gewarnt gewesen sein sollen, das Stuerme auch NYC erreichen koennen. Mit allem was dazugehoert, vor allem Uberflutungen. Statt dessen haben sich die Herren und Damen gegenseitig gelobt. Keine Vorsorge - nichts. Die Flutung der Tiefgarage des New York University Langone Medical Center haette durch eine einfache Sandsackbarriere verhindert werden koennen. Die Flut war nur einige 10 cm hoch, also beherschbar. Statt dessen feiern die Helfer/Politiker sich als Helden, weil sie es geschaft haben, das Hospital ohne Tote evakuiert zu haben.
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