Anti-Terror-Kampf: Pakistaner melden tödlichen Drohnenangriff auf deutsche Islamisten
Bei einem US-Raketenangriff in Pakistan sind nach Angaben pakistanischer Geheimdienstler mehrere deutsche Islamisten getötet worden. Über die Zahl der Getöteten und die Hintergründe gehen die Angaben auseinander - auch die Bundesregierung wurde am Abend von der Nachricht überrascht.
Miranshah/Islamabad - Bei einem US-Drohnenangriff im Grenzgebiet zu Afghanistan sind am Montag nach pakistanischen Geheimdienstangaben mehrere deutsche Islamisten ums Leben gekommen. Die Nachrichtenagenturen Reuters und dpa berichten unter Berufung auf Geheimdienstvertreter von acht getöteten Deutschen. AP und AFP zufolge starben angeblich fünf deutsche Islamisten, laut AFP hatten sie türkische Wurzeln - die anderen drei Getöteten sollen Pakistaner sein. Zurzeit würden die Hintergründe und die Zugehörigkeit zu militanten Gruppen geprüft. dpa berichtet außerdem von drei getöteten Turkmenen.
Im Kanzleramt und in den zuständigen Ministerien herrschte am Montagabend Unklarheit über die Meldungen. Keine Behörde wollte auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE einen offiziellen Kommentar abgeben. Inoffiziell hieß es, man habe keinerlei Kenntnis über den Vorfall, gehe den Hinweisen aus Pakistan aber nun nach.
Die Angaben der Nachrichtenagenturen über den Vorfall und die Hintergründe gehen teilweise weit auseinander. Allen Berichten zufolge wurden von der Drohne zwei Raketen abgefeuert. Sie hätten am späten Montagabend pakistanischer Ortszeit ein Gebäude in der Stadt Mir Ali getroffen, die in der Region Nord-Waziristan nahe der afghanischen Grenze liegt.
AP berichtet, bei den Toten handle es sich vermutlich um Deutsche, die sich zur Terrorausbildung in der Region aufgehalten hätten. Angriffsziel sei das Haus des verdächtigen Pakistansers Sher Mullah in der Nähe einer Moschee gewesen. Dieser sei nach Angaben eines Nachbarn vom pakistanischen Geheimdienst vor Monaten zusammen mit einem Deutschen gefasst worden. "Er hat all diesen Deutschen Obdach gegeben", sagte der Nachbar der Agentur.
Von einem dpa-Informanten im pakistanischen Geheimdienst wurde der Hausbesitzer als Sher Maula Khan identifiziert - der ähnlich klingende Name deutet darauf hin, dass es sich um denselben Mann handelt. Er sei im Juni festgenommen worden, nämlich zusammen mit dem deutschen Islamisten Rami M., der inzwischen nach Deutschland abgeschoben ist. Khan sei ein Taliban und habe sein Gehöft an die Deutschen vermietet, sagte der pakistanische Geheimdienstler der dpa. Einer der getöteten Deutschen habe sich Fayyaz genannt und Anschläge in Europa geplant.
Reuters meldete indes, Ziel des Drohnenangriffs sei eine Moschee in Mir Ali gewesen - von einem Privathaus war nicht die Rede. "Die Menschen hatten sich zum Gebet versammelt, als die Raketen einschlugen", schilderte ein Bewohner im Telefongespräch mit der Agentur den Angriff. Die Einschlagstelle sei später von Aufständischen abgeriegelt worden. AFP berichtete, die US-Drohne habe eine "Stellung" von feindlichen Kämpfern im Visier gehabt.
Angeblich brisante Erzählungen eines Qaida-Mitglieds
Die US-Armee setzt immer öfter Drohnen für Luftangriffe im Grenzgebiet zwischen Afghanistan und Pakistan ein. Erst am Samstag waren bei zwei Angriffen durch US-Drohnen in Nord-Waziristan 15 mutmaßliche Aufständische getötet worden. Im September gab es 21 US-Drohnenangriffe allein in Nordwestpakistan, so viele wie nie zuvor - die Bombardements der unbemannten Flieger gehören fest zur Anti-Terror-Strategie der US-Regierung unter Barack Obama.
In Mir Ali laufen die Fäden vieler Terrornetzwerke zusammen. Immer wenn Rückkehrer aus den Lagern der Taliban, der al-Qaida oder vieler Splittergruppen berichten, fällt der Name des Orts. Die pakistanische Armee hat hier keine Kontrolle mehr, das ganze Gebiet gilt als Rückzugsgebiet für Terroristen.
Auch der Deutsch-Afghane Ahmad Sidiqi, den die US-Fahnder seit Wochen in der US-Militärbasis Bagram in Afghanistan verhören, hat von seinen Erlebnissen in Mir Ali berichtet. So habe er dort im Frühsommer 2010 unter konspirativen Umständen einen Scheich Namens Younis al-Mauretani getroffen. Dieser stellte sich demnach selbst als Nummer drei der al-Qaida-Rangfolge vor.
Als brisant werden die von Sidiqi überlieferten Erzählungen des Scheichs eingestuft. Demnach berichtete er dem deutschen Terrorreisenden von angeblich großen Plänen. Diese habe Qaida-Chef Osama Bin Laden persönlich abgesegnet und sogar Geld für die Logistik gegeben. Sidiqi zufolge sei es um Anschläge in Europa gegangen. Frankreich sei als mögliches Ziel genannt worden, auch Großbritannien.
Vertreter westlicher Sicherheitsbehörden hatten in der vergangenen Woche in Nord-Pakistan operierende Extremisten mit geplanten Anschlägen in Europa in Verbindung gebracht. Am Sonntag warnten die USA und Großbritannien vor einer erhöhten Anschlagsgefahr in Europa.
Bisher keine Meldungen von Islamisten-Gruppen über Tote
Im afghanisch-pakistanischen Grenzgebiet halten sich Dutzende deutsche Islamisten auf. Etliche davon sind den Behörden namentlich bekannt. Sie teilen sich im wesentlichen in vier militante Gruppen auf: die Islamische Bewegung Usbekistan (IBU), die Islamische Dschihad-Union (IJU), die Deutschen Taliban-Mudschahidin (DTM) und al-Qaida. Unter den Kämpfern sind auch Frauen. Bisher hat keine dieser Gruppen im Internet bekannt gegeben, dass deutsche Mitglieder bei einem Drohnenangriff in Pakistan getötet worden seien.
Einige der deutschen Dschihadisten sind im Laufe der vergangenen zwei Jahre in Propagandavideos aufgetreten, etwa die beiden Bonner Brüder Yassin und Munir C. Mehrfach warben sie um neue Mitkämpfer. Sie filmten sich selbst während Kämpfen, meistens gegen die pakistanische Armee. Die Brüder befinden sich mit weiteren Deutschen bei der IBU. Diese ursprünglich usbekische Gruppierung hat schon vor Jahren ihre Zentrale nach Waziristan verlegt und operiert sowohl in Pakistan gegen die dortige Armee als auch in Afghanistan gegen einheimische und Nato-Truppen. Ein deutscher IBU-Kämpfer kam im Herbst 2009 bei einem Gefecht ums Leben.
Ein weiteres Kontingent Deutscher hält sich bei der IJU beziehungsweise bei Gruppen auf, die mit ihr verbunden oder aus ihr hervorgegangen sind. Auch die so genannte Sauerland-Gruppe, die Anschläge in Deutschland plante, gehörte zur IJU. Die Gruppe zeigt seit der Tötung ihres Anführers vor fast einem Jahr Zerfallserscheinungen.
Drohnenangriffe haben Druck auf Islamisten erhöht
Einige deutsche Kämpfer treten als Deutsche Taliban-Mudschahidin (DTM) auf. Auch sie haben in Videos mit Attentaten in Deutschland gedroht und sich selbst militanter Anschläge bezichtigt. Vermutlich gehört etwa ein halbes Dutzend Deutscher zu den DTM. Diese wiederum stehen in Verbindung zur türkisch dominierten Gruppe Taifa al-Mansura, unter deren Logo zumindest zeitweise der Deutsche Eric Breininger auftrat. Er wurde Anfang des Jahres von der pakistanischen Armee getötet.
Unter dem Logo von al-Qaida ist bisher ein Deutscher aufgetreten: Bekkay H., alias Abu Talha, aus Bonn. Er drohte im Herbst 2009 mit Anschlägen nach der Bundestagswahl in Deutschland. Es gibt Gerüchte, Bekkay H. sei schon vor Wochen getötet worden. Ein weiterer deutschsprachiger Kämpfer trat 2009 in einem Qaida-Video auf, sein Name ist aber nicht bekannt.
Seit dem vergangenen Sommer sickerte aus den Gruppen nach außen, dass einige der Kämpfer wohl am liebsten nach Deutschland zurückkehren würden. Der Verfolgungsdruck - auch durch Angriffe von US-Drohnen - hat stetig zugenommen.
mgb/mmq/yas/Reuters/AP/dpa
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Hersteller: General Atomics Aeronautical Systems
Stückpreis: rund 4.5 Millionen Dollar
Bewaffnung: zwei Luft-Boden-Raketen "AGM-114 Hellfire"
Maße: 8,23 m lang, 14,84 m Flügelspannweite
Reichweite: 3704 km
Flughöhe: max. 7620 m
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Hersteller: General Atomics Aeronautical Systems
Stückpreis: 10,5 Millionen Dollar
Bewaffnung: bis zu 1361 kg
(z.B. Raketen der Typen "AGM-114 Hellfire" und "AIM-9 Sidewinder" oder Bomben der Typen "GBU-12 Paveway II" und "GBU-38 DAM")
Maße: 10,97 m lang, 20,12 m Flügelspannweite
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