Anti-Terror-Kampf Bagdad geht gegen US-Verbündete im Irak vor

Sunnitische Stammesmilizen sind die schärfste Waffe der USA im Kampf gegen al-Qaida im Irak. Doch die Regierung in Bagdad, von Schiiten dominiert, fürchtet den wachsenden Einfluss dieser Truppe - und will Hunderte der Anti-Qaida-Kämpfer festnehmen. Es droht eine neue Spirale der Gewalt.

Von Yassin Musharbash


Sunnitische Stammeskämpfer nahe Bagdad: Verraten und verkauft?
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Sunnitische Stammeskämpfer nahe Bagdad: Verraten und verkauft?

Berlin - Es vergeht fast kein Tag, ohne dass die irakische Filiale des Terrornetzwerks al-Qaida sich mit Racheakten gegen die "Komitees des Erwachens" brüstet. Egal ob hochrangige Scheichs, einfache Kontrollposten oder bewaffnete Kämpfer: Die Qaida-Kader richten sie brutal hin oder töten sie durch gezielte Attentate.

Ende Dezember 2007 forderte der Chef al-Qaidas im Irak sogar, dass jeder seiner Kämpfer drei Sprengsätze monatlich gegen die Komitees zum Einsatz bringe und richtete gar eine eigene Brigade ein, die diese Stammeskämpfer angreifen sollte. Al-Qaidas Mordlust hat einen Grund: Niemand war bisher effektiver in der Bekämpfung des Terrornetzwerks als eben jene "Komitees des Erwachens".

Die Geschichte der Komitees begann 2006 in der damals in Gewalt schier versinkenden Provinz Anbar. Milizen auf Stammesebene, durchsetzt mit Männern, die noch kurz zuvor gegen die US-Armee gekämpft hatten, erklärten sich damals bereit, die Fronten zu wechseln. Denn das Terrorregime, das al-Qaida überall dort errichtete, wo die Dschihadisten Fuß fassten, war nicht nach ihren Vorstellungen.

Fünf Anführer wurden bereits verhaftet

Die neue Allianz zwischen Ex-Guerillas und den USA trug schnell erste Früchte, und innerhalb von Monaten konnte al-Qaida praktisch aus Anbar verdrängt werden. Doch nicht nur al-Qaida, auch die Idee der Komitees wanderte daraufhin in benachbarte Provinzen weiter. General David H. Petraeus, Oberbefehlshaber der US-Armee im Irak, betrachtet die Komitees als eine der wichtigsten Erfolgsgeschichten. Er unterstützt die mittlerweile über 100.000 Mann massiv - mit Geld und auch mit Material. Nachweislich führte deren Engagement zu zahlreichen Festnahmen und großer Beute an Qaida-Dokumenten.

Experten stützen die Einschätzung, dass die Komitees eine entscheidende Rolle für das Sinken des Gewaltpegels im Irak hatten.

Doch die irakische Regierung, dominiert von schiitischen Parteien, sieht die Komitees mit zunehmender Skepsis. Und versucht nun laut "New York Times", 650 Mitglieder der Milizen festzusetzen. Entsprechende Anweisungen gebe es bereits, bestätigten US-Militärs und irakische Militärbeamte dem Blatt. Fünf Anführer sollen bereits festgenommen worden sein und einige Regierungsmitglieder, so die "NYT", würden die Komitees am liebsten ganz auflösen.

Die Motive für die geplanten Repressalien werden nicht offen ausgesprochen. Aber es dürften vor allem zwei Gründe sein, aus denen die Regierung kein Interesse an der Fortsetzung der Erfolgsgeschichte hat. Zum einen haben die Allianzen der Qaida-Bekämpfer mittlerweile ein echtes politisches und militärisches Gewicht erlangt. Zum anderen will die Regierung demonstrieren, dass die neue irakische Armee mittlerweile selbst in der Lage ist, für Ruhe zu sorgen.

Die US-Armee und unabhängige Experten sehen das allerdings anders. Sie fürchten, dass die Regierungsmaßnahmen im schlimmsten Fall zu einer neuen inner-irakischen Gewaltspirale entlang der sunnitisch-schiitischen Trennlinie führen könnte.

"Das ist typisch für die irakische Regierung", kommentierte der Politologe und geläuterte Neo-Con Lawrence F. Kaplan im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE die Linie der Regierung, "und das heißt: kurzsichtig und auf das Wohl ihrer eigenen religiösen Gruppe bedacht. Die Regierung sieht die Komitees als verdächtige sunnitische Machplattform und glaubt, dass ihre Armee die Provinzen sichern kann. Aber beides ist falsch. Wenn die Amerikaner an dieser Stelle nicht einschreiten, wird das dazu führen, dass die Regierung den Aufstand erneut anfacht."

Droht ein neuer Aufstand?

Denn auch die Milizen sind unzufrieden - und zwar weil die Regierung immer wieder Ausreden findet, den Stammeskämpfern die gewünschte Integration in die offiziellen Sicherheitsbehörden zu verweigern. Ursprünglich war vorgesehen, Zehntausende von ihnen einzugliedern. Nur wenigen Tausenden gelang der Schritt bisher.

Viele Schiiten in Parlament und Regierung trauen den Komitees nicht. Nicht zuletzt, weil viele der Anführer zu Saddams Zeiten Offiziere der irakische Streitkräfte waren und später, nach der US-Invasion, jahrelang im bewaffneten Widerstand aktiv waren. Gewinnen sie erneut Macht und Einfluss, so das Kalkül der Gegenseite, werden sie zu einer Gefahr für die schiitische Dominanz in der politischen Sphäre des Landes.

Entsprechend harsch ist die Wortwahl. "Diese Leute sind wie Krebs, sie müssen entfernt werden", zitiert die "NYT" etwa einen Brigadegeneral. "Der Staat kann die 'Komitees des Erwachens" nicht akzeptieren", sagte der führende schiitische Abgeordnete Dschalaludin al-Saghir dem Blatt. "Ihre Tage sind gezählt." Ob Premierminister Nuri al-Maliki diese Ansichten teilt oder sich im Moment nur treiben lässt, ist noch nicht klar.

Solche Töne empören indes die Stammesmilizen, die sich im Stich gelassen fühlen. Schon warnen erste Anführer, dass einige ihrer Kämpfer ihre Waffen künftig gegen die Regierung wenden könnten, wenn sie nicht in die Sicherheitsbehörden und die Armee integriert würden.

Der Konflikt bricht zu einem denkbar brisanten Zeitpunkt aus, denn die USA und der Irak verhandeln gerade über die Zukunft der US-Truppen im Land und ein mögliches Abzugsszenario. Vorgesehen ist, dass US-Soldaten sich aus zahlreichen Städten und Ortschaften zurückziehen und dort von irakischen Soldaten abgelöst werden. Die US-Armee könnte dann nicht mehr als Puffer fungieren, sollte der Streit sich ausweiten.

Auch die Amerikaner sind deshalb besorgt über den neuen Kurs der Regierung. "Wenn das nicht ordentlich gemacht wird", zitiert die "NYT" Brigadegeneral David Perkins, den Sprecher der US-Armee im Irak, "dann könnte das ein Sicherheitsproblem werden."



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