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Anti-Terror-Aktion an Grenze zu Irak: Wieso die USA plötzlich Syrien attackieren

Von Ulrike Putz, Beirut

Ein US-Blitzangriff auf Syrien schockiert den Nahen Osten. Insidern zufolge wurde bei der Attacke ein irakischer Qaida-Führer getötet - doch es ging um mehr: Die Regierung Bush wollte nach Pakistan jetzt auch den Machthabern in Damaskus zeigen, dass ihr Anti-Terror-Kampf kaum Grenzen kennt.

Beirut - Die Lampe schwenkt durch den Rohbau des Hauses, da sieht man im Lichtkegel plötzlich zwei Blutlachen im Sand. Eine in Decken gehüllte Frau sagt, ihr Mann sei unter den Toten. Sie selbst sei verwundet worden. Ein Mann mit Verband um die Schulter berichtet von einem Angriff kurz vor Sonnenuntergang. Er sei mit dem Moped auf dem Weg zum Euphrat gewesen, habe angeln gehen wollen. Wie aus dem Nichts seien Hubschrauber aufgetaucht und hätten das Feuer eröffnet. 15 Minuten lang seien Kugeln heruntergegangen, "wie Regen". Eine habe ihn an verletzt, die anderen Bauarbeiter, Kinder und Frauen getötet.

Syrische Trauernde nach US-Attacke: Washington spricht von Erfolg
DPA

Syrische Trauernde nach US-Attacke: Washington spricht von Erfolg

Szenen aus dem syrischen Staatsfernsehen, die klarmachen, wie das Regime in Damaskus die ominöse US-Attacke am Sonntag auf einen Marktflecken im Süden des Landes gedeutet wissen will. Doch war es wirklich ein "kaltblütiger Mord, ein Kriegsverbrechen" an acht Zivilisten, wie es die staatliche Tageszeitung "Tischrin" im Einklang mit der Propaganda nannte?

Oder wurden bei dem Angriff mit Kampfhubschrauber und Bodentruppe in Wahrheit Qaida-nahe Kämpfer getötet, die auf dem Weg in den nur acht Kilometer entfernten Irak waren? So ist es inoffiziell aus der US-Regierung zu hören - und so berichtet es mit Verweis auf einen Insider die Zeitungsgruppe McClatechey: Ihr zufolge wurde bei dem Militärschlag der hochrangige Qaida-Führer Abu Ghadija getötet, einer der zentralen Terroristenschleuser und Waffenschmuggler in der Grenzregion. "Abu Ghadija gilt als getötet", wird der US-Regierungsinsider zitiert.

Welche Version stimmt, ist anhand der vorliegenden Berichte nicht zu klären. Nur so viel steht inzwischen fest: dass der US-Angriff mit Sicherheit stattgefunden hat.

Ein US-Regierungsvertreter bestätigte am Montag mehreren Nachrichtenagenturen, dass Streitkräfte am Sonntag auf syrisches Gebiet vorgedrungen sind. Der Mann wollte seinen Namen nicht genannt wissen - sagte aber, der Einsatz gegen Terroristen, die Syrien als Rückzugsraum nutzen, sei "erfolgreich" gewesen. Und dann ein Satz, den man auch als drohende Ankündigung verstehen kann: "Wir nehmen die Dinge in unsere Hand."

Die USA drohen - und Syrien auch

Die US-Regierung weiß, dass sie mit dem Angriff in Syrien ein riskantes Manöver vollzogen hat - daher nur die inoffizielle Bestätigung. Öffentlich teilten die US-geführten Truppen im Irak nur mit, sie hätten "keinerlei Informationen" über den Vorfall. Dana Perino, Sprecherin von US-Präsident George W. Bush, wollte keinen Kommentar abgeben, ebenso wenig der Sprecher des Verteidigungsministeriums.

Ganz anders der syrische Außenminister, der derzeit zu Besuch in Großbritannien ist: Der Angriff sei "eine terroristische Aggression", sagte er und war dabei offensichtlich in Rage. Auch er machte eine drohende Ankündigung: Bei einer erneuten Attacke werde Syrien "sein Staatsgebiet verteidigen".

Ob es dazu in der Lage ist, bleibt zwar fraglich; schon das israelische Bombardement einer angeblichen Atomanlage im Norden des Landes hatte das Regime im September 2007 hinnehmen müssen. Doch die Aufregung der Syrer zeigt, wie ernst sie die Sache nehmen, wie überraschend die Aktion für sie offensichtlich kam - und dass die USA womöglich gerade einen bedeutsamen Strategieschwenk vollziehen.

Die Frage ist, was die USA mit ihrem Kommandounternehmen genau bezwecken wollten. Präsident Bush hat seinen Truppen im Juli per Geheimbefehl schon erlaubt, Ziele in Pakistan anzugreifen - einem Land, das eigentlich Partner im Anti-Terror-Krieg ist, mit dessen Kampf gegen Taliban, Qaida & Co die US-Regierung allerdings nicht zufrieden war. Die Stammesgebiete im Nordwesten des Landes gelten als Rückzugsgebiet für radikale Islamisten und Terroristen aus dem benachbarten Afghanistan. Solche Angriffe auf pakistanischem Territorium zu führen, hatten im Prinzip auch die Präsidentschaftskandidaten Barack Obama und John McCain nicht ausgeschlossen.

USA kritisieren "unkontrollierte" Grenze

Ist Syrien nun das zweite Pakistan? Die Fälle sind nicht komplett zu vergleichen. Syrien ist kein US-Verbündeter, sondern war in den vergangenen Jahren ein erbitterter Gegner. Erst in jüngster Zeit hatten sich das Regime von Präsident Baschar al-Assad und die USA angenähert. Eigentlich standen die Zeichen gerade auf Entspannung. Das Angriffskommando an der irakischen Grenze bedeutet da eine Botschaft der etwas drastischeren Art an die Machthaber in Damaskus.

Nur was für eine?

Denkbar ist einerseits, dass Syrien dazu gebracht werden soll, mehr Truppen an die eigene Grenze zu verlegen - und sei es nur zur besagten Verteidigung des eigenen Territoriums. Die USA könnten darauf setzen, dass eine mächtige syrische Präsenz an der Grenze zum Irak den Schmuggel von Waffen und Menschen zumindest erschwert.

Andererseits gilt es unter Experten als gesichert, dass Syrien den Grenzverkehr des Terrors schon lange hätte unterbinden können - wenn es nur gewollt hätte. Demnach wäre die Attacke vor allem eine Drohung: Entweder macht Assad Ernst mit seinen Beteuerungen, die Grenze zum Irak abzudichten - oder die USA tun das selbst.

Generalmajor John Kelly, Kommandeur der US-Truppen im Westirak, hatte erst vor wenigen Tagen angekündigt, die Anstrengungen bei der Sicherung der irakisch-syrischen Grenze zu verdoppeln. Die Gegend sei ein "unkontrolliertes" Einfallstor für Kämpfer - im Gegensatz zu den Grenzen zu Saudi-Arabien und Jordanien, die lokale Sicherheitskräfte recht gut sichern würden. Kelly: "Die syrische Seite, denke ich, ist von ihrer Seite aus ungesichert." Und: "Wir haben dort ein gewisses Maß an Bewegungen ausländischer Kämpfer."

Der irakische Regierungssprecher Ali al-Dabagh kritisierte an diesem Montag, in dem nun angegriffenen Gebiet gebe es Aufständische, die Syrien als Basis für Aktionen gegen den Irak nutzen. Erst kürzlich hätten Rebellen 19 irakische Sicherheitskräfte im syrisch-irakischen Grenzgebiet getötet.

Syrien wehrt sich seit langem gegen den Vorwurf, es sei mutwillig nachlässig. Schon im Juli beklagte General Khaklil al-Khaled im US-Fernsehsender CNN, Syrien müsse die Grenze zum Irak mit veralteter Technik kontrollieren - weil die von den USA verhängten Wirtschaftssanktionen technische Nachrüstung verhinderten. Man brauche unter anderem Nachtsichtgeräte und Sturmgewehre. Syrien wolle außerdem von der US-Regierung nicht wegen seiner laxen Grenzpatrouillen kritisiert werden, wenn "die USA selbst ihre Grenze zu Mexiko nicht kontrollieren können".

Proteste im Nahen Osten und Russland

Die US-Attacke auf Syrien wurde überall im Nahen Osten schockiert registriert. "Die USA haben ihrem Sündenregister einen neuen Eintrag hinzugefügt, ... der amerikanische Terror hat jetzt auch Syrien erreicht", schrieb die regierungskritische irakische Nachrichtenagentur INA. Amre Mussa, Generalsekretär der Arabischen Liga, kritisierte, das Letzte, was die Region jetzt brauche, seien neue Versuche, sie zu destabilisieren. Der libanesische Ministerpräsident Fuad Siniora verurteilte den Angriff als gefährliche und inakzeptable "Verletzung der syrischen Souveränität"

Auch Russland verurteilte den Angriff scharf. Unter dem "Motto des Anti-Terror-Kampfes" dürften keine Territorien souveräner Staaten angegriffen werden, sagte der Sprecher des russischen Außenministeriums, Andrej Nesterenko. Man habe den Angriff mit "großer Besorgnis" zur Kenntnis genommen.

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