Anti-Assad-Puppenspiel: Wiegenlied für den weinerlichen Despoten

Von Ulrike Putz, Beirut

In ihrer Show machen sie Baschar al-Assad zum Hanswurst: Mit Handpuppen spielen Regimegegner den politischen Alptraum in ihrem Land nach. Die YouTube-Clips der Stücke sind Klick-Hits - doch mit dem Erfolg wächst die Angst der Kreativen. Schwarzer Humor ist in Syrien lebensgefährlich.

Assad-YouTube-Film "Bischus Alptraum"Zur Großansicht

Assad-YouTube-Film "Bischus Alptraum"

Der Diktator trägt Schlafmütze und einen mit Herzen dekorierten Pyjama. Er träumt: Das Regime fällt, der Aufstand gegen ihn hat Erfolg. Bischu, wie der Despot in diesem Puppenspiel heißt, schreckt von seinem Nachtlager hoch: "Warum liebt mich das syrische Volk nicht mehr? Warum wollen die Menschen mich vor Gericht stellen?", greint er. Ein schnauzbärtiger Unterling eilt herbei, den Herrscher zu trösten: "Schlummere ruhig weiter, wir alle lieben dich!" Der Diener streichelt den Präsidenten zurück in den Schlaf und singt dazu ein Wiegenlied: "Wir werden alle Menschen in Syrien töten."

Bischu, das ist Baschar al-Assad. Er ist der Hanswurst eines Kasperletheaters, mit dem syrische Theatermacher seit November per YouTube ihren bitterbösen Kommentar zur politischen Lage in Syrien abgeben: Bischu ist in den Stücken einerseits ein herrschsüchtiger Despot, andererseits ein weinerliches Muttersöhnchen, das seinen Kosenamen aus Kinderzeiten nie abgelegt hat. Vor allem aber ist er eine Handpuppe und eine verblüffend gute Karikatur Assads. Die Hakennase, die eng stehenden Augen, der lange Schädel: So kennt man Baschar von den Abertausenden Fotos, mit dem regimetreue Syrer ihre Autos, Wohnzimmer und Geschäfte schmücken.

"Top Goon", "Oberster Schläger - aus dem Tagebuch eines kleinen Diktators" nennt sich die Serie von fünf- bis zehnminütigen YouTube-Clips, die etwas Humor in den Alltag der geschundenen syrischen Aufständischen bringen sollen: Bischu und sein Handlanger Schabih sind - wie es sich für Puppentheater gehört - so schön blöd, dass es eine Freude ist. "Humor stellt die Menschen bloß und gibt uns die Kraft zu kämpfen", sagt Dschamal*, der als Sprecher der "Top Goon"-Truppe fungiert. "Angesichts der Lage in Syrien bleibt uns das Lachen zwar oft im Halse stecken. Aber besser wir lachen, als dass wir nur zu Hause sitzen und weinen."

Die ersten 15 Episoden der Satire sind ein Hit

Bei aller Kritik am Regime malt "Top Goon" nicht in Schwarzweiß: In der Episode, in der Schabih als Folterknecht einen jungen Häftling peitscht, wird letztlich klar, dass auch der Schläger ein Gefangener des Systems ist. "Du bist doch auch nicht frei", ruft der Puppenhäftling, während er von dem Regimetreuen mit einer Miniaturpeitsche traktiert wird. "Ich werde in zwei, drei Monaten aus dem Gefängnis entlassen, aber du bleibst hier." In einer anderen Folge hat Diktator Bischu genug und will zurücktreten. Er kassiert daraufhin selbst Schläge seiner Untergebenen: "Bist du verrückt geworden? Das ist nicht deine Entscheidung, wann du abtrittst!"

Die ersten 15 Episoden der Satire waren ein Hit, Hunderttausende haben sie sich angeschaut. Dass viele Zuschauer in Syrien selbst sitzen, wissen die Macher von "Top Goon" dank der digitalen Fanpost. Der Schlachtruf des Puppendiktators - "Ich bin nicht verrückt" - ist inzwischen zum oft wiederholten Slogan auf syrischen Revolutionsforen geworden. Die zweite Staffel der Serie geht demnächst online, jeden Sonntag eine neue Episode.

Die "Top Goon"-Puppen sind liebevoll aus Pappmaché geformt, die verschiedenen Kostüme handgenäht. Die syrischen Künstler, die sie geschaffen haben, riskieren damit Kopf und Kragen. "Einmal musste ich die halbfertigen Puppen in Damaskus von einem Haus zum anderen bringen", erinnert sich Dschamal. Kaum war er mit den Figuren in einem Beutel auf die Straße getreten, sah er sieben Schlägertypen auf sich zurennen. Dschamal erstarrte. "Ich dachte nur: Wie kann es sein, dass sie uns so schnell auf die Schliche gekommen sind?" Letztlich hetzten die Schergen an ihm vorbei: Sie waren einem anderen Unglücklichen auf den Fersen.

Angesichts der Sicherheitslage beschlossen die zehn am Projekt beteiligten Künstler, die Puppen außer Landes zu bringen und ihre Sketche außerhalb von Syrien zu drehen. "Alles andere wäre Selbstmord gewesen." Um sie über die Grenze zu schmuggeln, verkleidete Dschamal die Figuren: Bischu zum Beispiel bekam eine wallende Perücke und einen Walrossschnurrbart verpasst. "Ich hatte wirklich Bammel am Checkpoint."

Auf Facebook viel Lob - und Drohungen von Assads Anhängern

Dschamal ist im Exil geblieben, dennoch schwebt er in Gefahr: Die Fälle, in denen Oppositionelle vom syrischen Geheimdienst aus dem benachbarten Ausland zurück nach Syrien entführt werden, häufen sich. So kommt es, dass die Macher von "Top Goon" trotz ihres wachsenden Ruhms nach wie vor anonym bleiben. Davon, dass ein US-amerikanischer Verband von Muslimen ihnen den ersten Preis für revolutionäre Kunst verliehen hat, haben sie nur durch Zufall erfahren. Auch in der Theaterbranche werden die Syrer gefeiert, der Weltverband der Puppenspieler hat ihnen seine Unterstützung angeboten.

Doch nicht alle Zuschauer sind begeistert: Auf "Top Goons" Facebook-Seite gehen immer wieder Drohungen von Regimeanhängern ein. Dass die Puppenspieler diese ernst nehmen müssen, zeigt der Fall des syrischen Komikers Ibrahim Kaschusch. Nachdem er in den ersten Monaten des syrischen Aufstands Spottlieder auf Assad gedichtet hatte, wurde er im Juli vergangenen Jahres tot aufgefunden. Seine Mörder hatten ihm die Kehle durchgeschnitten und die Stimmbänder herausgerissen.

Ein Bonbon für Liebhaber gehobenen Humors ist die Folge Fünfeinhalb von "Top Goon". Sie besteht schlicht aus einem Auszug aus dem berüchtigten Interview, dass Assad im Dezember Barbara Walter, der Grande Dame der US-Talkshows, gab. "Wir töten unsere Leute nicht", sagte Assad darin. "Keine Regierung der Welt tötet ihr eigenes Volk, es sei denn, sie wird von einem Verrückten geführt."

Für die Macher von "Top Goon" war das Realsatire, die sie ihren Zuschauern nicht vorenthalten wollten. "Das hätten wir uns selbst nicht besser ausdenken können", sagt Dschamal.

*Name von der Redaktion geändert

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insgesamt 1 Beitrag
cassandros 21.01.2012
habe ich richtig geklickt? Roberto Blanco - Der Puppenspieler von Mexiko - YouTube (http://www.youtube.com/watch?v=rLk8RBlECsg&feature=related)
Zitat von sysopAnti-Assad-Puppenspiel---- Mit Handpuppen spielen Regimegegner den politischen Alptraum in ihrem Land nach. Die YouTube-Clips der Stücke sind Klick-Hits - ... Schwarzer Humor ist in Syrien lebensgefährlich. ]
habe ich richtig geklickt? Roberto Blanco - Der Puppenspieler von Mexiko - YouTube (http://www.youtube.com/watch?v=rLk8RBlECsg&feature=related)
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  • Samstag, 21.01.2012 – 13:21 Uhr
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Bevölkerung: 22,505 Mio.

Hauptstadt: Damaskus

Staatsoberhaupt:
Baschar al-Assad

Regierungschef: Wail al-Halki

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