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Widerstand gegen Anti-Schwulen-Gesetz: Shitstorm in Indiana

Von , New York

Unternehmerin im US-Bundestaat Indiana: "Dieses Unternehmen bedient jeden" Zur Großansicht
REUTERS

Unternehmerin im US-Bundestaat Indiana: "Dieses Unternehmen bedient jeden"

Der US-Bundesstaat Indiana erlässt ein neues Gesetz, das die Diskriminierung von Homosexuellen erlaubt. Die Empörung ist groß - Konzerne, Sportverbände, Bürgermeister rufen zum Boykott auf. Mit Erfolg.

Indiana gehört zu den unauffälligeren US-Bundesstaaten. Die Leute dort nennen sich "Hoosier", niemand weiß so genau, warum eigentlich. Wenn es Schlagzeilen von dort gibt, dann im Sport, mit College-Basketball oder dem Indy-500-Autorennen. Das Tourismusamt preist die Maisfelder, den Staatsvogel Rotkardinal und das abwechslungsreiche Wetter.

Plötzlich aber spricht ganz Amerika über Indiana - und nicht unbedingt so, wie es sich die "Hoosier" wünschen: "Noch ein Grund, sich zu schämen", lästerte die "Chicago Tribune" im benachbarten Illinois.

Der Grund ist ein Gesetz, das das republikanisch dominierte Parlament in Indianapolis verabschiedet und der republikanische Gouverneur Mike Pence unterzeichnet hat. "Religious Freedom Restoration Act" heißt es pompös, soll also die religiösen Freiheiten "wiederherstellen", die in Indiana offenbar bedroht sind: "Eine staatliche Aktion darf das Recht einer Person, seine Religion auszuüben, nicht erheblich erschweren."

Doch hinter dem Gesetz steckt etwas viel Perfideres: Es erlaubt ausdrücklich, Homosexuelle zu diskriminieren - unter dem Vorwand religiöser Überzeugung.

Das anachronistische Gesetz ist eine Gegenreaktion auf den letzten großen Kulturkampf. Denn schwul-lesbische Gleichberechtigung ist in den USA nicht mehr aufzuhalten: Die gleichgeschlechtliche Ehe ist inzwischen in 37 Staaten und der Hauptstadt Washington legal. Auch in Indiana - per Gerichtsurteil, trotz des Widerstands der Republikaner.

Keine Pizza für Schwule

Also versuchten sie, die Rechtslage hintenrum auszuhebeln. Wie das geht, bewies die Pizzeria "Memories" in Walkerton, einem Dorf im Norden Indianas. Die freute sich über das Gesetz: "Wenn ein schwules Pärchen reinkäme und verlangte, dass wir für ihre Hochzeit Pizzas liefern, würden wir das ablehnen", sagte Mitbesitzerin Crystal O'Connor dem lokalen TV-Sender WBND stolz. "Wir sind ein christlicher Betrieb."

Das aber ging völlig nach hinten los: Pence und seine Sittenwächter hatten die Kraft des sozialen Wandels unterschätzt.

Die Reaktion auf die Reaktionären war schnell, brutal und effizient. Am lautesten bei der Wirtschaft: Ein Unternehmen nach dem anderen distanzierte sich von Indiana. Marc Benioff, Vorstandschef des Silicon-Valley-Konzerns Salesforce, strich alle Geschäftsreisen in den Staat. Andere IT-Firmen zogen mit und drohten, die Tech-Konferenz Indy Big Data im Mai in der Hauptstadt Indianapolis zu boykottieren.

Auch Nike, Levi Strauss und PayPal kehrten Indiana den Rücken. Solche Gesetze "stehen den Prinzipien entgegen, auf denen unsere Nation gegründet ist", schrieb der offen schwule Apple-Chef Tim Cook in der "Washington Post". Star-Investor Warren Buffett schloss sich dem ebenso an wie Arne Sorenson, der Boss der Hotelkette Marriott.

Bigotterie ist schlecht für's Geschäft

Die neun größten Arbeitgeber Indianas - darunter der Pharmakonzern Eli Lilly - protestierten in einem Brief an Pence. Denn sie wissen: Heutzutage ist Bigotterie, wie Cook schrieb, "schlecht fürs Geschäft".

Nicht nur in der Wirtschaft. Die National Collegiate Athletic Association (NCAA), die ihren Sitz in Indianapolis hat, und die Basketball-Liga NBA verurteilten das Gesetz. Prominente Sportler forderten die Verlegung der Finalserie im College-Basketball, die an diesem Wochenende in Indianapolis stattfindet.

"Herr Gouverneur, Sie sind ein A….loch", schrieb Popstar Miley Cyrus auf Instagram unter einem Foto von Pence. Der Schauspieler Ashton Kucher fragte auf Twitter, ob Indiana auch "Juden verbannen" würde.

Die Gouverneure von Connecticut, Vermont, Washington und New York erließen Reiseverbote für ihre Angestellten nach Indiana. Flankiert von vielen Bürgermeistern: New York City, San Francisco, Seattle, Portland. Selbst Greg Ballard, der republikanische Bürgermeister von Indianapolis, war entsetzt: "Unsere Stadt blüht, gerade weil wir Diversität immer begrüßt und angenommen haben."

Pence verteidigte sich anfangs noch, indem er auf ähnliche Gesetze in 19 anderen US-Staaten und auf Bundesebene verwies. Doch die enthalten meist ausdrückliche Schutzvorschriften für Minderheiten.

Das Parlament von Arkansas erließ am Dienstag ein ähnliches Gesetz. Doch da sperrte sich der republikanische Gouverneur Asa Hutchinson sofort. Erstens, weil der Einzelhandelsriese Wal-Mart - Arkansas' größter Arbeitgeber - Konsequenzen androhte. Zweitens, weil sein Sohn Seth, ein progressiver Aktivist, ihn darum gebeten hatte.

Auch in Indiana knickte Pence schließlich ein und wies seine Partei an, das Gesetz so zu revidieren, dass es keine Diskriminierung erlaube. Die Republikaner beharrten zerknirscht darauf, sie seien nur falsch verstanden worden: "Es tut uns leid, dass diese Fehlinterpretation so viele verletzt hat", sagte Brian Bosma, der Sprecher des Unterhauses.

Leid tut es wohl auch der Pizzeria "Memories". Die geriet auf den sozialen Netzwerken in einen solchen Shitstorm, dass sie erst mal schließen musste. "Wir verstecken uns im Haus", sagte O'Connor der Website "TheBlaze". "Ich weiß nicht, ob wir wieder öffnen können."

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1.
sponner_hoch2 02.04.2015
"Ich weiß nicht, ob wir wieder öffnen können." Nun, öffnen *können* können sie bald hoffentlich wieder - für Gewalt und ähnliches habe ich kein Verständnis. Aber offen *bleiben* können sie aufgrund des anhaltenden Boykotts und der darauf folgenden Pleite hoffentlich nicht.
2.
aspro86 02.04.2015
Erfreuliche Nachrichten aus den USA. Mir geht nur nach wie vor nicht in den Kopf, wie dort immer noch die Hälfte der Leute die Republikaner wählen können. Klar, die Demokraten haben in den letzten Jahren auch nicht besonders viel richtig gemacht, aber es ist ja nun keine gottgegebene Tatsache, dass es nur 2 Parteien geben darf.
3. Ob ich z.B. in einer polygynischen Lebenshaushaltsgemeinschaft lebe
dalejd 02.04.2015
oder nicht, solches geht meiner Meinung nach den Arbeitgeber als solchen überhaupt nichts an. So oder so, Religion und Kirche ist nicht unbedingt ein und das selbe. D.h. wenn eine lokale Kirchengemeinschaft so etwas wie einen gesellschaftlichen Kodex haben dann haben sie solches, aber das bedeutet nicht unbedingt dass es im fachlichen Sinne wirklich auf "Schrift" beruht. Was die Angelegenheit der hervorgehobenen Schwulen-Hochzeit angeht, ich würde es ziemlich absurd finden wenn ein Angestellter z.B. Kellner nach Einstellung im Restaurant dann mal irgenwie feststellt er hätte ein Problem (Schweine-/Rind-)fleischmahl zu servieren. Oder in anderen Worten, wenn jemand nur zu kirchlich-gesellschaftlichem Anlass Catering machen will dann hört sich solches nach solchem an und sollte als solches oder so angeboten werden. Womit ich sagen will dass, obwohl ich persönlich kein Problem als Caterer hätte zu catern, ich mal hier als Beispiel hervorheben würde wie absurd es wäre wenn ich als r.-katholischer Caterer keine standesamtliche Trauung becatern würde. Aber, und dass es ein bissel worum es da im Kern geht, wenn wir nun mal davon ausgehen dass meine moralischen Wertvorstellungen die öffentlichen überragen, z.B. zur Verdeutlichung dass im öffentlichen Recht Zwangsheirat von Minderjährigen ok wäre, dann hätte ich sicherlich ein Problem damit solches zu becatern, aber aus der Position des Caterers würde ich mir sicherlich die Frage stellen ob es mich überhaupt etwas angeht, und falls ja dann inwieweit ich welche Stellung beziehen würde oder Rückzug antrete im Sinne von an den Nagel hängen des Caterings zu welchem ich ja abgesehen von finanziellen Realitäten nicht gezwungen bin.
4. gut so
DerBlicker 02.04.2015
Für Diskriminierung gibt es keinen Platz in der Gesellschaft, auch nicht unter dem Deckmantel der religiösen Freiheit.
5. Schadenfreude
grafzet 02.04.2015
Eigentlich bin ich niemand, der allzu offen seine Schadenfreude kundtut. Im Falle offen diskriminierender Menschen mache ich aber gerne eine Ausnahme. So sehr ich die bestimmt als besonders aufrichtig einzustufenden religiösen Ansichten Miss O'Conners respektiere...Meinungen wie die ihre verachte ich auf ganzer Linie. Hoffentlich merkt sie, zusammen mit allen für dieses Gesetz verantwortlichen, dass ihre Einstellungen antiquierte Relikte einer primitiven Vorzeit sind.
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