Anti-Putin-Aktion in Kirche: Pussy-Riot-Rockerinnen drohen lange Haftstrafen

Sie flehten Gott an, Russland von Putin zu erlösen. Nach einer Kirchen-Performance wurden zwei junge Punk-Musikerinnen der Band Pussy Riot im Gericht wie Tiere vorgeführt, ihnen drohen lange Haftstrafen. Gläubige bezeichnen das harte Vorgehen der Behörden als Hetzjagd.

Pussy Riot: Neonstrümpfe und Sturmhauben Fotos
AP

Moskau - In Russland formiert sich scharfer Protest gegen die Festnahme zweier Moskauer Künstlerinnen. Die Mitglieder der Punk-Band Pussy Riot hatten im Heiligtum der orthodoxen Kirche vor dem Altar in einem "Punk-Gebet" Gott angefleht, Russland von seinem jüngst gewählten Präsidenten Wladimir Putin "zu erlösen".

Es sei ein Skandal, dass zwei junge Mütter im Alter von 22 und 23 Jahren im Gerichtssaal mit angelegten Handschellen in einem Käfig der Öffentlichkeit vorgeführt würden wie Tiere, kommentierten Moskauer Medien am Mittwoch. Mehr als 2000 Gläubige forderten in einem offenen Brief Patriarch Kirill auf, die "Hetzjagd" auf die Mitglieder der Punkband zu beenden.

Zwar verurteilten die Gläubigen die Performance in der Moskauer Christi-Erlöser-Kathedrale, hieß es in dem Schreiben. "Aber noch für viel unzulässiger erachten wir die Reaktion auf die Aktion - Strafverfahren, Freiheitsentzug und die scharfen Angriffe von Mitgliedern der Kirchenführung auf die Teilnehmer des 'Punk-Gebets'." In einer nicht repräsentativen Umfrage des kritischen Radiosenders Echo Moskwy unterstützten mehr als 80 Prozent der Hörer den Brief.

Putin, der enge Beziehungen zur einflussreichen Kirche hat, reagierte nach Angaben seines Sprechers Dmitri Peskow "negativ" auf den Vorfall. Die jungen Frauen hatten - mit Strickmützen maskiert - vor dem Altar der Kirche in einem "Punk-Gebet" Gott angefleht, Russland von Putin zu befreien. Die Künstlerinnen waren daraufhin festgenommen worden. Ein Gericht ordnete Untersuchungshaft zunächst bis Ende April an. Den Frauen droht wegen "Rowdytums" eine mehrjährige Haftstrafe.

Mit dem Auftritt wollte Pussy Riot auch auf die enge Verbindung zwischen Politik und Kirche im Land aufmerksam machen. Patriarch Kirill hänge mehr an Putin als an Gott, hieß es in dem "Gebet". Die Band hatte zuvor unter anderem mit einem ebenfalls nicht genehmigten Konzert auf dem Roten Platz für Aufsehen gesorgt.

Intellektuellen-Vereinigung erkennt Putin-Wahl nicht an

Kirchenvertreter forderten ein hartes Durchgreifen. Die Frauen sollten allerdings nicht eingesperrt werden, sagte Wladimir Legoida vom Moskauer Patriarchat. Falls Pussy Riot ein Zeichen von Reue zeige, sei die Kirche zur Vergebung bereit. Auch der Menschenrechtsbeauftragte der russischen Regierung, Wladimir Lukin, forderte Haftverschonung. Ein Strafverfahren sei "jenseits jeder Vorstellung", sagte Lukin. Am Donnerstag wollen Unterstützer mit einer Mahnwache für die Freilassung der jungen Frauen demonstrieren.

Die Führung in Moskau wolle ein Exempel statuieren, um politische Proteste dieser Art künftig zu verhindern, meinen Experten. Kritische Künstler, wie etwa die für radikale Aktionen bekannte Gruppe Wojna, werden nach Ansicht von Bürgerrechtlern in Russland immer wieder politisch verfolgt. Die Betroffenen begründen ihren Einsatz auch damit, dass es wegen mangelnder Freiheiten keine anderen politischen Ausdrucksmöglichkeiten gebe.

Erst am Montag hatte die Polizei 550 Putin-Gegner in Moskau festgenommen, nachdem Einheiten eine Anti-Regierungsdemonstration gewaltsam beendet hatten. Die Oppositionellen durften die Gefängnisse am Dienstag wieder verlassen. Es war das erste Mal seit Monaten, dass die Polizei wieder mit Härte gegen die Opposition vorging.

Putin-Sprecher weist Vorwürfe zurück

Zehntausende hatten in den beiden Metropolen Moskau und St. Petersburg gegen die Rückkehr des 59-jährigen Ex-Geheimdienstchefs ins Präsidentenamt protestiert. Internationale Beobachter hatten die Wahl als ungerecht kritisiert.

Der Wählerwille sei "von systematischen Fälschungen völlig verzerrt" worden, teilte die neue Intellektuellenbewegung "Liga der Wähler" am Mittwoch in Moskau mit. Die Vereinigung von Intellektuellen, Künstlern und Journalisten erkennt den haushohen Sieg Putins nicht an. Der Verlauf der Wahl sei eine "Beleidigung" für die gesamte russische Gesellschaft.

Putins Sprecher Peskow wies die Vorwürfe zurück. Für diesen Samstag kündigte die Opposition eine neue Großkundgebung gegen die Wahl von Putin an. Dann sollen bis zu 50.000 Menschen unweit des Kremls demonstrieren.

lgr/dpa

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 78 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. der Patriarch
Gröfurz 07.03.2012
Zitat von sysopSie flehten Gott an, Russland von Putin zu erlösen. Nach einer Kirchen-Performance wurden zwei junge Punk-Musikerinnen der Band "Pussy Riot" im Gericht wie Tiere vorgeführt, ihnen drohen lange Haftstrafen. Gläubige bezeichnen das harte Vorgehen der Behörden als Hetzjagd.
Russland nähert sich den Zuständen in Saudi-Arabien oder dem Iran an. Russland ist offensichtlich auf dem Weg zum totalitären Gottesstaat. Kirche/Religion und Staat sind in Russland fast so eng verbunden wie im Iran oder Saudi-Arabien. Dieses Vorgehen zeigt, daß sich der neototalitäre Apparat, den Putin geschaffen hat, bereits verselbständigt hat. Russland droht ein postmodernes Mittelalter: klerikal-totalitärer Überwachungsstaat, eine widerliche Symbiose aus Neo-KGB und Klerikern. Patriach Alexej, der vor einiger Zeit starb, war übrigens jahrzehntelang KGB-Agent. Russland drohen sehr, sehr finstere Zeiten. Einfach schrecklich, was dort passiert.
2. Pussy Riot
Revarell 07.03.2012
Wenn man sich die vielen Übergriffe des dortigen Systems gegen Systemkritiker aus der jüngsten Vergangenheit vor Augen hält kann man sich ausrechnen was sich in Rußland allmählich zusamenbraut! Mit Demokratie hat das in keinster Weise etwas zu tun und man kann nur hoffen dass es dort im Laufe der Zeit zu erkennbar positiven Veränderungen kommt. Fatalerweise reagieren repressive Systeme in der Regel auf kritische Forderungen mit Gewalt und anderen repressiven Methoden, über diesbezügliche Erfahrungen verfügt man in dem Land ja seit Generationen zu Genüge. Diese ganzen Umwälzungen werden mit Sicherheit noch viele Jahre andauern, mit ungewissem Ausgang!
3. Und nun?
unemployed50 07.03.2012
Zitat von sysopSie flehten Gott an, Russland von Putin zu erlösen. Nach einer Kirchen-Performance wurden zwei junge Punk-Musikerinnen der Band "Pussy Riot" im Gericht wie Tiere vorgeführt, ihnen drohen lange Haftstrafen. Gläubige bezeichnen das harte Vorgehen der Behörden als Hetzjagd.
[Zitat] [Zitat] Nun, die jungen Damen hatten ihre Performance und wussten auf was sie sich einlassen.In Handschellen vor das Gericht geführt? Na vielleicht hatten sie sich vorher etwas "daneben" genommen? "Kirchenvertreter fordern ein hartes Durchgreifen"! Allerdings keine Haftstrafen. Von zwei Damen die sich " Pussy Riot" nennen hab ich ich keinen politischen Respekt. Das liegt irgendwo zwischen politischer Provokation und grober Unfug. Gruß HP PS. Danke Spiegel für diesen ausführlichen und informativer Bericht! Irorie off!!
4. Nichts Anderes
G-Kid 07.03.2012
Zitat von GröfurzRussland nähert sich den Zuständen in Saudi-Arabien oder dem Iran an. Russland ist offensichtlich auf dem Weg zum totalitären Gottesstaat. Kirche/Religion und Staat sind in Russland fast so eng verbunden wie im Iran oder Saudi-Arabien. Dieses Vorgehen zeigt, daß sich der neototalitäre Apparat, den Putin geschaffen hat, bereits verselbständigt hat. Russland droht ein postmodernes Mittelalter: klerikal-totalitärer Überwachungsstaat, eine widerliche Symbiose aus Neo-KGB und Klerikern. Patriach Alexej, der vor einiger Zeit starb, war übrigens jahrzehntelang KGB-Agent. Russland drohen sehr, sehr finstere Zeiten. Einfach schrecklich, was dort passiert.
Das ist doch in der USA schon lange so. Unter G.W.Bush mußte die ganze Regierungsmannschaft frühmorgens erst einmal beten. Und bitte nicht vergessen, was die Evangelikanen für einen Einfluß haben. Das sieht man gerade jetzt bei den Vorwahlen der Republikaner- da wird von einigen Kandidaten sogar ein US- Gottes-Staat angestrebt! Und- auch Bush sen. war beim Geheimdienst, und nicht nur er, sondern -zig Regierungsmitglieder. Also bitte mal einfach objektiv bleiben!
5. 7 Jahre
Gröfurz 07.03.2012
Zitat von sysopSie flehten Gott an, Russland von Putin zu erlösen. Nach einer Kirchen-Performance wurden zwei junge Punk-Musikerinnen der Band "Pussy Riot" im Gericht wie Tiere vorgeführt, ihnen drohen lange Haftstrafen. Gläubige bezeichnen das harte Vorgehen der Behörden als Hetzjagd.
Den 22 und 23 Jahre alten jungen Frauen(die auch Mütter sind) drohen bis zu 7 Jahre(!) Haft, habe ich gerade im russischen Fernsehen gehört. Das ist einfach nur noch widerlich, was sich in Russland zusammenbraut. Und dieser käufliche Ex-Kanzler Schröder schwadroniert immer noch vom lupenreinen Demokraten Putin.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Politik
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Ausland
RSS
alles zum Thema Wladimir Putin
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 78 Kommentare


Bevölkerung: 142,958 Mio.

Fläche: 17.098.200 km²

Hauptstadt: Moskau

Staatsoberhaupt:
Wladimir Putin

Regierungschef: Dmitrij Medwedew

Mehr auf der Themenseite | Wikipedia | Lexikon | Russland-Reiseseite